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Psychologie

«Ich habe etwas falsch gemacht, darum ist Mama traurig»

Wie sehr Kinder von psychisch belasteten Eltern leiden und wie man ihren Schuldgefühlen begegnet, weiss der Berner Kinderpsychiater Stephan Kupferschmid. 
Interview: Sarah King 

Herr Kupferschmid, Kinder psychisch kranker Eltern geben sich oft die Schuld für die Erkrankung ihrer Eltern. Was wirkt den Schuldgefühlen der Kinder entgegen?

Kinder haben eine eigene Logik, um sich die Krankheit ihrer Eltern zu erklären. Klassisch ist die Vorstellung: Ich habe etwas falsch gemacht, darum ist Mama traurig. Mit Aufklärung über die psychische Krankheit können sich die Kinder von dieser Idee lösen. Bei Kindern im Vorschulalter ist es sinnvoll, Hilfsmittel einzusetzen. Im Buch «Mamas Monster» (siehe unter Tipps im Artikel «Wenn Mama immer traurig ist») ist zum Beispiel ein Gefühlsmonster Schuld an Mamas Depression. Es klaut ihr die Gefühle. Auf diese Weise können sich Kinder von ihren Schuldgefühlen befreien. Manchmal stossen aber auch Bücher an ihre Grenzen. Dann kann es hilfreich sein, wenn Eltern und Kinder eine gemeinsame Metapher kreieren. Eine alkoholkranke Mutter und ihr neunjähriges Mädchen nutzten zum Beispiel das Bild einer Abzweigung, die aus der Abwärtsspirale führt. Daran konnten sich beide festhalten.

Wer spricht sinnvollerweise mit den Kindern?

 Je nach Situation kann das die belastete Mutter sein, ein gesundes Familienmitglied oder auch eine Fachperson. Oft hilft dem Kind ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt des erkrankten Elternteils, um die Krankheit besser einordnen zu können. Mehrheitlich wollen Eltern jedoch selbst mit dem Kind reden. Wir bieten eine Gruppentherapie an, wo belastete Eltern solche Gespräche üben können. Das Angebot existiert in Bern, in Winterthur und bald auch in Zürich. Sechs Mal treffen sich die belasteten Eltern, um Erfahrungen auszutauschen.

Wie können Aussenstehende helfen, wenn Sie merken, dass das Kind nicht über die Krankheit der Eltern reden will?

 Die Erziehungsberatung ist eine gute Ansprechpartnerin. Es gibt auch Gruppen für Kinder von psychisch belasteten Eltern, die den Kindern Raum bieten, über ihre familiären Probleme zu reden. Im Vordergrund stehen jedoch Aktivitäten mit Gleichaltrigen, denn häufig sind Kinder psychisch belasteter Eltern isoliert. Hilfreich sind auch Patenschaften, durch die Kinder den normalen Alltag erfahren. Im Vergleich zu ihren Freunden von gesunden Eltern erfahren Kinder psychisch belasteter Eltern oft eine andere Normalität.Wenn die wichtigste Bezugsperson eines Kindes zum Beispiel unter einer Psychose leidet, macht das Kind Erfahrungen, die andere Kinder nicht machen.

Kinder psychisch kranker Eltern übernehmen zu Hause viel Verantwortung. Wie viel davon erträgt ein Kind? 

Verantwortung ist eine Ressource. Zu viel davon kann ein Kind aber überfordern. Übernimmt es eine alters- und entwicklungsunangemessene Verantwortung, spricht man von Parentifizierung. Unangemessen ist zum Beispiel, wenn ein 9-jähriges Kind alleine für den ganzen Haushalt oder ein 13-jähriges Kind für die Medikamenteneinnahme des Vaters zuständig ist. Überforderte Kinder können notwendige Entwicklungsschritte nicht machen. Im klinischen Alltag beobachten wir das Phänomen der Parentifizierung oft bei alleinerziehenden oder hilflosen Eltern, zum Beispiel wenn sie an Depressionen oder an einer Sucht leiden. Oft kommt es auch zu einer Hierarchieumkehr: Kinder und Eltern tauschen ihre Rollen. Statt nun den Kindern die Verantwortung ganz zu entziehen, kann es hilfreich sein, sie auf einen anderen Bereich zu übertragen. Das Kind könnte zum Beispiel ein Amt im Sportverein übernehmen. So werden Stärken aufgebaut statt Defizite minimiert.
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Wie erkenne ich, dass ein Kind psychisch kranker Eltern selbst belastet ist? 

Kinder reagieren unterschiedlich:  Manche werden aggressiv und wild, andere still und in sich gekehrt, wieder andere sehr angepasst. Es gibt keine allgemeingültigen Merkmale. Man weiss aber, dass eine psychische Belastung des Elternteils die Auftretenswahrscheinlichkeit aller psychischen Probleme bei den Kindern erhöht. Deshalb ist Prävention sehr wichtig. Da hat unser System jedoch noch eine Versorgungslücke: Die Krankenkasse bezahlt Behandlungen. Für Prävention hingegen müssen häufig Stiftungen oder die Eltern selbst einspringen. Dabei nützt Vorsorge nicht nur dem Kind und den Eltern, sondern ist auch für den Staat langfristig kosteneffizienter.

Zur Person:

Stephan Kupferschmid ist leitender Arzt der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern und Mitautor des Therapiemanuals für Fachkräfte «Psychisch belastete Eltern und ihre Kinder stärken», Kohlhammer Verlag, 2014.

Weiterlesen:

  • Wenn Mama immer traurig ist. Eine Geschichte über Kinder von psychisch kranken Eltern, was die Krankheit mit ihnen macht und warum es so wichtig ist, sie stärker in die Therapie der Eltern miteinzubeziehen.

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