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Familienleben

Herr Roos, stirbt die klassische Familie aus?

Regenbogenfamilien, Patchwork, Alleinerziehende und Grossfamilien: Schon heute sind die Familienformen vielfältiger denn je. Das soll in der Zukunft noch viel variantenreicher werden. Wie genau, weiss der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos.
Interview: Claudia Landolt
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Wir treffen Georges T. Roos in seiner coolen Altbauwohnung. Dort wohnt er mit seinen beiden Teenagerkindern und arbeitet er auch. Das Gespräch findet am Esstisch statt, die Fotoaufnahmen entstehen im Wohnzimmer, wo zwischen Corbusier-Sesseln und vielen Büchern auch eine Playstation steht. Wir sehen: Der Forscher, der die Megatrends der Zukunft kennt, ist ein Mann, der das Jetzt durchaus geniessen kann.

Herr Roos, stirbt die klassische Familie bald aus?

Die Gesellschaftsform der Familie wird tatsächlich noch erheblich vielfältiger und differenzierter, als wir sie heute bereits kennen. Eine dänische Studie geht beispielsweise von 37 verschiedenen Familienformen aus. Vielleicht etwas sehr detailliert, aber Tatsache bleibt, dass Familien immer seltener homogene Konstrukte sind.

Welche Familienform ist Ihnen besonders aufgefallen?

Die erwähnte dänische Studie besagt, dass rund 10 Prozent der Samenspenden von Anfang an gezielt von Single-Frauen geplant und durchgeführt werden. Darin sehe ich ein weiteres Indiz, dass die Rolle des Vaters ungeklärt ist. Frauen haben sich über die letzten Jahrzehnte emanzipiert. Für den Mann als Vater und Partner fehlen nach wie vor die zukünftigen Rollenvorbilder.
«Rollenvorbilder für den Mann als Vater und Partner fehlen.»
Georges T. Roos, Zukunftsforscher

Wie verändert sich die Rolle der Frau in den kommenden Jahren?

Schon jetzt wissen wir, dass Frauen besser gebildet sind als gleichaltrige Männer. Vor allem gut ausgebildete Frauen sind immer mehr gefragt im Arbeitsleben. Das führt dazu, dass
Frauen immer mehr Erziehungs- und Betreuungsarbeit an Schule, Fachpersonal und Einrichtungen delegieren. Streng genommen nähert sich damit die Frauen- oder Mutterrolle der ursprünglichen Rolle des Vaters an, der die Familienarbeit an die Mutter delegiert hatte. Mit der gewachsenen Unabhängigkeit der Frau werden solche Formen gesellschaftlich immer mehr akzeptiert.
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Stichwort Haushalt: Auch das ist eine zusätzliche Belastung für viele Mütter und Väter. Haben wir es da künftig etwas einfacher?

Davon gehe ich aus. Die Automatisierung wird vor dem Haushalt nicht haltmachen. Es wird Roboter geben, welche viele Hausarbeiten übernehmen. Dienstleistungsroboter sind auf dem Vormarsch, zum Beispiel in der Pflege. Schon jetzt sind in Japan Roboter im Einsatz, die in Pflegeheimen den Bewohnern die Haare waschen. Es wird auch Roboter geben, die uns die Putzarbeit abnehmen. Dazu kommen der Onlinehandel und ausgebaute Dienstleistungen aufgrund der digitalen Vernetzung. In Zukunft werden wir nicht nur Lebensmittel online bestellen und sie nach Hause liefern lassen oder sie an einer Pick-up-Station auf dem Nachhauseweg vom Büro mitnehmen. Wir werden gleich das ganze Menü massgeschneidert erhalten können oder aber Küchengeräte haben, die weitgehend autonom eine Mahlzeit zubereiten können.
Georges T. Roos skizziert die Szenarien, wie Familien künftig leben werden. Bild: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Georges T. Roos skizziert die Szenarien, wie Familien künftig leben werden.
 Bild: Herbert Zimmermann / 13 Photo

Ist die Gesellschaftsform der Ehe künftig noch aktuell?

Es wird sich weiter verändern, wie Familien organisiert sind. Heute kommen die meisten Kinder in einer Ehe zur Welt. Aber der Anteil nichtehelicher Kinder beträgt immerhin schon 20 Prozent, das heisst, jedes fünfte Kind wird nicht in eine traditionelle Partnerschaft hineingeboren. Auch das Alter der Erstgebärenden steigt weiterhin an. Frauen werden immer später Mutter, Männer später Väter. Viele Ehen werden geschieden, und Mann und Frau gehen neue Partnerschaften ein. Das und die Langlebigkeit haben zur Folge, dass Kinder immer mehr soziale Eltern haben, also von Personen umgeben sind, die eine emotionale Bindung an das Kind haben. Die Fruchtbarkeitsrate mit 1,5 Kind pro Frau ist unter der Reproduktionsquote – das heisst, nicht einmal Vater und Mutter werden «reproduziert». Um diese wenigen Kinder herum scharen sich immer mehr Erwachsene. Wie das Kraut, das sich um die Bohne rankt (lacht).

