Lernen

Lernen gelingt in guten Beziehungen

Wie können Eltern und Lehrpersonen Kinder beim Lernen unterstützen? Wir meinen oft, Kindern zu helfen und bewirken das Gegenteil. Die Lernexperten Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler raten: Setzen Sie die Beziehung zum Kind nicht für ein paar Vokabeln aufs Spiel!
Text: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler
Fotos:
Salvatore Vinci / 13 Photo
Wie wichtig die Beziehung zur Lehrperson ist, wusste ich, Fabian Grolimund, bereits vor dem ersten Schultag. In den Sommerferien vor der Einschulung durften wir als Kindergartenkinder mit unseren Eltern die Schule besuchen. Dabei stellten sich auch die vier Erstklasslehrerinnen vor.

Eine ältere Lehrerin, die kurz vor der Pensionierung stand und meine Mutter kannte, meinte zu mir: «So, kleiner Grolimund, zu wem willst du nach den Sommerferien?» Ich antwortete: «Also sicher nicht zu Ihnen.» Meine Mutter schämte sich bereits in Grund und Boden, als die Lehrerin nachhakte und den Grund wissen wollte. Meine Erklärung: «Sie sind uralt. Vielleicht sterben Sie bald, und wenn ich zu Ihnen in die Schule gehe, habe ich Sie dann sicher sehr gern und bin dann ganz traurig.» Sie nahm es zum Glück mit Humor.
Wenn wir über das Lernen sprechen, kommen wir nicht umhin, über Beziehungen zu sprechen. Vom ersten Lebenstag an lernen Kinder für andere Menschen. Sie stellen bald fest, dass sie über ein Lächeln oder ein Glucksen Kontakt zu ihren Eltern aufnehmen können, und machen ausgiebig davon Gebrauch.

Wann immer Kinder etwas Neues lernen, möchten sie es jemandem zeigen: «Mama, schaust du zu?», «Papa, guck mal!» Sie treffen sich mit Freunden zum Skateboarden und führen sich neue Tricks vor.
Stress und Angst blockieren den Lernprozess, Freude und Stolz motivieren uns.
Die Gefühle, die wichtige Bezugspersonen während des Lernens bei uns auslösen, wirken sich entscheidend auf den Lernprozess aus. Stress, Scham und Angst blockieren uns, Freude und Stolz motivieren uns, weiterzulernen und uns neuen Herausforderungen zu stellen. Nach und nach verbinden sich die erlebten Gefühle mit einem Fach oder der Schule an sich.

Der Lehrer, der uns anerkennend zunickt oder einen netten Kommentar unter die Prüfung schreibt, spornt uns an und weckt Freude am Fach. Die Lehrerin, die den Schüler an der Tafel blossstellt, verbindet in den Gehirnen ihrer Schüler ihr Fach und Lernen im Allgemeinen mit Scham und Angst.

Kinder lernen nie nur eine Sprache, Mathematik oder die Rechtschreibung. Sie lernen immer auch etwas über sich. Mit der Zeit bilden sie Überzeugungen aus wie: «Sprachen zu lernen macht Spass!», «Ich bin zu dumm für Mathe!», «Prüfungen sind schrecklich!»
«Ich lerne nicht so gern zu Hause», sagt Enis. «Da werde ich zu oft abgelenkt.»
«Ich lerne nicht so gern zu Hause», sagt Enis. «Da werde ich zu oft abgelenkt.»
Diese Überzeugungen entwickeln sich aufgrund von Erlebnissen mit dem Stoffgebiet, vor allem aber durch das Klima, das zwischen Kind, Eltern und Lehrpersonen während des Lernens herrscht.

Es ist leicht, negative Beziehungssignale bei anderen wahrzunehmen. Eltern stören sich beispielsweise oft daran, dass die Lehrperson zu wenig auf ihr Kind eingeht oder einen negativen Kommentar fallen lässt. Sie sehen jedoch nicht, wie sehr ihre eigene Ungeduld und das schwere Atmen bei jedem Fehler ihrem Kind die Freude am Lesenlernen verdirbt, wie sehr sie durch ständiges Nörgeln und Nachfragen Hausaufgabenkonflikte schüren, wie unsanft sie das Kind auf Fehler hinweisen oder wie schwer es für das Kind zu ertragen ist, wenn es sehen muss, wie stark die Eltern unter schlechten Noten leiden.

Besonders die subtilen nonverbalen Signale entgehen uns – das Augenrollen, das Dasitzen mit zurückgelehntem Oberkörper, verschränkten Armen und versteinerter Miene, das Trommeln mit den Fingern auf dem Tisch, das Stirnrunzeln und Luftholen, wenn das Kind – schon wieder – den gleichen Fehler macht.

