Vegetarisch oder vegan essen: Brauchen Kinder Fleisch?
Ernährung

Vegetarisch oder vegan essen: Brauchen Kinder Fleisch?

Debatten rund um eine fleischlose Ernährung werden oft kontrovers und emotional geführt. Erst recht, wenn es um Kinder geht. Worauf Familien bei vegetarischer oder ­veganer Ernährung besonders achten müssen. 
Text: Claudia Landolt
Bild: Kyla Ewert
Es kam der Tag, an dem das Kind sagte: «Igitt, ist das Fleisch auf dem ­Teller? Das esse ich nicht.» Das Kind war damals knapp vier Jahre alt, und es beschloss, fortan kein Fleisch mehr zu essen. Wir waren zuvor auf einem Bauernhof in den Ferien gewesen und das Kind befürchtete wohl, die Kuh, der es täglich auf der Wiese zugewinkt hatte, läge nun auf seinem Teller.
 
Das ist jetzt vier Jahre her. Das Kind hat seine fleischlose Phase einige Wochen nach den ­Ferien auf dem Bauernhof abgebrochen und isst seither wieder ein- bis zweimal wöchentlich Fleisch und Fisch, so wie der Rest unserer Familie. Meine Lieben gehören damit zu den sogenannten Flexitariern, also jenen Menschen, die nur ein- bis zweimal pro Woche Fleisch und andere tierische Produkte essen. Und wir sind in guter Gesellschaft: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Demoscope im Auftrag von Swissveg, der Interessenorganisation vegetarisch und vegan lebender Menschen in der Schweiz, ernähren sich rund 17 rozent der Schweizer Bevölkerung fleischarm. 11 rozent der Schweizer ernähren sich laut dieser Umfrage vegetarisch und 3 rozent sogar vegan. Insgesamt ernährt sich also knapp ein Drittel der Schweizer Bevölkerung fleisch­arm oder fleischlos.
Eine vegetarische Ernährung mit besonderem Augenmerk auf die «kritischen» Nährstoffe kann in jedem Alter gesund sein – selbst im ­Säuglingsalter.
Swissveg sagt, dass die Zahl der Vegetarier und Veganer in den letzten Jahren konstant zugenommen habe. Es ist also nicht falsch, von einem «Vegi-Boom» zu sprechen. Die Grossverteiler haben ihr Angebot an pflanzlicher Ernährung ebenfalls ausgeweitet. Zwischen 2016 und 2018 hat sich bei Coop die Anzahl veganer Produkte verdoppelt. Und auch die Migros gibt an, die Anzahl veganer Produkte um mehr als 30 rozent gesteigert zu haben. Zur Hauptzielgruppe gehören die Flexitarier, denn die möchten ihre fleischlose Kost ab und zu um etwas Neues erweitern.

Leben Vegetarier gesünder? Die Kinderärzte Henrik Köhler und Andreas Bieri vom Kantonsspital Aarau haben in einem Übersichtsartikel verschiedene Studien zum Thema «vegetarische/vegane Ernährung» zusammengefasst. Sie stellen darin fest: Vegetarische Ernährung hat gesundheitliche ­Vorteile. Erwachsene Vegetarier hätten all­gemein einen niedrigeren Body-Mass-Index (BMI), und auch andere Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum oder Bewegungsmangel würden bei Vegetariern weniger häufig beobachtet, erklärt Andreas Bieri. 

Vegetarier gedeihen gleich gut

Bei Kindern und fleischloser Ernährung ist die Datenlage dünner und/oder nicht ausreichend aussagekräftig. Wohl aber gibt es Tendenzen, die sich daraus ableiten. Ein Ergebnis ist besonders interessant, entkräftet es doch ein wenig den Hauptvorwurf, den Eltern zu hören bekommen, wenn ihr Kind vegetarisch isst. Dieser lautet: «Ein Kind braucht doch Fleisch!» In tiefster Überzeugung ausgesprochen wurde mir die so bekräftigte Empörung mehr als genug zuteil. Zu Unrecht, wie ich nun weiss. Denn Bieri sagt, dass mehrere Studien bei vegetarischen Kindern und Adoleszenten ein identisches Wachstum und Gedeihen gezeigt hätten wie bei omnivor, also mit Fleisch und Fisch ernährten Kindern.

