Psychologie

Frau Walitza, wie erkennt man Kinderängste?

Kinder- und Jugendpsychiaterin Susanne Walitza sagt, dass Kinder in der Regel nicht über ihre Ängste sprechen. Sie erklärt, wie man Kinderängste erkennt – und was sie von Erwachsenenängsten unterscheidet.
Interview: Sarah King
Bild: Stephan Rappo / 13 Photo

Frau Walitza, Angst ist eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Merken Sie das im Klinikalltag? 

Interessanterweise behandeln wir häufiger Kinder und Jugendliche mit ADHS, obwohl doppelt so viele Kinder eine behandlungsbedürftige Angststörung aufweisen. Aus Befragungen von Schulgesundheitsdiensten wissen wir, dass etwa 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler Ängste haben, etwa 10 Prozent davon sind klinisch behandlungsbedürftig.

Wie kommt es zu dieser Diskrepanz? 

Früher wurden Ängste und Zwänge diagnostisch zusammengefasst. Bei Angst- und Zwangserkrankungen wissen wir, dass Betroffene oft bis zu acht Jahre warten, bis sie zum ersten Mal in Behandlung gehen. Kinder reden nicht über ihre Angst. Hinzu kommt, dass ein Kind mit einer Angststörung weniger auffällt in der Schule. Es verhält sich im Gegensatz zu einem Kind mit ADHS ruhig und angepasst. Angst ist eine unsichtbare Krankheit. Das führt zu diesem Gap zwischen Betroffenen und solchen, die in Behandlung kommen. 
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza ist ärztliche Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sie ist im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD) sowie Autorin von Fachliteratur und Fachbüchern zum Erkennen und Behandeln von Angststörungen.
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza ist ärztliche Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sie ist im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD) sowie Autorin von Fachliteratur und Fachbüchern zum Erkennen und Behandeln von Angststörungen.

Wie verbergen Kinder ihre Angst, damit sie nicht auffallen?

Nehmen wir die Sozialphobie, die bei Jugendlichen häufig vorkommt: 70 Prozent der Angstsituationen finden in der Schule statt. Meist geht es darum, was andere über den Jugendlichen denken. So entwickelt er Sicherheitsstrategien, um die Angst zu vermeiden: Zum Beispiel streckt er die Hand erst auf, wenn die Lehrerin schon dazu angesetzt hat, jemand aufzurufen. Er spricht leise und überlegt sich lange, wie er eine Antwort in einen kurzen Satz fassen kann. Damit er Pausen nicht mit anderen verbringen muss, gibt er zum Beispiel vor, noch eine Hausaufgabe abgeben zu müssen. Diese und andere Strategien sind höchst anstrengend für den Jugendlichen. 

Können sich Ängste auswachsen? 

Was sich von alleine auswächst, sind Entwicklungsängste. Sie treten parallel zur kognitiven Entwicklung auf. Im ersten Lebensjahr ist das zum Beispiel die Fremdenangst – wenn das Kind plötzlich merkt: Das ist ja gar nicht meine Bezugsperson, die mich da herumträgt. Vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr sind es dann zum Beispiel die Monster im Keller. Solche Ängste kommen und gehen. Ist die Angst aber übermässig im Vergleich zu Gleichaltrigen und beeinträchtigt sie den Alltag, dann ist fachliche Hilfe angebracht. Können Kinder ihre alltäglichen Aufgaben nicht erfüllen, verpassen sie unter Umständen wichtige Entwicklungsschritte. Eine unbehandelte Angst hat bei einem Kind viel grössere Auswirkungen als bei einem Erwachsenen.
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