Um es zu präzisieren: Diese Signale entgehen uns – aber nicht dem Kind. Für das Kind bedeuten sie alles.
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Die Ungeduld der Eltern und ständiges Nörgeln verderben die Freude am Lernen.
Entwickelt ein Kind das Gefühl, es Eltern und Lehrpersonen sowieso nicht recht machen zu können, klinkt es sich aus dem Lernprozess aus. Es wertet Schule und Lernen ab, um sein Selbstwertgefühl zu schützen, und sucht sich vielleicht bald eine Rolle, in der es mehr Zuspruch erfährt – beispielsweise als Klassenclown oder die Coole.

Wer in der Rolle des Schülers nicht gewinnen kann, sucht sich eine andere Möglichkeit. Dabei kann es durchaus befriedigend sein, aus einem Machtkampf gegen den Lehrer als vermeintlicher Sieger hervorzugehen, der Lehrerin einen Streich zu spielen, aufmüpfige Kommentare abzugeben oder den Eltern demonstrativ zu zeigen, wie wenig man von ihren Ansichten und Forderungen hält.

Bei der Beratung von Eltern und Lehrpersonen stellen wir immer wieder fest, dass sich verfahrene Situationen nur lösen lassen, wenn zuerst auf der Beziehungsebene gearbeitet wird. Damit Kinder und Jugendliche sich etwas sagen oder von jemandem führen lassen, benötigen sie das Gefühl, dass diese Person ihnen wohlgesinnt ist, dass sie ihnen etwas zutraut und sie nicht aufgibt.

Es ist daher also nicht verwunderlich, dass Studien immer wieder zeigen, dass die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden für den Lernerfolg die entscheidendste beeinflussbare Variable ist.
Machen ihre Hausaufgaben teils in der Schule, teils zu Hause: Eray und Enis.
Machen ihre Hausaufgaben teils in der Schule, teils zu Hause: Eray und Enis.
Wir möchten Sie gerne dazu einladen, sich an Ihren Lieblingslehrer oder Ihre Lieblingslehrerin zurückzuerinnern. Was hat sie ausgezeichnet? Wieso ist es Ihnen bei dieser Person so leicht gefallen zu lernen? Warum haben Sie sich auf ihren Unterricht gefreut?
Für den Lernerfolg ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler entscheidend.
Wir haben diese Frage im Vorfeld dieses Artikels mehreren Eltern und Lehrpersonen gestellt. Die Antworten fielen verblüffend ähnlich aus. Diese Lehrpersonen scheinen eine liebevolle Klarheit zu besitzen. Sie sind wertschätzend, authentisch, interessieren sich für ihre Schüler und holen jeden einzelnen dort ab, wo er steht. Gleichzeitig sind sie fordernd. Sie erwarten, dass sich jeder Schüler in seinem Rahmen bemüht, äussern positive Erwartungen, zeigen Verbesserungsmöglichkeiten und Fortschritte auf und bestehen auf die Einhaltung weniger, klarer Regeln. Wir alle können von solchen Lehrpersonen lernen.
Enis, 11, geht gern zur Schule. Am liebsten mag er das Fach «Mensch und Umwelt».
Enis, 11, geht gern zur Schule. Am liebsten mag er das Fach «Mensch und Umwelt».
Als Eltern können Sie kurz überprüfen, wie es Ihnen geht, bevor Sie sich auf das Lernen mit dem Kind einlassen. Sie können sich bewusst werden, dass die Beziehung zu Ihrem Kind Ihr grösstes Kapital ist und es sich nicht lohnt, diese aufs Spiel zu setzen, indem man es drängt, ein paar Wörter mehr zu lernen, oder mit ihm noch das letzte Übungsblatt der Hausaufgaben durchboxt. 

Sie dürfen die Hausaufgaben abbrechen, das Zimmer verlassen, wenn die Stimmung kippt, oder mit der Lehrperson Kontakt aufnehmen, wenn das Lernen zu viel Zeit in Anspruch nimmt oder aus dem Ruder läuft.
Setzen Sie die Beziehung zu Ihrem Kind nicht wegen ein paar Vokabeln aufs Spiel.
Sie können die Haltung Ihres Kindes zur Schule positiv beeinflussen, indem Sie diese vorleben. Je mehr Ihr Kind spürt, wie sehr Sie seine Lehrerin schätzen, und je stärker Sie dies – zum Beispiel durch anerkennende Worte – zum Ausdruck bringen, desto leichter fällt es dem Kind, gute Seiten an der Lehrerin wahrzunehmen, sich auf den Unterricht einzulassen – und damit wieder positive Reaktionen bei der Lehrerin zu wecken.

Das förderliche Klima, das dabei entsteht, verknüpft sich wiederum mit dem Lernen. Auf der anderen Seite gilt: Mit jedem negativen Kommentar über die Schule, mit jedem Wettern über die inkompetenten Lehrer unterschreiben Sie Ihrem Kind einen Freipass, um sich in der Schule daneben zu benehmen.

