Einfach vorlesen!
Schule

Einfach vorlesen!

Ihr Kind soll sich besser konzentrieren können, leichter lesen und schreiben lernen? Dann lesen Sie ihm vor. Schon eine Viertelstunde pro Tag wirkt wahre Wunder – bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.
Text: Ruth Fritschi
Bild: rawpixel.com
Vorlesen ist ein wunderbares Erlebnis. Dies zeigte sich in den vergangenen Wochen auch im Fernunterricht mit den kleinen und grossen Kindern. Meine Teamkolleginnen berichteten erfreut, dass die Vorlesestunde am Freitagmorgen, obwohl sie freiwillig war, fleissig genutzt wurde. «Die ganze Klasse blieb anwesend, obwohl sonniges Wetter nach draussen lockte! Und dies jeden Freitag!»

Eine Teamkollegin aus dem Kindergarten berichtete, dass viele Kinder ihrer Klasse die selbst aufgenommenen Videos zum Bilderbuch auf der Website des Kindergartens wieder und wieder geschaut hätten. Schön, dass wir mit der Vor­lese­stunde im Fernunterricht vielen Kindern Freude bereiten konnten. Vorlesen ist und bleibt ein wunderbares, gemeinschaftliches Erlebnis und unterstützt die Kinder in ihrer Entwicklung. 

Das meinen nicht nur wir Lehrpersonen, sondern wird auch von Fachleuten bestätigt: Vorlesen fördert die Konzentration, und Zuhören kann man lernen. Kinder, denen viel vorgelesen wird, können sich besser konzentrieren und haben eine längere Ausdauer beim Zuhören. Ausserdem verfügen sie über einen grösseren Wortschatz als ihre gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen ohne Vorleseerfahrung. Sie lernen leichter lesen und schreiben und haben dadurch grössere Bildungschancen.
Kinder, denen viel vorgelesen wird, können sich besser konzentrieren und haben eine längere Ausdauer beim Zuhören.
Kleine Kinder begegnen übers Vorlesen erstmals der Literatur. Sie hören, wie die Sprache klingt, und nehmen unbewusst ihre Erzähl- und Sprachmuster auf. Diese helfen ihnen später, Texte leichter zu verstehen und zu interpretieren.

Geschichten regen die Fantasie von Kindern an und fördern ihre Krea­tivität und Ausdrucksfähigkeit. Altersgerechte Geschichten bieten gute Gesprächsanlässe, um alltäg­liche Sorgen und Konflikte im vertrauten Rahmen zu verarbeiten. 

Unabhängig von den Förder­aspekten soll beim Vorlesen der Spass an erster Stelle stehen. Vorlesen bedeutet, gemeinsam Zeit zu verbringen und füreinander da zu sein. Vorlesen bietet den Kindern Gelegenheit, Nähe und Aufmerksamkeit zu erfahren. Dass Papa, Mama, Grossvater, Grossmutter oder eine andere Person sich Zeit zum Vorlesen nimmt, ist ebenso wichtig wie die Hauptfiguren der Geschichte.
 
Und so wird Vorlesen zu einem wunderbaren Erlebnis:

  • Wählen Sie einen günstigen Moment im Tagesablauf aus. Das kann vor dem Schlafengehen sein, nach dem Mittagessen oder vor dem Hausaufgabenmachen.

  • Ein gemütlicher Platz ist beim Vorlesen viel wert. Es soll eine entspannte Vorlese-Atmosphäre entstehen. Dafür braucht es Zeit und Ruhe.

  • Wenn Sie nicht gerade ein digi­tales Buch vorlesen oder gemeinsam eine ­Bilderbuch-App an­­schauen, schalten Sie während der Vorlesezeit ihr Handy und den Fernseher aus.

  • Die Wahl der «richtigen Ge­­schichte» ist ebenfalls wichtig. Die «richtigen» Geschichten für ein Kind sind die, die altersgerecht sind und die es interessieren. Um zu überprüfen, ob eine Geschichte altersgerecht ist, kann man sich am Alter der Hauptpersonen der Geschichte orientieren.

  • Lassen Sie Ihr Kind das Vorlesebuch selbst auswählen und haben Sie Geduld, wenn Ihr Kind schon wieder dieselbe Geschichte hören möchte. Meint ein Kind: «Noch einmal!», ist das ein gutes Zeichen dafür, dass Sie alles «richtig» machen. Wenn Sie mehrere Kinder haben, lassen Sie diese ihre Vorlesebücher abwechselnd auswählen.

