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Arztbesuch

Allergien auf dem Vormarsch

Ob Pollen, Wespen, Nüsse oder Milben – immer mehr Kinder entwickeln eine Allergie. So wehrt sich ihr Immunsystem. Manchmal wächst sich eine Überempfindlichkeit aus, doch oft bleibt sie ein Leben lang. 
Text: Petra Seeburger
Laura ist allergisch gegen Eier. «Es war dramatisch, als sie das erste Mal reagierte», erzählt die Mut­ter der knapp Zweijähri­gen. Sie habe ihr mit etwa einem Jahr das erste Mal Gemüsebrei mit gekochtem Ei gegeben, was die Kleine ohne Probleme gegessen habe. Beim Wickeln habe sie dann rote Flecken gesehen. «Da Laura aber eine Neurodermitis hat, habe ich mir nicht viel dabei gedacht», sagt Sarah Meier*. Wenig später habe das Mädchen im Schwall erbrochen. «Von oben bis unten war sie feuer­rot, überall waren Quaddeln», erin­nert sich die Mutter.

Zusammen mit ihrem Mann fuhr sie in den Kindernotfall. Laura be­kam Medikamente und wurde über­ wacht, bis die Symptome zurückgin­gen. Später habe ein Allergologe die Eierallergie bestätigt. «Laura reagiert auf kleinste Mengen», sagt Sarah Meier. Das Leben der jungen Fami­lie sei komplizierter geworden. Aus­wärtsessen oder reisen sei schwie­rig. «Man glaubt nicht, wo es überall Eier drin hat!», so Sarah Meier. 
Je früher ein Kind Viren und Bakterien ausgesetzt ist, desto besser.
Allergien nehmen zu. Eine neue­re Arbeit, die im «New England Journal of Medicine» erschienen ist, besagt, dass sich Allergien gegen Erdnüsse in den letzten zehn Jahren verdoppelten. Und gemäss Erhebungen wird in 20 Jahren jeder zweite Europäer an einer Allergie leiden. Dabei können viele Substanzen Überempfindlichkeiten auslösen.

Das Immunsystem im Abwehrmodus

«Eine Allergie ist nichts anderes als eine Fehlleistung des Immunsystems», erklärt Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation der Dermatologischen Klinik am Universitätsspital Zürich. Bei einer allergischen Reaktion funktioniere das Immunsystem zu gut: Es reagiere überempfindlich auf an sich harmlose Stoffe und bekämpfe sie.

Bei der Entstehung einer Allergie spielen genetische Komponenten eine Rolle. «Leidet der Vater oder die Mutter an einer Allergie, liegt das Risiko für die Nachkommen bei 30 Prozent. Sind beide Eltern betroffen, kann dieses bis auf 70 Prozent steigen», betont Peter Schmid-Grendelmeier. Dazu komme die Hygiene-Hypothese: Gemäss Studien haben Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen oder früh Kontakte mit Gleichaltrigen haben, weniger Allergien.
Je früher und häufiger also Kleinkinder Bakterien und Viren ausgesetzt sind, desto besser für die Entwicklung ihres Immunsystems. Weil Kinder heute in einer hygienischen, also keimarmen Umgebung leben, reagiert ihr Abwehrsystem vermehrt gegen ungefährliche Substanzen.

Laut Kinderpneumologe Alexander Möller spielt bei der Entstehung von Asthma ebenfalls die Vielfalt der Erreger eine Rolle, denen Kinder und ihre Mütter ausgesetzt sind; dazu gehörten auch die Nahrungsmittel für Kleinkinder.
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Viele ungeklärte Ansätze

Es gibt viele Erklärungsversuche, warum Allergien zunehmen. «Im Moment hat die Allergieforschung zunehmend die Ernährung und das Mikrobiom – also die Darmflora – im Fokus», erklärt Peter Schmid-Grendelmeier. Im Darm leben Millionen Bakterien von etwa 1400 verschiedenen Arten. «Das Mikrobiom beeinflusst das Immunsystem, die Ernährung wiederum das Mikrobiom», betont der Allergiefachmann.

Dieser neue, noch nicht vollständig geklärte Ansatz hat laut Alexander Möller gerade bei Kindern eine hohe Relevanz, denn die Säuglinge kommen «steril» zur Welt. «Die Besiedlung der Darmflora beginnt erst nach der Geburt.» Hier sei daher die Art und Weise, wie das Mikrobiom aufgebaut werde beziehungsweise welches Gleichgewicht oder eben Ungleichgewicht in der Darmflora herrsche, relevant.