Wie wirkt sich diese Rollendynamik auf den Mann aus?

Die Rolle des Vaters im Sinne eines traditionellen Ernährers, der sich nur abends oder am Wochenende um den Nachwuchs kümmet, wird immer weniger attraktiv. Das bedingt, dass sich die Arbeitssituation für Männer ändert. Es ist nach wie vor nicht leicht, als Vater sein Arbeitspensum anzupassen oder zu reduzieren. Der eine oder andere Mann mag sich gehemmt fühlen, dies bei seinem Arbeitgeber einzufordern, möglicherweise aus Angst, auf Unverständnis zu stossen. Aber es bewegt sich zweifelsohne etwas. Unternehmungen tun gut daran, den Bedürfnissen der Mitarbeitenden in dieser spezifischen Lebensphase besser Rechnung zu tragen, um die guten Leute nicht zu verlieren. Denn je besser die Qualifikation ist, desto grösser ist das Risiko, dass man zu einem anderen, besseren Arbeitgeber wechselt.
 Sie sprechen von den grossen Unternehmen. 

Nun ist die Schweiz aber das Land der kleinen und mittleren Betriebe.

Dort scheint die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht zuoberst auf der Agenda zu stehen. Das stimmt. Für kleinere Betriebe ist Flexibilität schwieriger. Bei 20 oder 25 Angestellten wird es kompliziert, wenn ein Drittel nur noch 60 oder 80 Prozent arbeiten will.
Georges T. Roos spürt die Trends der Zukunft auf. Bild: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Georges T. Roos spürt die Trends der Zukunft auf. 
Bild: Herbert Zimmermann / 13 Photo

Dennoch sind Sie überzeugt, dass sich diese neuen Lebens- und Arbeitsformen in der Schweiz durchsetzen werden? 

Sie können Megatrends nicht aufhalten. Individualisierung, demografischer Wandel, Wertewandel und die eingangs erwähnte veränderte Frauenrolle drängen in diese Richtung. 

Und wollen wir eine Gesellschaft mit immer weniger Kindern? 

Man weiss mittlerweile, dass Frauen in Ländern, die ausreichende und gute Kinderbetreuung und familienergänzende Strukturen haben, mehr Kinder bekommen als Frauen in Ländern, die Familien rein mit finanziellen Anreizen unterstützen. Das bedeutet: Entscheidend ist die Möglichkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Studien belegen zudem: Je besser die familienergänzenden Einrichtungen, desto höher die Fruchtbarkeitsrate. Und es hat sich ja auch schon einiges getan, auch wenn wir in der Schweiz noch weit von skandinavischen Verhältnissen entfernt sind.
«Die Schule muss eine Art digitale Alphabetisierung bieten.»
Georges T. Roos, Zukunftsforscher

Bei den Krippen hat sich einiges getan, aber bei den schulergänzenden Einrichtungen ist das Angebot noch recht dürftig. 

Das ist richtig. Solche Lösungen sind zwingend. Verschiedene Treiber verstärken diese Tendenz noch. Zu nennen wäre erstens die gute Ausbildung der Frau, zweitens der Fachkräftemangel sowie drittens die ökonomische Notwendigkeit eines Zweiteinkommens. 

Es geht künftig nicht mehr ohne das Einkommen der Frau? 

Auf die künftige Erwerbsgenerationen kommen grosse Herausforderungen zu. Die demografische Situation sowie die höheren sozialen Abgaben plus die höheren Gesundheitskosten, die es zu bezahlen gilt, erlauben es Familien nicht mehr, mit nur einem Einkommen auszukommen. Diese Gesamtsituation macht deutlich, dass man nicht darum herumkommt, schulergänzende Angebote zu entwickeln.

Wie sieht die Schule 2025 aus?

