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Schule

Auf eigenen Füssen zur Schule

Der Schulweg ist seit jeher ein Streitthema zwischen Eltern, Pädagogen und Verkehrsforschern. Denn besonders im Strassenverkehr lauern Gefahren. Kein Wunder, dass viele Eltern ihre Kinder ihn nicht alleine gehen lassen wollen. Dabei bietet er viele Chancen für Kinder, spielerisch zu lernen.
Text: Stefan Michel
Bilder: Sophie Stieger / 13 Photo
Yannik winkt seiner Mutter noch einmal zu, bevor er die Strasse hinuntergeht, die in den historischen Dorfkern von Wangen bei Brüttisellen ZH führt. Fünf Strassen kreuzen sich hier. Es herrscht reger Verkehr. Wangen ist ein beliebter Schleichweg, um den Stau um das Brüttiseller Kreuz zu umfahren. Der 6-Jährige wartet lange, bis sich eine Lücke auftut und er die Strassenseite wechseln kann. Eigentlich wäre Yanniks Schulweg so, wie man ihn sich wünscht: mitten durchs Dorf, vorbei an Fachwerkhäusern und gepflegten Gärten. Doch der Durchgangsverkehr verwandelt den idyllischen Spaziergang in eine tägliche Lektion Verkehrskunde. Trotzdem lässt ihn seine Mutter alleine gehen, obwohl ihr nicht ganz wohl ist dabei. «Yannik ist ein sehr vernünftiges Kind. Seinen kleinen Bruder werde ich wohl länger begleiten müssen», meint sie vorausschauend.

Für viele Kinder ist der Schulweg die einzige Möglichkeit, sich ohne Aufsicht zu bewegen, sich mit ihren Kollegen auszutauschen, Freundschaften zu schliessen oder zu streiten. Er bietet aber auch die Möglichkeit, Abstand vom Schultag zu gewinnen und sich auf zu Hause einzustellen. Aber er verlangt gerade jüngeren Kindern einiges ab. Sie müssen den Weg zur Schule selbständig finden, rechtzeitig dort sein und auf sich aufpassen. Der Schulweg ist viel mehr als die Strecke zwischen Wohn- und Schulhaus, er ist ein Ort des Lernens.
Der Schulweg ist viel mehr als nur eine Wegstrecke, er ist ein Ort des Lernens.
Das ist die eine Seite. Die andere erschliesst sich einem beim Blick in die Statistik: Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) werden jedes Jahr rund 400 Kinder auf dem Schulweg Opfer eines Verkehrsunfalls. Durchschnittlich zwei Kinder sterben. Das grösste individuelle Risiko tragen die 5- bis 9-Jährigen als Fussgänger und die 10- bis 14-Jährigen als Velofahrer. So verwundert es nicht, dass sich Eltern in den Monaten vor der Einschulung die Frage stellen: Wie kommt unser Kind sicher in die Schule und wieder nach Hause? Die grösste Sorge gilt dabei dem Strassenverkehr. Sind viel befahrene Strassen zu überqueren? Gibt es unübersichtliche Kreuzungen? Ist unser Kind vernünftig genug, um sich sicher an den Autos vorbeizubewegen? Und wie rücksichtsvoll und aufmerksam sind wohl die Autofahrer?

Dabei hält der Verkehrsexperte Pascal Regli fest, dass Deutschschweizer Schulwege im nationalen Vergleich relativ sicher seien. Regli leitet das Projekt «Sichere Schulwege» bei Fussverkehr Schweiz und kennt die elterlichen Sorgen. «Wie gross die Gefahr und die Bedenken der Eltern sind, spiegelt sich direkt in den sogenannten Elterntaxis wider. In der Romandie und im Tessin ist der Anteil der Kinder, die zur Schule gefahren werden, viel höher als in der Deutschschweiz», erklärt er. So sind es in der Deutschschweiz weniger als 10 Prozent der Kinder, die täglich mit dem Auto zur Schule gebracht und wieder abgeholt werden. Doch ihr Anteil steigt.

Elterntaxis sind umstritten

Die Elterntaxis sind das am hitzigsten diskutierte Thema im Zusammenhang mit Schulwegen. Offizielle Stellen wie die Kantonspolizei Zürich raten in der Regel ebenso entschieden vom elterlichen Fahrdienst ab wie Verkehrsorganisationen, beispielsweise der TCS. Denn dass die
Kinder im Auto sicherer unterwegs sind, ist ein Trugschluss. Einerseits zeigen Statistiken, dass Kinder häufiger im Auto Opfer von Verkehrsunfällen werden als zu Fuss. Darüber hinaus gefährden die vor den Schulen kreuz und quer rangierenden Autos die Kinder, die sich dort bewegen. Verschiedene Schulleitungen appellieren daher an die Eltern, die Fahrdienste zu unterlassen. Die Aargauer Gemeinde Muri hat sogar ein Halteverbot um die Schulhäuser herum erlassen.
Studien belegen, dass Kinder am meisten lernen, wenn sie auf sich gestellt sind.
So richten sich einige Aufklärungskampagnen nicht nur an Eltern und Kinder, sondern vor allem an Autofahrer, wie die TCS-Kampagne «Rad steht, Kind geht». Denn was viele Autofahrer nicht bedenken: Am Fussgängerstreifen stehende Erwachsene erkennen in der Regel, dass ein Auto bremst, dass die Distanz gross genug ist, um vor dem heranrollenden Fahrzeug die andere Strassenseite zu erreichen – Kindern fehlen das Auge und die Erfahrung dafür. «Wenn die Autofahrer wissen, dass das Kind erst losgeht, wenn das Auto steht, gibt es keine Missverständnisse», betont Helmut Gierer vom TCS.
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Schulwege sicherer machen

