Scheidung und Trennung bei binationalen Paaren
Familienleben

Binationale Trennungen: Papa lebt in Amerika

Leben bei Mama oder bei Papa? Oder bei beiden? Die Entscheidungen nach einer Trennung sind immer schwierig. Wenn ein Elternteil keinen Schweizer Pass hat, kommen weitere Herausforderungen auf die Familie zu.
Text: Bianca Fritz
Jede dritte Ehe, die heutzutage in der Schweiz neu geschlossen wird, ist eine binationale. Dass sich Kulturen in einer Familie mischen und Partner für ihre neue Familie ihre Heimat verlassen, ist also längst keine Seltenheit mehr. «Ich sehe das als grosse Bereicherung, besonders für das Kind, das mit zwei Kulturen und zwei Sprachen aufwachsen darf», sagt Esther Hubacher von frabina, Beratungsstelle für Frauen und Männer in binationalen Beziehungen in Bern. Das landläufige Vorurteil, dass solche Konstellationen fragil sind, kann Hubacher nicht bestätigen: «Die Scheidungsquote ist nicht höher als bei Paaren mit derselben Herkunft.» 

Wenn es aber zu einer Trennung kommt, stehen binationale Paare vor zusätzlichen Herausforderungen. Bei dem Thema, wer künftig wie viel Betreuungszeit für die Kinder übernimmt, stellt sich auch die Frage: Bleibt der Partner mit anderem Pass in der Schweiz?

Die Familien haben nicht immer die freie Wahl. Kommen Vater oder Mutter beispielsweise aus einem Drittstatt (Nicht-EU/EFTA-Land) und die Ehe hat keine drei Jahre gehalten, ist es möglich, dass der Vater beziehungsweise die Mutter das Aufenthaltsrecht verliert – auch dann, wenn das Kind einen Schweizer Pass hat. «Das Migrationsrecht wird immer strenger ausgelegt. So hat das Bundesgericht bereits in mehreren Fällen geurteilt, dass der Kontakt zum Kind via Skype ausreiche und kein Aufenthalt in der Schweiz notwendig sei, um das Kontaktrecht auszuleben», erzählt Hubacher. Für die Entscheidung spielt sowohl die Bindung des Kindes an den ausländischen Elternteil eine Rolle, als auch die Frage, ob sich der Partner in der Schweiz allein finanzieren kann, oder auf Unterstützung angewiesen ist. 
Die Wahl ist keine leichte: Plage ich mich durch eine unglückliche Partnerschaft, oder verliere ich mein Aufenthaltsrecht und damit mein Kind?
So komme es auch vor, dass sich viele Paare durch unglückliche Partnerschaften quälten, um zu verhindern, dass ein Elternteil ausgewiesen wird und räumlich getrennt vom Kind leben müsse. «Je nachdem, wie heftig die Konflikte sind, ist dies nicht unbedingt die beste Lösung fürs Kind», gibt Hubacher zu bedenken. «Die rechtlichen Bedingungen erschweren es, eine Lösung zu finden, die sich für alle gut anfühlt.» Daher versteht die Stellenleiterin der frabina, die auch Paarberatungen mit binationalen Paaren durchführt, das Motiv. «Gerade für Kinder mit binationalen Eltern ist es wichtig, Kontakt zu beiden Elternteilen zu haben, um beide Wurzeln in die eigene Persönlichkeit integrieren zu können», sagt sie.

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Dieser Artikel gehört zu unserem Online-Dossier Trennung. Lesen Sie weitere Artikel und Tipps, wie Eltern es schaffen, nach einer Trennung als Familie weiter zu bestehen und sich zum Wohle des Kindes zu verhalten. 

Das Kind mitnehmen? Warum die Fälle von Kindsentführung zugenommen haben

Sandra Hotz, Juristin der Universität Fribourg weist zudem darauf hin, dass es mit der Revision des elterlichen Sorgerechts (ZGB), die 2014 in Kraft getreten ist, auch nicht mehr so einfach möglich ist, das Kind mit in ein anderes Land zu nehmen, wenn der ehemalige Partner nicht damit einverstanden ist. Dies, weil die gemeinsame elterliche Sorge für beide Elternteile als gesetzlicher Regelfall gilt. Teil des gemeinsamen elterlichen Sorgerechts ist es, über den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen.