Als Eltern oder Lehrperson können Sie Ihre Haltung verändern. Wir sind oft so sehr damit beschäftigt, auf das zu achten, was falsch läuft, dass wir Fortschritte und Positives übersehen. Dabei wäre es meist sinnvoller, motivierender und entspannter, wenn wir lernten, unseren Blickwinkel zu verlagern.

Wenn wir einem Kind mit Aufmerksamkeitsproblemen in einem guten Moment sagen: «Hey, jetzt bist du gerade sehr konzentriert», und es kurz anlächeln, lernt es mehrere Dinge auf einmal. Es kann das Gefühl konzentrierten Arbeitens abspeichern: Aha, so fühlt es sich an, wenn ich konzentriert bin! Es lernt, dass wir uns über seine Fortschritte freuen, empfindet Stolz und ist motiviert, sich weiter in diese Richtung zu bemühen. Zudem schöpft es Vertrauen in seine Fähigkeiten und bildet die Überzeugung aus: Wenn ich mich anstrenge, kann ich mich konzentrieren. Die Beziehung zwischen Kind und Lehrperson oder Elternteil wird gestärkt, was wiederum dafür sorgt, dass weitere Rückmeldungen – positive wie auch kritische – auf fruchtbaren Boden fallen.

Kommentare wie «Du bist so ein Träumer, warum kannst du nicht aufpassen?!» oder «Du bist immer in den Wolken!» verinnerlicht das Kind mit der Zeit als Tatsachen. Gleichzeitig belasten sie die Beziehung – das Kind wird bockiger, die Erwachsenen setzen mehr Druck auf, und es entsteht ein Teufelskreis, bei dem Kind, Eltern und Lehrperson verlieren.
Helfen Sie Ihrem Kind nur, wenn Ihre Hilfe auch angenommen wird.
Für Lehrpersonen lohnt es sich, mit den «schwierigsten» ein bis drei Schülern einer Klasse regelmässig kurz darüber zu sprechen, wie es ihnen in der Schule geht, was man von ihnen erwartet, was sich verbessert hat, welche Veränderungen man dem Schüler noch zutraut.

Ab und zu eine Notiz an die Eltern, auf der steht, was bereits gut läuft oder sich verbessert hat, nützt mehr als ein halbstündiges Gespräch darüber, wie unmöglich sich der Schüler wieder benommen hat. Dabei geht es nicht darum, jegliche Kritik herunterzuschlucken und die rosarote Brille aufzusetzen, sondern darum, die Beziehung so weit zu stärken, dass der Schüler einen Sinn darin sieht, an diesen Punkten zu arbeiten.

Sich an Regeln zu halten, sich anzustrengen, sich auf ein schwieriges Fach einzulassen, sich seinen Schwächen zu stellen und sich nach Misserfolgen wieder auf das Lernen einzulassen verlangt von einem «schwachen» oder «schwierigen» Schüler Motivation, Mühe und die Bereitschaft, über seinen Schatten zu springen. Hat der Schüler Eltern oder Lehrpersonen, die diese Mühen aus seiner Sicht wert sind, wird er diesen Weg eher auf sich nehmen.

Schliesslich sind auch Erwachsene motivierter, wenn sie Unterstützung und positive Beziehungssignale erhalten. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder in einem guten Klima lernen können, benötigen wir gute Schulen. Diese entstehen – wie beispielsweise die gross angelegte Hattie-Studie zeigt – durch gute Lehrer. 

Es liegt an uns allen, dafür zu sorgen, dass kompetente, motivierte und beziehungsfähige Menschen Lehrer werden und bleiben möchten. In dieser Hinsicht stimmt es uns nachdenklich und traurig, dass wir von den meisten engagierten Lehrpersonen hören müssen: «Dass alles gut läuft und die Eltern zufrieden sind, merke ich daran, dass niemand reklamiert.»
FABIAN GROLIMUND
Fabian Grolimund war in seiner Kindheit sehr verträumt. Nach einem zusätzlichen Jahr im Kindergarten tat er sich in der Schule vorerst schwer und weigerte sich vehement, lesen zu lernen. Dank einigen herausragenden Lehrerinnen und Lehrern und verständnisvollen Eltern erinnert er sich dennoch gerne an seine Schulzeit zurück.
STEFANIE RIETZLER
Stefanie Ritzler las im Kindergarten das Buch «Für Steffi fängt die Schule an» und war von diesem Moment an Feuer und Flamme für die Schule. Ihre Begeisterung fürs Lesen und Lernen hält bis heute an.
Die beiden eint der Wunsch, für möglichst viele Kinder die Schulzeit ein wenig farbiger, leichter und entspannter werden zu lassen.


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