Kinder haben eher Nährstoffdefizite

Eindeutig anders ist die Lage bei vegan ernährten Kindern. Laut ­Bieri seien diese insgesamt möglicher­weise etwas schlanker und auch kleiner als ihre normal ernährten Alters­genossen. Aber auch hier ist die Datenlage nicht allzu genau. Unbestritten ist jedoch, dass der Speiseplan von Veganern durch den Verzicht auf alle tierischen Produkte inklusive Honig deutlich eingeschränkt ist.

Kinder haben aufgrund ihres Wachstums- und Gedeihprozesses prinzipiell ein höheres Risiko für Nährstoffdefizite als Erwachsene – auch bei vegetarischer Ernährung. «Für eine ausreichende Nährstoffversorgung von Müttern, Säuglingen und Kindern sowie Jugendlichen sind teilweise Nährstoffzusätze notwendig», sagt Andreas Bieri. Eine vegetarische Ernährung mit spezifischem Augenmerk auf die «kritischen» Nährstoffe könne in jedem Alter aber eine grundsätzlich adäquate, gesunde Ernährungsform darstellen, selbst im Säuglings- und Kindesalter sowie auch in der Adoleszenz, erklärt Andreas Bieri.

Sie ist auch langfristig als unproblematisch zu beurteilen, sofern trotz fleischloser Ernährung eine breite Palette an Lebensmitteln angeboten und konsumiert wird. Denn der Bedarf an den zusätzlichen Nährstoffen kann durch pflanzliche Produkte sowie Milch und Eier meist gut gedeckt werden. «Damit Kinder sich physisch und psychisch voll entwickeln können, sollten sie genug Vitamin B12 über die Nahrung aufnehmen», so Bieri. Die Ernährung sollte insgesamt ausgewogen und abwechslungsreich sein. Wichtig ist, dass auch Eier und/oder Milchprodukte auf dem Speiseplan stehen, mit Vitamin-B12-Präparaten zur Ergänzung. Es lohne sich, so Bieri – der selbst eine Tochter hat, die sich aus eigenen Stücken für die vegetarische Ernährung entschied –, die Ernährung detailliert zu erfragen. Insbesondere in Phasen des starken Wachstums (Kleinkindesalter, zwischen vier und sechs Jahren sowie in der Pubertät) könne eine zusätzliche Eisenzufuhr notwendig sein.
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Dieser Artikel gehört unserem Online-Dossier zum Thema Ernährung. Was ist dran an Ernährungstrends? Wie können Eltern Ihre Kinder heute gesund und ohne Hysterie ernähren?

Woher das Vitamin B12 kommt

Bei Veganern liegt die natürliche Aufnahme von Vitamin B12 quasi bei null. Die höchste Konzentration von Vitamin B12 findet sich nämlich in Fleisch- und Milchprodukten. Diese nimmt von Innereien über Muskelfleisch zu Milch und Eiern dann immer weiter ab. Beim Verzicht auf Milchprodukte und Eier ist die ausreichende Aufnahme des ­Vitamins ohne Nährstoff­ergänzung nicht möglich. Darum empfehlen Ärzte eine vegane Ernährung bei Kindern nicht.

Warum Vitamin B12 so wichtig ist

Vitamin B12 hat einen grossen Einfluss auf die körperliche und emotionale Verfassung des Menschen. Es ist lebenswichtig für die Zellteilung, die Bildung von roten Blutkörperchen und für das Nervensystem. Es wird als einziges Vitamin in der Leber gespeichert. Wenn Erwach­sene sich also irgendwann entscheiden, auf tierische Produkte zu verzichten, sind sie im Vorteil, denn sie können in der Regel auf einen vollen Speicher zählen, ihr Vitamin-­B12-Bedarf ist für drei bis fünf Jahre gedeckt.
Ärzte und Fachgesellschaften raten grundsätzlich davon ab, Babys und Kinder vegan zu ­ernähren.
Kinder können dies nicht. Hat ihr Körper zu wenig Vitamin B12, führt dies zu Wachstums-, Konzentrations- und anderen Funktionsbeeinträchtigungen oder -störungen, die irreversibel sein können. Deshalb betonen Mediziner, dass die vegane Ernährung grundsätzlich nicht für die breite Bevölkerung geeignet ist. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) rät davon ab, Babys und Kinder vegan zu ernähren. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät Schwangeren, Stillenden, Säuglingen, Kindern und Jugendlichen von einer veganen Ernährung grundsätzlich ab.

