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Psychologie

Herr Hüther, wie lernen Kinder Inspiration?

Eltern stehen heute unter höherem Erfolgsdruck als noch ihre Mütter und Väter. Der Grund hierfür liegt in den stetig steigenden Ansprüchen unserer Leistungsgesellschaft. Warum es aber mehr schadet als nutzt, seine Kinder stetig begleiten und fördern zu wollen, und was diese stattdessen brauchen, um ihr gesamtes geistiges Potenzial entfalten zu können, erklärt der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther.
Interview: Evelin Hartmann
Fotos: Marvin Zilm / 13 Photo
Ein Dienstagmittag in Stuttgart. Taxis, Busse, der Regen treibt hastende Passanten vor sich her. Nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt liegt das Althoff Hotel am Schlossgarten, die Lobby in warmen Brauntönen gehalten, gemütliche Sessel, gedämpftes Licht – angenehm warm und trocken. Ein gross gewachsener Mann tritt durch die Drehtür, Wassertropfen perlen am Trenchcoat ab, versinken im bordeauxroten Teppich. Er lächelt und streckt die Hand aus: «Gerald Hüther, wohin wollen wir uns setzen?»

Herr Hüther, von Ihnen stammt die Aussage, dass «die Zeit der Einzelkämpfer in der Arbeitswelt vorbei ist». Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen Eltern ihren Kindern vermitteln, damit sie später im Berufsleben erfolgreich und glücklich bestehen können?
Bei den Unternehmen verändert sich vieles. Jene, die zur Erreichung kurzfristiger Ziele auf Peitsche und Incentives setzen, gibt es zwar immer noch, ich sehe aber auch viele, die ganz ernsthaft auf Beziehungskultur setzen. Unternehmen, in denen die Mitarbeiter ihren eigenen Lohn mitbestimmen, in denen Führungskräfte einen Teil der Boni an ihr Team abgeben, die bei ihren Mitarbeitern auf Eigenverantwortung, Eigenständigkeit und Kreativität setzen. Diese neue Arbeitswelt wächst rasch, es ist die Zukunft. Leider stelle ich fest, dass Eltern ihre Kinder nicht nach diesen neuen Massstäben erziehen.

Wonach denn dann?
Nach den Wertvorstellungen und Erziehungsmethoden, die sie selbst in ihrer eigenen Kindheit und Jugend erfahren haben. Dabei stehen Eltern heute unter einem viel höheren Druck als ihre eigenen Eltern damals.

Wie meinen Sie das?

Zum einen haben Kinder eine viel höhere Bedeutung erlangt und sind damit sehr in den Fokus der elterlichen Bemühungen geraten. Zum anderen wissen Eltern um den hohen Konkurrenzdruck, der in unserer Leistungsgesellschaft herrscht, und um die Notwendigkeit, Kinder gut durch unser Bildungssystem führen zu müssen, damit sie später ihren Platz finden. Als ich Kind war, hatten meine Eltern anderes zu tun, als sich dauernd um mein Fortkommen zu kümmern. Somit ist nicht nur der Stellenwert der Kinder gewachsen, sondern auch die Angst der Eltern, dass es nicht klappt. Das ist eine sehr prekäre Mischung, die dazu verleitet – vielleicht wider besserer Vorsätze – auf Bewährtes zurückzugreifen, auf Erziehungsprinzipien, die man selbst in seiner Kindheit erlebt hat.
«Kinder haben heute eine viel höhere Bedeutung erlangt und sind damit sehr in den Fokus der elterlichen Bemühungen geraten.»
Hirnforscher Gerald Hüther 
Welche Folgen hat diese Erziehungshaltung aus neuronaler Sicht?
Was mich als Hirnforscher interessiert, und was auch alle Eltern interessieren sollte, ist, welche Rahmenbedingungen und Erziehungsstile ein Kind braucht, um sein ganzes neuronales Potenzial voll ausschöpfen zu können. Wir wissen heute, dass die genetischen Anlagen nicht festlegen, wie sich nach der Geburt die Milliarden von Nervenzellen im Gehirn miteinander vernetzen. Es sind vielmehr die Erfahrungen, die ein Kind mit der Zeit macht, die darüber entscheiden, welche dieser Nervenzellvernetzungen stabilisiert werden, welche erhalten bleiben und welche verkümmern. Indem Eltern ihre eigenen Sehnsüchte, Wünsche und Erwartungen auf ihre Kinder projizieren, können sie deren Gehirn im Laufe seiner Entwicklung ruinieren.
Gerald Hüther plädiert für das Recht des Kindes auf eigene Erfahrungen.
Gerald Hüther plädiert für das Recht des Kindes auf eigene Erfahrungen.
Was würde stattdessen die Entwicklung des Gehirns positiv beeinflussen?
Ein liebevolles, offenes und motivierendes Umfeld, das Kinder inspiriert, mutig die Welt zu erobern. Denn jede neue Entdeckung, jede neue Erkenntnis und Fähigkeit löst im kindlichen Gehirn einen für uns Erwachsenen kaum noch nachvollziehbaren Sturm der Begeisterung aus. Diese Begeisterung über sich selbst und über all das, was es noch zu entdecken gibt, ist der wichtigste Treibstoff für die weitere Hirnentwicklung. Wer aber seinem Kind die Möglichkeit verwehrt, seine Selbstwirksamkeit zu erfahren, ihm stattdessen immer wieder vorgibt, was es zu tun hat, es zum Objekt der eigenen Vorstellungen macht, erstickt diese Begeisterungsfähigkeit im Keim.