«Wer das Kind gegen den Willen des Partners mit in sein Heimatland nimmt, begeht eine Kindsentführung, eine Sorgerechts- oder eine Besuchsrechtsverletzung. Die Zahl dieser Fälle hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen», berichtet sie. Sofern das Kind sich in einem Vertragsstaat befindet, ist über ein internationales Haager Übereinkommen und das Bundesgesetz zu den Kindsentführungen geregelt, wie das Kind dann in die Schweiz zurückgeführt werden könne, notfalls sogar mit Hilfe der Polizei.
«Wenn die Eltern in der Schweiz nicht glücklich sind, ist es auch für das Kind schwieriger, sich wohlzufühlen.»
Esther Hubacher
Wenn keine Ausweisung droht, bleibt dem ausländischen Partner zwar die Wahl in der Nähe des Kindes zu bleiben, aber fernab vom eigenen Heimatland. «Solche Fälle haben wir sehr oft», berichtet Hubacher. «Elternteile, die betonen, nur wegen dem Kind im Land zu bleiben.» Je nachdem, wie gut die Person integriert ist und wie stark sie der Umstand belastet, nicht ins Heimatland zurückkehren zu können, ohne das Kind zu verlieren, ist diese elterliche Aufopferung auch für das Kind nicht einfach. «Wenn die Eltern in der Schweiz nicht glücklich sind, ist es auch für das Kind schwieriger, sich wohlzufühlen», sagt Hubacher.

Dass die gemeinsame elterliche Sorge der Regelfall ist, bedeutet aber nicht automatisch, dass eine alternierende faktische Obhut in Kraft treten muss, bei der beide Partner auch Betreuungszeiten des Kindes übernehmen. Insbesondere, wenn während der Ehe bereits eine Person die Hauptverantwortung für die Betreuung getragen hat, während der Partner die Familie finanziell unterstützt hat, wird oft davon ausgegangen, dass es im Sinne des Kindeswohles ist, dass dieses Betreuungsverhältnis so beibehalten wird. 

Das heisst also auch: der ausländischen Mutter, die in der Schweiz nie gearbeitet hat, weil sie mit der Kinderbetreuung beschäftigt war, wird nicht einfach das Kind weggenommen, bzw. sie wird nicht einfach ohne das Kind ausser Landes geschickt. Wenn sich aber das Kind oder einer der Partner eine alternierende Obhut wünschen, liegt es an der KESB oder den Gerichten zu entscheiden, ob diesem Wunsch entsprochen werden kann. «Hier gilt das Kindeswohl als wichtigster Entscheidungsgrundsatz», sagt Sandra Hotz.

Ist es für das Kindeswohl grundsätzlich wichtig, dass beide Elternteile in der Nähe wohnen, damit das Kind sie jederzeit sehen kann? «Das lässt sich nicht einfach so pauschal beantworten», meint Sandra Hotz. «Es kommt auch auf die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit an, nicht nur darauf, wie oft diese stattfinden kann.»

Schliesslich sei heute auch in funktionierenden Ehen ein Partner häufig von der Familie getrennt, zum Beispiel, wenn er beruflich pendeln oder reisen müsse. Und es gebe zum Beispiel mit Videotelefonie die Möglichkeit, die getrennte Zeit zu überbrücken. «Hier soll das Recht auch mit dem Zeitgeist gehen», sagt die Juristin.

Bild: fotolia
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Hier gibt es Hilfe

  • Informationen und Beratung für binationale Paare: binational.ch
  • Spezialisierte Beratungsstelle für Bern und Solothurn mit Hotline für die ganze Schweiz: www.frabina.ch

Weiterlesen:


  • Wenn sich zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen ineinander verlieben, müssen Vorurteile überwunden werden. Wie geht das? 

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