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Schule

«Eine Tagesschule ist wie eine Grossfamilie»

Der Primarschullehrer Philipp Muchenberger, 46, unterrichtet seit 14 Jahren an der Tagesschule Zug. Für den dreifachen Vater ist der Job mehr Berufung als Beruf.
Protokoll: Bettina Leinenbach
Foto: 
Salvatore Vinci / 13 Photo
«Ich kenne sie alle: die wuseligen Erstklässler, die erst noch ihren Platz bei uns finden müssen, die ‹alten Hasen› aus der fünften und sechsten, die wilden Kinder und die schüchternen, die zutraulichen und die vorsichtigen. Obwohl ich als Klassenlehrer für eine Gruppe zuständig bin, sind alle anderen irgendwie auch meine Schülerinnen und Schüler. Das ist an der Tagesschule definitiv anders als in einer normalen Quartierschule, wo die Lehrer in der Regel nur ‹ihre› Kinder auf dem Radar haben.
«Das ganzheitliche Konzept, das wir hier umsetzen, ist viel eher mein Ding.» 
Philipp Muchenberger, Primarschullehrer an der Tagesschule Zug.
Ich habe zu Beginn meiner Karriere auch das klassische System kennen gelernt. Mittlerweile bin ich seit 14 Jahren an der Tagesschule und kann sagen: Das ganzheitliche Konzept, das wir hier umsetzen, ist viel eher mein Ding. Die Vorteile einer Ganztagesbetreuung überwiegen. Ich vergleiche unsere Tagesschule gerne mit einer Grossfamilie, in der alle zueinander schauen. Die Lehr- und Betreuungspersonen sind immer mitten im Geschehen. Logisch, dass das manchmal ganz schön anstrengend ist. In der Regel werde ich zu zwei Dritteln meiner Arbeitszeit im Klassenraum eingesetzt, zu einem Drittel für Betreuungsaufgaben.
Philipp Muchenberger: «Beim Mittagessen oder in einem der Freizeitkurse erlebe ich nicht selten eine neue, mir bisher unbekannte Seite eines Kindes».
Philipp Muchenberger: «Beim Mittagessen oder in einem der Freizeitkurse erlebe ich nicht selten eine neue, mir bisher unbekannte Seite eines Kindes».
Da die Betreuungszeit vom Aufwand her anders gewichtet wird, bin ich meist von 8 bis 18 Uhr an der Tagesschule. Wer so wie ich quasi immer präsent ist, braucht eine Strategie, um professionell arbeiten zu können. Mein wichtigster Grundsatz: Ich muss den Schülerinnen und Schülern gegenüber klar auftreten und die Grenzen genau definieren. Ich beziehe die Kinder oft in Alltagsentscheide mit ein. Umso wichtiger ist es, den Lead vorzugeben. Obwohl ich ein netter Mensch bin, bin ich nicht ihr Kumpel, sondern ganz klar der Lehrer. Beim Mittagessen oder in einem der Freizeitkurse erlebe ich nicht selten eine neue, mir bisher unbekannte Seite eines Kindes.

Aus pädagogischer Sicht ist das sehr spannend. Manchmal hilft uns dieses Wissen dabei, besser und gezielter eingreifen zu können, wenn bei jemandem schulische oder soziale Probleme auftauchen. Manchmal stellt sich auch heraus, dass die Tagesschule einfach nicht das Richtige für ein Kind ist. Als dreifacher Vater weiss ich aus eigener Erfahrung, wie unterschiedlich Kinder sein können. Es ist wichtig, das nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern bei Bedarf auch zu reagieren. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler sich bei uns nicht wohl fühlt, müssen wir gemeinsam mit den Eltern nach einer anderen Lösung suchen. Die Zusammenarbeit mit den Familien klappt meist problemlos. Wir erleben es nur selten, dass Eltern uns als reine Dienstleister ansehen und gewissermassen eine Erfolgsgarantie einfordern. Ein Kind ist kein Auto, das man in die Werkstatt bringen kann, um es kurz vor Feierabend wieder abzuholen.»

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