Das Kind als Objekt, was muss man sich darunter vorstellen?
In den ersten Lebenswochen und Monaten braucht ein Baby seine Mutter nur anzulächeln, um eine authentische Rückmeldung zu bekommen. Die Mutter strahlt. Das geschieht unmittelbar, ohne Wertung. Die Mutter begegnet dem Kind als einem Subjekt. Anstrengen muss es sich dafür nicht. Es passiert einfach von allein, was bei dem Kind eine unbändige Lust hervorruft, Schritt für Schritt auszuprobieren, was es noch alles entdecken und gestalten kann.

Aber irgendwann löst nicht mehr jede seiner Handlungen Entzücken bei der Mutter aus, manches nervt oder verärgert ...
... und soll aufgrund ihrer eigenen Wertevorstellung unterbunden werden. In dem Moment, in dem wir aber nicht mehr in eine Begegnung mit dem Kind treten, in der wir gemeinsam mit dem Kind herauszufinden versuchen, was gut für das Kind ist, sondern ihm einfach sagen, was es zu tun hat, machen wir es zum Objekt unserer eigenen Einschätzungen und Bewertungen. Das ist Dressur.

In welchem Alter geschieht das?

Das lässt sich nicht genau sagen. Fest steht aber: Wenn es unmittelbar nach der Geburt passieren würde, würde das Kind sterben. Das haben Experimente mit Affen belegt. Wenn dem Säugling die authentische Reaktion des Gegenübers fehlt, fehlt ihm jede Lebensgrundlage. Entscheidend ist der Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal spürt, dass es zum Objekt gemacht wird, dass es so, wie es ist, nicht sein soll, sondern sich – um geliebt zu werden – so verhalten muss, wie es sich die Eltern vorstellen und wünschen. Das ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung.
«Kinder brauchen ein liebevolles und offenes Umfeld, das sie inspiriert, mutig die Welt zu erobern.»
Hirnforscher Gerald Hüther
Mit welchen Folgen?
Ein Kind, das immer wieder zum Objekt gemacht wird, hat im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Die eher extrovertierten Kinder, die bis zu diesem Moment viel Gestaltungsspielraum hatten, treten aus der Verbundenheit heraus und machen den anderen ebenfalls zum Objekt, sie sagen sich «die blöde Mama». So tut es nicht mehr weh. Manche Kinder verinnerlichen diese Strategie so sehr, dass sie andere ihr ganzes Leben lang nur für sich benutzen und umherschieben. Zum Teil sind sie damit sogar sehr erfolgreich.

Und die introvertierten Kinder?
Die machen sich selbst zum Objekt der Bewertung, sagen sich «ich kann nichts», «ich bin nichts wert». Eine Einstellung, die in der Pubertät nicht selten zu selbstzerstörerischem Verhalten wie Bulimie führt.

Montagmorgen, 7.30 Uhr: Die Eltern müssen zur Arbeit, die Kinder in die Schule und trödeln herum. Eine klassische Situation, in der die meisten Eltern dazu neigen, ihren Kindern zu sagen, was sie zu tun haben.
Warum sagt die Mutter nicht schon um 7 Uhr, dass alle in einer halben Stunde aus dem Haus müssen, sondern erst kurz bevor der Bus fährt? Dann hätten die Kinder einen Gestaltungsspielraum, in dem sie selbst entscheiden können, wann sie den Schulranzen packen und die Schuhe anziehen. Das Kind muss in der Interaktion mit der Mutter das Gefühl haben, selbst etwas gestalten zu können, einen Spielraum zu haben.
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Ein klares «Nein» ist ausgeschlossen?
Dieser Erziehungsstil beinhaltet ein klares «Nein» – Eltern müssen in der Führungsrolle bleiben, sie sollten jedoch ihrem Kind den gesamten Raum zur Verfügung stellen, den es braucht, damit es sich als Subjekt gesehen fühlt. Anders gesagt: Das Kind muss zum Mitgestalter eines Prozesses werden, nur so kann es wahre Begeisterung und Hingabe für etwas entwickeln und lernen. Mit Dressurstrategien kommt man nicht weiter.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?
Das Erlernen eines Musikinstruments ist ein klassischer Fall, bei dem es in den meisten Familien früher oder später zu Frust kommt. Irgendwann kommt Ihre Tochter nach Hause und möchte Klavierspielen lernen. Dann täten Sie als Mutter gut daran, zu erfragen, warum sie das möchte. Vielleicht will sie das nur, weil ihre beste Freundin seit Kurzem auch Unterricht nimmt. Dann sollten Sie Ihr Kind einladen, mit Ihnen in Konzerten auch andere Instrumente kennenzulernen, um die ganze Vielfalt zu erleben.

