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Psychologie

Helle Köpfe, dunkle Aussichten? Drei Mythen über Hochbegabung

Über angebliche Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen Hochbegabter existieren zahlreiche Mythen. Wir haben uns drei davon genauer angesehen.
Text: Virginia Nolan

Mythos 1: Hochbegabung kann man am Verhalten erkennen

Bemühungen, Hochbegabung mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung bringen zu können, gibt es in der Wissenschaft schon lange. Dabei prägte vor allem der polnische Psychologe Kazimierz Dabrowski die Literatur, der in den 1960er Jahren den Begriff der «Overexcitability » begründete. In dieser Übererregbarkeit sah Dabrowski jene Eigenschaft, in der sich Hochbegabte von Normalbegabten am meisten unterscheiden. Im Wesentlichen nahm er dabei an, dass Hochbegabte über eine erblich bedingt erhöhte Erregbarkeit des zentralen Nervensystems verfügen und deshalb zu erhöhter Sensitivität neigen. 

Dabrowski zufolge gehen die sinnlichen und emotionalen Wahrnehmungen Hochbegabter deshalb weit über das übliche Mass hinaus, was sich in charakteristischen Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen äussere. Die Liste dieser Merkmale ist lang. Zu den meistzitierten gehört etwa ein hohes Energielevel, das sich in rasantem Sprechtempo, Rastlosigkeit, aggressivem Verhalten oder einem geringen Schlafbedürfnis äussern kann. Auch will Dabrowski beobachtet haben, dass hochbegabte Kinder häufig über grossen Wissensdurst, ausgeprägte Fantasie, einen starken Sinn für Gerechtigkeit sowie über einen kritischen Geist verfügen. 
«Hochbegabte Kinder sind in erster Linie Kinder – mit
Schwächen und Vorzügen, wie
sie ihre Altersgenossen auch haben»
Detlef H. Rost, Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg. 
Was hat es damit auf sich? «Für Dabrowskis Annahme, es bestehe ein Zusammenhang zwischen Hochbegabung und solchen Persönlichkeitsmerkmalen ausserhalb der kognitiven Fähigkeiten, existierten keine empirischen Beweise», sagt Letizia Gauck vom Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Basel.

«Trotzdem sind entsprechende Checklisten, die sich etwa an Eltern richten, in der Beratungspraxis gang und gäbe.» Dass deren Auswertung keine verlässlichen Rückschlüsse auf Unterschiede zwischen Normal- und Hochbegabten zulässt, zeigte unter anderem Christoph Perleth, Psychologieprofessor an der Universität Rostock. Sein Forschungsbericht legt nahe, dass weder ein verminderter Schlafbedarf noch Perfektionismus, Gerechtigkeitssinn oder das Auflehnen gegen Autoritäten brauchbare Hinweise für Hochbegabung sind. Von «unausrottbaren Mythen» spricht Detlef H. Rost. 

«Es gibt keinen belastbaren neuropsychologischen Befund, der Dabrowskis Spekulationen bestätigt. Wir haben empirisch zeigen können, dass sein Konzept der Übererregbarkeit zur Identifizierung von Hochbegabten unbrauchbar ist», sagt der Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg. Rost leitet das Marburger Hochbegabtenprojekt, eine der grössten Langzeitstudien zum Thema Hochbegabung. Das hochbegabte Kind brauche nicht weniger Schlaf als andere, es sei weder hochsensibel noch wolle es unentwegt über Erwachsenenthemen reden, sagt Rost: «Hochbegabte Kinder sind in erster Linie Kinder – mit Schwächen und Vorzügen, wie sie ihre Altersgenossen auch haben.»

Dossier: Hochbegabung

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Als hochbegabt gilt ein Kind, wenn es einen IQ von mehr als 130 Punkten hat. Was bedeutet dies für seine schulische Laufbahn? Und wie muss es gefördert werden? Antworten und ­Hintergründe zum Thema Hochbegabung in unserem grossen Dossier.  


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Von Franz Josef Neffe am 16.08.2018 16:10

Hochbegabte Kinder haben es so gut wie nie mit hochbegabten Erwachsenen zu tun.
Schon zur "Feststellung" von Hochbegabung brauchen Erwachsene mindestens eine vorgegebene Schablone. Von derart Minderbegabten wird dann festgelegt, was wir mit hochbegabten Kindern machen.
Wenn wir nicht durch eine künstliche Pädagogik davon abgebracht wären, dass Lehren & Lernen nur zwei Seiten derselben Medaille sind, würden ganz natürlich der, der es noch nicht weiß, von dem lernen, der es schon weiß. Da würden wir oft den Lehrer als Lerner beobachten und natürliche Kinder in der Lehrerrolle. Wir würden uns nicht wie im Unterricht alle links liegen lassen und ggf. sogar bekämpfen sondern wir würden stets interessiert dem Folgen, der schon wieder etwas Neues vom Leben entdeckt hat.
In einem Unterrichtssystem, wie wir es machen, werden aber nur verschiedene Schablonen für verschiedene Ergebnisse konstruiert, in die man sich letzten Endes einfügt. Das macht zuletzt auch Hochbegabte lebensuntüchtig.
Hochbegabungsselektion ist nur ein Privilegierungsinstrument für die Schablone.
Schade!
Franz Josef Neffe

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