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Familienleben

Pfarrer Bianca, wie verarbeitet man eine Scheidung?

Immer mehr Menschen in einer Scheidung wünschen sich ein Ritual, um den Ex-Partner besser loslassen und einen neuen Lebensabschnitt befreiter beginnen zu können. Der reformierte Pfarrer Andrea Marco Bianca erklärt, warum ein solches sowohl dem Paar als auch den gemeinsamen Kindern hilft, mit der Situation umzugehen, und wie mögliche Rituale gestaltet sein können.
Interview: Eveline von Arx
Fotos:
Salvatore Vinci / 13 Photo
Ein sonniger Novembernachmittag. In der reformierten Kirche in Küsnacht bei Zürich ist es eher kühl. Pfarrer Andrea Marco Bianca trägt einen leichten Anzug ohne Krawatte. Er wirkt hellwach, spricht gerne und mit Hingabe – der Einstieg ins Thema geschieht rasch und unmittelbar.

Herr Bianca, im Rahmen Ihrer Dissertation haben Sie sich viele Jahre mit Scheidungsritualen befasst. Was sind die Haupterkenntnisse Ihrer Forschung?

Dass ein Ritual hilft, etwas auszudrücken, wozu man innerlich vielleicht gar noch nicht zu 100 Prozent bereit ist.

Zum Beispiel?

Wenn man in einem Scheidungsritual dem Ex-Partner dafür dankt, was gut war in der Beziehung. Vielleicht, indem man sich einfach nur sagt: «Ich danke dir für alles, was du mir geschenkt hast» – und dann weitergeht, indem man sich gegenseitig auch vergibt, was schwierig war.

Können Sie das näher erläutern?

Für viele Menschen ist es nicht einfach, dass man in der heutigen individualisierten Zeit immer selber genau wissen muss, was das Richtige für einen ist, und man von allem, was man macht, sofort überzeugt sein soll. Bei einem Ritual ist das gerade nicht so ausgeprägt der Fall. Durch ein Ritual kann man in etwas – wie zum Beispiel in die Vergebung – hineinwachsen, und wenn man drin ist, gibt man sich möglichst ganz hin und geht mit.
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«Ein Ritual hilft auch,in etwas hineinzuwachsen, sich hinzugeben.»

Wo zeigt sich das etwa?

Beim Heiratsversprechen zum Beispiel. Da wird dem Brautpaar ein Satz vorgegeben: «Ja, ich will.» Und Mann und Frau sprechen ihn nach. Das ist eine Sprachhandlung, man sagt also etwas ganz bewusst, an einem besonderen Ort, selbst wenn es nicht selbst gewählte Worte sind. Das hat eine stärkere Wirkung, auch auf der spirituellen Ebene, als wenn man sich beiläufig erzählt, dass man den Partner heiraten möchte.

Was bedeutet dies in Bezug auf ein Scheidungsritual?

Nicht nur bei einer Hochzeit, sondern auch bei einer Scheidung kann ein Ritual mit bestimmten Sprachund Symbolhandlungen helfen, den Schritt in einen neuen Lebensabschnitt mit Klarheit und mit Kraft zu gehen; selbst wenn man, und das erleben ja viele so, gewisse Ambivalenzen in sich trägt.

Wird denn die Trennung auf diese Weise auch verarbeitet?

Nicht zwangsläufig. Ein Ritual kann ein Teil der Verarbeitung sein, zum Beispiel als Ergänzung zu den Gesprächen, die in einer Therapie oder mit vertrauten Menschen stattfinden. Wenn etwa sehr viel Wut da ist, kann es hilfreich sein, ein Scheidungsritual durchzuführen, bei dem diese Wut bewusst ausgedrückt wird, damit sie nicht zur Verbitterung wird. Indem man etwa die Gefühle zu Papier bringt und den Text dann verbrennt. Ein Scheidungsritual kann also eine hilfreiche Ergänzung zu einem therapeutischen oder beraterischen Angebot sein. Ich bin überzeugt davon, dass neben den rechtlichen Aspekten in einer Scheidung am Gericht die emotionalen und sogar die spirituellen durch ein Ritual besser gelöst werden können. Gerade auch bei Eltern ist das sehr wichtig. Es geht dann darum, deutlich zu machen, dass man zwar kein Ehepaar mehr ist, aber Elternpaar bleibt.
Pfarrer Andrea Marco Bianca untersuchte die Wirkung von Scheidungsritualen auf der ganzen Welt.
Pfarrer Andrea Marco Bianca untersuchte die Wirkung von Scheidungsritualen auf der ganzen Welt.

Ist es wichtig, dass Betroffene selber herausfinden, welches Scheidungsritual hilfreich sein könnte?

In der christlichen Tradition gibt es keine vorgegebenen Scheidungsrituale. Das Ideal ist da nach wie vor, sich nicht scheiden zu lassen. Zum anderen ist jede Scheidung für die Betroffenen wieder anders. Von daher ist der individuelle Zugang unumgänglich. Es gibt aber inzwischen weltweit viele Beispiele von Scheidungsritualen, an denen man sich orientieren kann.

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