Wie sich ein Mangel äussert

Zeichen eines Vitamin-B12-Mangels beim Kind können eine Gedeihstörung, eine Wachstumsverzögerung, Kreislauferkrankungen oder Teilnahmslosigkeit sein. Abgeschlagenheit, eine blasse Haut oder Konzentrationsstörungen weisen ebenfalls auf einen möglichen Mangel hin. Diesen in der Praxis zu erkennen, ist selbst im Labor nicht einfach. Denn dazu muss man nicht nur die Zufuhr bestimmter Nährstoffe untersuchen, sondern auch, wie sie aufgenommen werden. Dafür benötigt man beispielsweise ein Blutbild.

Ernährung ist kompliziert

Ein Defizit an Vitamin B12 ist der häufigste in der Praxis festgestellte Nährstoffmangel. Das wissen Veganer. Um ihren Vitamin-B12-Speicher aufzufüllen, haben sie daher eine Fülle an Alternativen zu herkömmlichen Vitamin-B12-Ergänzungstropfen oder -tabletten: zum Beispiel Meerestang, Spirulina oder Chlorella, Shiitake-Pilze oder Sauerkraut, Kautabletten oder Zahnpasta mit Vitamin-B12-Zusatz. Experten mahnen da aber zur Vorsicht. Weil die angegebene Menge an Vitamin B12 stark schwanken kann und die Bioverfügbarkeit (also das Ausmass und die Geschwindigkeit, mit der ein Wirkstoff in den Blutkreislauf gelangt) meist ungeeignet ist, wie die Verbraucherorganisation Foodwatch erklärt.

Ausser Vitamin B12 sind auch Aminosäuren sowie langkettige Omega-3-Fettsäuren und weitere Vitamine wie Riboflavin und Vitamin D, aber auch Calcium, Eisen, Jod, Zink und Selen in der veganen Ernährung oft kritisch. «Vegane ­Kinder müssen ernährt werden wie Kinder mit einer Eiweissstoffwechselerkrankung», betont Mathilde Kersting, die frühere Leiterin des deutschen Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE). Weil die richtige Ernährung so kompliziert ist, empfiehlt sie, sich von einer Ernährungsfachkraft beraten und die Versorgung mit kritischen Nährstoffen regelmässig prüfen zu lassen.
 
Diese klinischen Kontrollen sollen in erster Linie auch die Prüfung des Gedeihens, des Wachstums sowie der Pubertätsentwicklung beinhalten. Bieri rät dabei zu Fingerspitzengefühl. «Die entsprechende Beratung der Familien oder Jugendlichen soll die individuellen Gründe für die fleischlose Ernährung berücksichtigen und respektieren.» Er empfiehlt bei veganer Kost unbedingt eine qualifizierte Ernährungsberatung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine gut geplante vegetarische Ernährung kann mit dem entsprechenden Fachwissen und der notwendigen Sorgfalt in jedem Alter eine adäquate Ernährung ohne Mangel­versorgung darstellen.

  • Eine vegane Ernährung bei Kindern oder Jugendlichen soll nur unter ärztlicher Betreuung oder Kontrolle durch die Ernährungsberatung erfolgen und regelmässige ­klinische und laborchemische Kontrollen ­beinhalten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung etwa lehnt eine vegane Ernährung von Kindern grundsätzlich ab.

  • Eine vegane Ernährung ist im Kindes- und Jugendalter ohne zusätzliche Nahrungs­ergänzung nicht bedarfsdeckend. Mindestens Vitamin B12 muss in Form von Tabletten ­eingenommen werden.

  • Eltern und Ärzte sollten immer auch an die Möglichkeit einer Essstörung denken, wenn insbesondere weibliche Jugendliche zunehmend die Nahrungsmittelauswahl und damit auch die Kalorienzufuhr einschränken.

  • Bei länger dauernder oder schwerer Erkrankung ist generell von einer veganen Ernährung im Kindes- oder Jugendalter ­abzusehen.
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 2. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Tschüss Chindsgi» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der zweiten Klasse.  Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!
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