Ebenfalls diskutiert wird die Frage, ob eine frühe Antibiotikagabe das Allergierisiko erhöht. Denn eine neue Studie weist darauf hin, dass Antibiotika in den ersten zwei Lebensjahren die Darmflora nachhaltig beeinträchtigen und damit das Immunsystem beeinflussen können.

Psychische und physische Faktoren können zwar je nach Alter eine Rolle spielen, bei Kindern sind es aber vor allem Umweltfaktoren. Ein grosser Risikofaktor sei, wenn Kinder Tabakrauch ausgesetzt seien. Dies vor allem in der Schwangerschaft, im Mutterleib, betont Alexander Möller.

Suche nach Allergieauslösern

Eine vererbte Neigung zu Allergien kann sich als Heuschnupfen, Asthma, Nahrungsmittelallergie oder Neurodermitis zeigen. Betroffene Kinder können aus einer Allergieform «herauswachsen», danach aber an der nächsten Allergieform erkranken: zuerst die Neurodermitis, dann das Asthma und später der Heuschnupfen.

Die Abfolge dieser drei atopischen Erkrankungen (das sind Allergien, bei denen das Immunsystem binnen Sekunden oder Minuten auf das Allergen reagiert) während der Kindheit wird oft als «Allergiekarriere» bezeichnet. Pollen, Tierhaare, Nahrungsmittel, Hausstaubmilben und Insektengifte sind die häufigsten Allergene.
Leiden beide Eltern an Allergien, liegt das Risiko für die Kinder bei 70 Prozent.
Für die Diagnose sind die Familiengeschichte und die Vorgeschichte in Sachen Allergien relevant. «Es geht darum, herauszufinden, was die Allergie ausgelöst hat», sagt Schmid-Grendelmeier. «Welche Symptome zeigten sich und was könnte in Zusammenhang mit dem Allergen stehen?» Ferner ist die Form der Beschwerden aufschlussreich:

Sind diese anfallartig, saisonal oder ortsgebunden? So beginnt die Suche nach dem Allergen.

Weiter gibt es dafür verschiedene Tests: Hauttests, bei denen verschiedene Allergene auf die Haut getropft oder in einem Pflaster aufgetragen werden. «Je nach vermutetem Allergen wählen wir die Untersuchungsart.» Mittels Blutanalysen werden Antikörper bestimmt, zudem gibt es intranasale (in der Nase angewendete) oder inhalative Provokationstests. «Bei Verdacht auf Asthma wird ein Lungenfunktionstest durchgeführt», sagt Alexander Möller. Dabei atmen die Kinder in ein Messgerät, das die Menge der ein- und ausgeatmeten Luft pro Zeiteinheit misst.

Reaktion eindämmen und Toleranz erhöhen

Bei der Behandlung einer Allergie geht es zum einen darum, Allergene (Substanzen, die eine allergische Reaktion auslösen können) zu vermeiden und die Betroffenen für Notfallsituationen zu schulen. Bei manchen Allergien braucht es Medikamente, die Antihistaminika oder Kortison enthalten. Diese reduzieren zwar die allergische Reaktion, bekämpfen aber nicht deren Ursachen.

«Bei Asthma braucht es oft einen kortisonhaltigen Inhalationsspray», sagt Möller, da die Kinder bei den Anfällen zu wenig Sauerstoff bekommen, was gesundheitliche Folgen hat. Der Pulvernebel verteile den Wirkstoff in den Atemwegen. Da die Dosen im Mikro- und Nanobereich liegen, müssen sich Eltern nicht vor den Nebenwirkungen des Kortisons fürchten, sagt Möller. Für ihn, der viele Kinder mit Asthma betreut, gebe es keinen Kompromiss, wenn diese leiden. «Es braucht eine klare Diagnose und bei einer Leistungseinschränkung müssen wir behandeln.» Asthma wachse sich dazu oft bis zum Schulalter aus.
Allergikerkinder sollen nicht ausgegrenzt werden, sondern ein normales Leben führen können.
Eine Therapie, die an den Ursachen ansetze, so Professor Schmid-Grendelmeier, sei die Desensibilisierung. «Oft starten wir im Schulalter damit», sagt er. Die Behandlung kann per Spritze verabreicht werden, eine Variante mit Tabletten oder Tropfen ist auch möglich und gerade bei Kindern beliebt. Die Langzeiteffekte sind laut beiden Ärzten sehr gut.

