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Arztbesuch

Die fiesen Folgekrankheiten von Streptokokken

Scharlach, Halsschmerzen, Mittelohrentzündung: Streptokokken-Infektionen sind unangenehm und lassen sich schwer vermeiden. Meistens hilft ein Antibiotikum Kindern, schnell wieder auf die Beine zu kommen. In seltenen Fällen werden die Streptokokken-Infektionen nicht bemerkt und können schwere Folgeerkrankungen auslösen.
Text: Kathrin Blum
Eltern können davon ein Liedchen singen: Fast jedes Kind ist im Laufe seines Lebens von einer Streptokokken-Infektion betroffen. Manchmal gibt es nicht keine klaren Symptome und so wird die Infektion verschleppt. Dann kann es passieren, dass die Waffen, die der Körper einsetzt, um sich gegen die Infektionen zu wehren, sich so verändern, dass sie körpereigene Strukturen angreifen und schlimme Folgeerkrankungen auslösen. Hier stellen wir sie vor:

PANDAS

Von heute auf morgen litt Leyla Meyer an einem krankhaften Waschzwang. Hände einseifen. Abwaschen. Erneut einseifen. Nochmal abwaschen. Wieder und wieder. Sie konnte nicht aufhören, sah überall Dreck, forderte ihre Eltern auf zu putzen, das Bett frisch zu beziehen, den Fussboden zu schrubben. Diese befürchten eine Zwangsstörung. Der Gedanke, dass ihre achtjährige Tochter schon in so jungen Jahren psychische Probleme haben könnte, brachte das Ehepaar der Verzweiflung nahe.

Dann nahm die behandelnde Kinderärztin dem Mädchen Blut ab und fand einen hohen Streptokokken-Titer. Extrem hoch. Sie verschrieb ein Antibiotikum und die erstaunten Eltern konnten zusehen, wie es dem Mädchen jeden Tag ein bisschen besser ging; die Zwangshandlungen mehr und mehr verschwanden.

Die Diagnose lautete PANDAS. Diese Abkürzung steht für Pedatric Autoimmune Neuropsychatric Disorders Associated with Streptococcal Infections. Übersetzt bedeutet das: Eine Infektion mit Streptokokken kann bei Kindern neuropsychiatrische Symptome auslösen. «Dieser Zusammenhang ist weitgehend anerkannt», bestätigt Christa Relly, Oberärztin in der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital Zürich. Dennoch gebe es Fragezeichen, was den genauen Mechanismus betreffe. Und: Es gibt nur wenige Fälle. «Viele Pädiater haben in ihrer ganzen Laufbahn nie damit zu tun», räumt Relly ein. Nimmt sie eine amerikanische Studie als Grundlage, kommt sie zum Ergebnis, «dass es in der Schweiz ganz grob etwa fünf bis zehn Fälle geben müsste». 
Die Tics und Zwangsstörungen werden schlagartig besser. Als würde man einen Schalter umlegen.
«Zugegeben, diese Diagnose liebt man nicht unbedingt», sagt auch Peter Weber, leitender Arzt der Abteilung Neuro- und Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Basel. «Denn es fehlen eindeutige Befunde aus dem Labor, der Bildgebung oder eines EEGs.» Solche Befunde habe man häufig nicht in der Neurologie und das erschwere eben die Abgrenzung. 

Die Symptome von PANDAS sind Tics oder Zwangsstörungen, «die entweder schon bestanden haben und sich im Rahmen einer Infektion massiv verstärken – oder aber erstmals auftauchen», erklärt Relly. Klassischerweise komme es zu sehr plötzlichen Verschlechterungen der Symptome. Die Ärztin bestätigt, was die Meyers bei ihrer Tochter beobachteten: Die neurologischen Auffälligkeiten verbessern sich schlagartig oder verschwinden sogar, wenn Antibiotika ins Spiel kommen. «Das ist, wie wenn man einen Schalter umlegt.» Dies spreche auch dafür, dass es einen Zusammenhang mit einer Infektion gebe. Tic- und Zwangsstörungen ohne Infektion nähmen einen eher wellenförmigen Verlauf.

Die Oberärztin warnt allerdings vor Panikmache und plädiert für eine sorgfältige Diagnose. «Nicht jedes auffällige Verhalten während einer Streptokokken-Infektion ist ein PANDAS.» Betroffen sind typischerweise Kinder im Schulalter, es könne aber auch Fälle Kleinkindalter geben.

Experten, die sich der PANDAS-Forschung verschrieben haben, vermuten, dass die Krankheit unbehandelt einen chronischen Verlauf nehmen kann. Einige Tics und Zwänge von Erwachsenen könnten also auf ein unbehandeltes PANDAS im Kinder- und Jugendalter zurückzuführen sein. 

Christa Relly empfiehlt Eltern betroffener Kinder, sich mit dem Kinderarzt zu besprechen, und sich gleichzeitig an einen Psychiater zu wenden. Von «experimentellen und teuren Therapieansätzen» rät sie entschieden ab. 

Am Kinderspital in Basel behandeln die Ärzte ein PANDAS mit Immunglobulinen in Kombination mit Antibiotika. Auch Cortison haben die Basler Ärzte schon eingesetzt, um das Immunsystem zu blockieren oder zumindest in seiner Überfunktion zu bremsen, die zu ebendiesen psychiatrischen Symptomen führt. Auch Weber plädiert für eine psychiatrische Begleitung – eventuell auch für die Eltern. 

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