Und wenn es danach unbedingt die Oboe sein soll?
Dann machen Sie Ihre Tochter darauf aufmerksam, was es heisst, jede Woche zu üben, dass wahrscheinlich der Tag kommen wird, an dem sie lieber zu ihrer Freundin gehen möchte. Fragen Sie Ihre Tochter, was Sie in einem solchen Fall tun sollen. Sie wird sich vielleicht bereit erklären, in dem Fall den Abwasch zu erledigen. Dann erstellen sie gemeinsam einen Vertrag, in dem genau das festgehalten wird, und den hängen Sie dann über den Notenständer.

So hätte die Tochter die Situation mitgestaltet.
Und es käme im Ernstfall zu keinem Streit. Sie als Mutter müssen das Üben nicht durch Belohnung oder Bestechung oder unter Androhung von Strafe durchsetzen – Ihr Vorgehen ist vertraglich geregelt. Und die Tochter hat ja aufgeschrieben, was passieren soll, wenn dieser Fall eintritt.

Sie vergleichen diese erzieherische Grundhaltung mit einem neuen Führungsstil aus der Wirtschaft, der «Supportive Leadership».
Auch dieser Ansatz sieht eine Führungskraft in einer stärkeren Position als den Mitarbeiter, aber diese Führungskraft ist nicht dazu da, den Mitarbeiter herumzukommandieren und zu dominieren, sondern ihn einzuladen beziehungsweise zu ermutigen, etwas Neues auszuprobieren, Verantwortung zu übernehmen, um das Beste aus sich herausholen zu können. Das ist eine echte Subjekt-Subjekt-Beziehung und genau das, was Eltern in der Erziehung tun sollten, wenn sie sich für die positive Entwicklung ihrer Kinder stark machen wollen.
Gerald Hüther in der Lobby des Althoff Hotels am Schlossgarten.
Gerald Hüther in der Lobby des Althoff Hotels am Schlossgarten.
Eltern als Manager, wie sähe das im Familienalltag aus?
Einerseits geht es darum, seine Kinder jeden Tag aufs Neue einzuladen, etwas zu tun, etwas zu erleben. Zum anderen darum, sein Kind zu ermutigen. Dafür muss man aber selbst mutig sein. Und ich spreche jetzt nicht von dem Mut, den es braucht, um vom 10-Meter-Turm zu springen, sondern vom Mut, daran zu glauben, dass aus seinem Kind etwas wird, ohne dass ich es ständig «begleite», dass etwas in ihm steckt. Und nicht zuletzt geht es um Inspiration. Das ist der Treibstoff, aus dem Neues entsteht. Inspirierend sind nicht die Dinge, die einfach abgearbeitet werden müssen. Natürlich muss der Abwasch gemeinsam erledigt werden, aber danach gilt es, spielerisch die Welt zu entdecken. Das geht übrigens am besten in der freien Natur.

Das mag bei einem 10-Jährigen besser funktionieren als bei einem 15-Jährigen.
Sicher, bei einem Teenager, der den ganzen Tag nur noch vor der Spielkonsole sitzt, ist es etwas spät, damit anzufangen. Aber auch bei ihm kann ich mich als Vater oder Mutter fragen: Habe ich meinen Sohn ausreichend eingeladen? Habe ich ihn wirklich ermutigt? Wie kann ich ihn inspirieren, vielleicht mit mir zusammen etwas anderes zu tun? Das ist erfolgversprechender als einfach nur den Stecker zu ziehen.

Haben Sie noch einen weiteren Rat?
Mein grösster Tipp für Eltern ist, ihren Kindern weitere erwachsene Personen zugänglich zu machen und ihnen so einen anderen Erfahrungsraum zu ermöglichen. Die Grosseltern, den Fussballtrainer, eine Nachbarin: Je mehr Menschen ein Kind kennenlernt, desto grösser die Chance, dass darunter jemand ist, der es so sieht, wie es ist, und um seiner selbst willen liebt. Bei diesen Personen hat es die Möglichkeit, sich in aller Offenheit zu entfalten und sein ganzes Potenzial zu nutzen. So wie Pippi Langstrumpf, sie entspricht genau diesem Modell.

Pippi Langstrumpf ist eine tolle Persönlichkeit, wild und eigensinnig – aber der Schreck vieler Eltern.
Aber dafür fantasievoll, selbstverantwortlich, unternehmungslustig und begeistert. Pippi Langstrumpf entfaltet unglaublich viel Potenzial. Ich glaube, dass es Eltern mehr Spass machen würde, so ein Kind zu haben, als eins, das sich immer nur an ihre Vorstellungen und Vorgaben anpasst, bis es sich am Ende selbst nicht mehr leiden kann.

Zur Person

Prof. Dr. Gerald Hüther, 64, ist einer der führenden deutschen Neurobiologen, Buchautor sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Göttingen. Gerald Hüther ist Vater dreier erwachsener Kinder, hat ein Enkelkind und lebt in Göttingen, Deutschland. www.gerald-huether.de


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