Wer sich jedoch täglich im Strassenverkehr bewegt, weiss, dass diese Botschaft noch nicht bei allen Verkehrsteilnehmern angekommen ist. Was also tun? Die Kinder mit dem eigenen Auto zur Schule zu fahren, ist eine Reaktion auf die Gefahren. Eine andere wäre, etwas zur Entschärfung zu unternehmen – indem Eltern beispielsweise die Gemeindebehörden auffordern, den Schulweg sicherer zu machen. Das können bauliche Veränderungen sein oder ein Lotsendienst an besonders heiklen Stellen. Wenn Gemeinde- oder Schulbehörden aktiv werden müssen, dauert es länger, dafür dient die Lösung dann auch den kommenden Jahrgängen. Das Problem vieler Eltern ist aber, dass sie nicht auf eine Lösung warten können. Ihr Kind muss jetzt zur Schule, es muss heute die gefährliche Strasse überqueren.

Wer deshalb also nicht warten will, kann sich privat organisieren, beispielsweise mit einem sogenannten Pedibus: Jeweils eine Mutter oder ein Vater begleitet die Kinder mehrerer Familien. Der Kinderzug hat feste Abgangszeiten, sodass die Eltern wissen, wann die Tochter oder der Sohn am vereinbarten Ort sein muss, um sich dem Pedibus anzuschliessen. Einen Nachteil aber haben alle Begleitdienste: Die Kinder lernen nicht, den Verkehr selber zu meistern, denn es ist ja die erwachsene Begleitperson, die schaut, dass nichts passiert. Bezeichnend ist die Aussage einer Erstklässlerin aus Adliswil ZH: «Wenn ich allein gehe, dann passe ich auf. Wenn wir im Pedibus gehen, machen wir Quatsch.»

Der Schulweg als Chance

Viele Studien sind zum Schluss gekommen, dass Kinder am meisten lernen, wenn sie auf sich gestellt sind, sei es unterwegs in die Schule oder im freien Spiel. «Bei der eigenständigen Erkundung ihres Wohn- und Schulumfeldes werden Kinder selbständig und unabhängig», wie die Erziehungswissenschaftlerin Maria Limbourg schon vor mehr als zehn Jahren schrieb.
Der sechsjährige Yannik hat viel gelernt auf seinem knapp 700 Meter langen neuen Schulweg. In einer Selbstverständlichkeit überquert er viel befahrene Strassen, kennt die sicherere Seite einer Strasse ohne Trottoir. Er orientiert sich mühelos in den Quartiersträsschen und weiss, wo er abbiegen muss. Auch wenn sich unterwegs Kameraden dazugesellen, behält er die flott durchs Dorf rollenden Autos im Auge. Auf diesem Weg wirkt Yannik um Jahre älter als beim Herumtollen mit seinem kleinen Bruder.

Kinder, die ausschliesslich im Auto gefahren werden oder unter Aufsicht laufen, verpassen das. Ihnen entgehen Erkenntnisse und Erinnerungen, die sie vielleicht ein Leben lang begleiten. Dem gegenüber steht das Sicherheitsempfinden der Eltern. Denn sie tragen die Verantwortung. Die Entscheidung liegt letztlich bei den Müttern und Vätern, wie viel sie ihrem Kind zutrauen – und wann und wo.

Der Schulweg unserer Kinder ist zu gefährlich – was können wir als Eltern tun?


  • Schliessen Sie sich mit anderen Eltern zusammen. 
  • Dokumentieren Sie die Gefahr mit Fotos, Videos und Umfragen.
  •  Kontaktieren Sie als Erstes die Schulpflege oder die Schulleitung. 
  • Gelangen Sie erst an die Gemeindebehörden, wenn Sie nicht mehr weiterkommen. 
  • Schlagen Sie den langwierigen Rechtsweg nur ein, wenn alles andere keine Lösung bringt.

Zum Autor:


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Stefan Michel ist freier Journalist in Zürich. Er lässt seine Tochter, 5, oft selbständig Erfahrung sammeln, auch im Strassenverkehr. In Wangen bei Brüttisellen hätte selbst er Angst um sein Kind.

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