  • Sie müssen kein Vorleseprofi sein. Es ist nicht entscheidend, dass Sie ein begabter Geschichtenerzähler sind, sondern dass Sie Ihrem Kind Zeit, Aufmerksamkeit und die eigene Begeisterung für die Welt der Fantasie und Wörter schenken.

  • Für nicht routinierte Vorleser: Einfach anfangen! Vorlesen endet nicht mit dem letzten Satz der Geschichte. Nach dem Vorlesen ist es wichtig, über das Gehörte zu sprechen. Da können gezielte Fragen das Gespräch anregen: Was hat dir an der Geschichte besonders gut gefallen? Hast du auch schon mal so was erlebt? Gespräche über die Geschichte erzeugen Nähe und runden die Vorlesezeit richtig ab.

  • Lesen Sie regelmässig vor, am besten jeden Tag, denn Kinder mögen Rituale. Sie geben ihnen Sicherheit und ermöglichen Vorfreude. Wie lange Ihre Vorlese­rituale dauern, finden Sie am besten gemeinsam mit Ihrem Kind heraus. Wichtig ist eine Regelmässigkeit, denn bereits fünf Minuten Vorlesen pro Tag wirken sich positiv auf die Entwicklung Ihres Kindes aus.

  • Vorlesen kennt keine Altersgrenze! Auch Kinder, die schon lesen können, dürfen Vorleserituale geniessen. Lesen Sie Ihrem Kind deshalb auch dann noch vor, wenn es bereits selber lesen kann. Selbst Jugendliche und Erwach­sene hören gerne zu. 
Damit Jugendliche vom Vorlesen profitieren können, sollten Eltern die Lektüre mit ihnen zusammen auswählen.
In einem Interview in unserer Verbandszeitung «Bildung Schweiz» meinte Barbara Jakob, zuständig für literale Förderung beim Schweize­rischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM): «Vorlesen hat definitiv kein Ablaufdatum, Einsteigen ist immer möglich. Aufgrund der fortgeschrittenen Entwicklung sind bei Jugendlichen die Bezüge zu Tieferliegendem – also der litera­rischen Sprache und inneren Bildern – viel stärker.» Die Fachfrau betont, dass die Fähigkeit, innere Bilder entstehen zu lassen, beim Menschen fortlaufend genährt werden muss. Und auch die Fähigkeit, zuzuhören, muss bei Jugendlichen und Erwachsenen genauso geübt und gestärkt werden.
«Basale Lesefähigkeiten können durch Vorlesen auch auf der Sekundar­stufe noch gefördert werden.»
Beim Vorlesen lernen wir, aus dem Gehörten Informationen heraus­zufiltern. In der Studie «Leseförderung durch Vorlesen» macht Projektleiter Jürgen Belgrad, Pro­fessor für Literaturwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten bei Ravensburg, deutlich, dass basale Lesefähigkeiten durch Vorleseaktivitäten auch auf der Sekundarstufe noch erweitert werden können. Jugendliche wachsen in die mediale Vielfalt hinein, in der das Visuelle dominiert. Damit kommt die Fähigkeit, zuzuhören, wieder ein wenig abhanden. Vermehrtes Vorlesen hilft, die Konzentrationsfähigkeit für längere Texte aufzubauen.

Damit Jugendliche vom Vorlesen profitieren können, braucht es Motivation zum Zuhören. Deshalb gilt auch bei den Jugendlichen, die Vorleselektüre mit ihnen auszuwählen und darauf zu achten, dass der Inhalt nahe an ihrer Lebenswelt ist. Die Bücher sollten nicht zu viele Personen und Perspektiven enthalten und einen klaren, linearen Handlungsstrang haben. Auch bei den Jugendlichen ist ein anschliessender Austausch sehr wichtig. Das, was der Text auslöst, muss Platz haben und besprochen werden.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern viele wunderbare Vor­lese­erlebnisse!

Der Link www.einfachvorlesen.de hat mich zum Titel und zu den Tipps meines Artikels inspiriert.
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Über die Autorin: 

<div><strong>Ruth Fritschi</strong> ist Geschäftsleitungsmitglied im Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH und schulische Heilpädagogin im Kindergarten und an der Primarschule. Sie wohnt in Dussnang TG.</div>
Ruth Fritschi ist Geschäftsleitungsmitglied im Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH und schulische Heilpädagogin im Kindergarten und an der Primarschule. Sie wohnt in Dussnang TG.

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