Neuere Arbeiten zeigen auch, dass ein Kontakt im Kleinkindalter mit möglichen allergieauslösenden Substanzen wie Erdnussbutter das Allergierisiko drastisch senkt. Wichtig finden beide Ärzte, dass betroffene Kinder und ihre Eltern geschult werden. Peter Schmid-Grendelmeier appelliert dazu auch an die Lehrerschaft: «Allergikerkinder sollen nicht ausgegrenzt werden, sondern ein normales Leben führen können!» Alle Betreuungspersonen müssen hier Verantwortung übernehmen.
 
* Name geändert

Bild: Juice Images / Alamy Stock Photo

Zur Person:

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Petra Seeburger ist Intensivpflegefachfrau, Journalistin und Kommunikationsspezialistin. Sie arbeitet seit über 30 Jahren im Gesundheitswesen.

Risiko allergischer Schock

Bestimmte Allergene können einen lebensbedrohlichen allergischen Schock auslösen. Allergiker tragen deshalb immer Notfallsets mit sich. Typische Symptome: pelziges Gefühl im Mundbereich mit Juckreiz, Atemnot bis zum schweren Asthma-Anfall, Hautrötung, Quaddelbildung, Erbrechen, Schwindel, Herzrasen und Blutdruckabfall bis hin zum Kollaps. Dies ist oft charakteristisch bei Wespen- oder Bienengiftallergien. 

Forschungsprojekt Exhalomics – frühe Diagnose und Prävention von Asthma bei Kindern 

Asthma ist die häufigste im Kindesalter auftretende chronische Erkrankung. Eine Diagnose im Vorschulalter ist jedoch fast unmöglich, weshalb viele Kinder nicht ausreichend behandelt werden. Im Rahmen des Forschungsprojekts «Zurich Exhalomics» suchen Forscher des Kinderspitals Zürich nach spezifischen Biomarkern, um eine Früherkennung von Asthma zu ermöglichen.

Weitere Informationen auf
www.aha.ch

Allergien – eine Übersicht

  • Ursachen haben und sind oft Symptom einer allergischen Reaktion; typisch ist etwa die Neurodermitis. 
  • Heuschnupfen ist eine allergische Reaktion auf Pollen und steht in Zusammenhang mit der Blühphase von Bäumen und Getreide. Die Schleimhäute der Nase und Augen jucken und schwellen an. Folgerisiko ist das allergische Asthma. 
  • Hausstaubmilbenallergie: Die Ausscheidungen von Milben können Schnupfen oder Asthma auslösen. 
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten entwickeln Kinder oft bei Milchprodukten, Eiern, Getreide, Fisch oder Obst. 
  • Als Überempfindlichkeit auf die Proteine im Latex zeigt sich eine Latexallergie.
  • Tierallergien richten sich meist gegen Katzen, Hunde, Pferde und Nagetiere. 
  • Auslöser einer Medikamentenallergie sind meist Antibiotika, Schmerzmittel, Mittel gegen Krampfanfälle und Beruhigungsmittel.
  • Allergene sind die häufigsten Auslöser von Asthma bronchiale, etwa Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilben oder Schimmelpilze.
  • Viele Kinder leiden an einer Sonnenallergie. Die Allergie zeigt sich als Pusteln oder Bläschen, nachdem die Haut der Sonne ausgesetzt war.

Allergien vorbeugen

  • Babys so lange wie möglich stillen, am besten vier bis sechs Monate.
  • Alternativ bei Hochrisikokindern in den ersten vier bis sechs Monaten hypoallergene Nahrung geben. 
  • Ab vier Monaten möglichst vielfältige Beikost geben.
  • Aufhören, Babyutensilien wie Schoppen oder Schnuller zu sterilisieren.
  • Alles vermeiden, was eine Allergie fördern kann, vor allem Rauchen!
  • In Hochrisikofamilien keine Haustiere halten.
  • Kuscheltiere regelmässig waschen. 
  • Kinder so früh wie möglich mit Bakterien und Viren in Kontakt bringen (Kinderkrippe, Krabbel-, Spielgruppe, Bauernhofbesuche).
  • Ortswechsel in der Pollensaison. 
  • Zurückhaltung mit dem Einsatz von Antibiotika wird empfohlen. 
  • Kinder mit Asthma gegen Keuchhusten und Pneumokokken impfen lassen.

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