Die Schule wird nicht nur einen grossen Anteil an Betreuungsfunktionen übernehmen, sie ist auch stark von der Kommunikationstechnologie geprägt. Diese prägt auch die Wissensvermittlung. Wie sinnvoll ist es beispielsweise zukünftig, auf einer Karte alle Schweizer Flüsse und Seen einzeichnen zu können, wenn uns das Google Maps auf dem Smart phon e in Sekundenschnelle liefert? Wissen verändert sich. Die Schule muss demnach Kindern vermitteln, wie man mit diesem digitalen Wissen umgeht, eine Art interaktive Alphabetisierung. Es wird also weniger wichtig, irgendein Gewässer auf einer blinden Karte richtig einzuzeichnen, sondern es wird entscheidend sein, zu wissen, welches die grossen Gewässer sind und in welche Richtung sie fliessen. Kurz: Es braucht ein übergeordnetes Verständnis der Dinge, um trotz der vielen Bäume den Wald sehen zu können.
 Das Wissen um ein übergeordnetes Verständnis, eine Art Matrix. 

Werden klassische Bildungsideale wieder salonfähig? 

Ja, davon bin ich überzeugt. Informationsbeschaffung Informationsbeschaffung ist kein Thema mehr, matchentscheidend ist, zu wissen, was diese Informationen bedeuten und wie sie zu werten sind. 

Was wird sonst noch wichtig? 

Kreative, musische Bildung und vor allem Persönlichkeitsbildung. Das heisst nicht, dass unsere Kinder allesamt Künstler werden sollen. Aber die Arbeitswelt wird sich so verändern, dass erfolgreich ist, wer in der Lage ist, neue Wege zu finden und neue Lösungsansätze zu entwickeln. Auch soziale Kompetenz, also Menschen in Teams zu motivieren oder sich gut in diese einzubringen, wird wichtig. Und man muss sicherlich mehr können, als bloss eine Aufgabe repetitiv zu erfüllen. Denn das werden Maschinen übernehmen.
«Die eigenen Talente entwickeln wird für Kinder immer wichtiger.»
Georges T. Roos, Zukunftsforscher

Was ist mit der Selbstkompetenz?

Wir leben ja heute schon in einer Multioptionsgesellschaft. Künftig kann man sich noch schneller in allen Angeboten verlieren, weil es noch mehr Optionen geben wird. Genau deshalb ist es wichtig, Nein sagen zu können und eine gewisse Selbstführung zu besitzen. Denn auf Dauer kann man nicht mit Optionen leben, sondern muss eine wählen, auch wenn man sich damit «schuldig» gegenüber all jenen Optionen macht, die man nicht wählt. Trotzdem gibt es keine Alternative zur Wahl.

Das bedeutet ja auch, dass die Ansprüche an die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes steigen?

Ja. Die Entwicklung der Persönlichkeit und der eigenen Talente wird immer wichtiger. Übernimmt das die Schule? Wir beobachten eine zunehmende Pädagogisierung der Kindheit. Die Vorstellung, dass das Kind im Wald herumspringen darf, sobald die Schule aus ist, ist schon jetzt pure Romantik. Die Kindheit wird zunehmend weiter pädagogisiert. Schon in der Vorschule wird der Erwerb von Fähigkeiten gezielt geplant.

Und wer ist dafür zuständig? Die Lehrerschaft?

Ich glaube an eine weitere Ausdifferenzierung von Fachleuten, die an Erziehung und Bildung beteiligt sein werden – eine logische, nicht ganz unproblematische Konsequenz. Problematisch daran ist: Es wird immer enger gerastert, was normal ist. Je enger der Raster, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass man ausserhalb davon liegt.
«Die Rolle des Vaters, der sich nur abends oder am Wochenende um den Nachwuchs kümmet, wird immer weniger attraktiv»
Georges T. Roos, Zukunftsforscher

Haben es denn die Frauen künftig ein bisschen einfacher? 

Eine heikle Frage! Ich bin der Meinung, dass durch die veränderte gesellschaftliche Ausgangslage das Selbstvertrauen der Frauen steigen wird. Aber nicht jede Benachteiligung ist die Schuld der Strukturen. Auch Männer erfahren Widerstand und Hindernisse, wenn sie nach oben wollen. Wer Erfolg haben will, braucht Biss – das gilt für Männer und Frauen. Da können Vorbilder hilfreich sein.

Zum Beispiel? 

Kürzlich habe ich in einer Zeitung ein Porträt über Nadja Capus gelesen. Ich war beeindruckt. Sie ist Strafrechtsprofessorin in Basel und hat mit dem Schriftsteller Alex Capus fünf Kinder.

Und männliche Vorbilder? Dem modernen Mann fehlen weitgehend Vorbilder – und das schafft Rollenkonflikte. 

Ich kenne keinen einzigen Mann, der keine starke emotionale Beziehung zu seinen Kindern hat oder sie sich zumindest wünscht. In der letzten Konsequenz jedoch gibt es wenige, die sagen, in den kommenden drei Jahren, solange meine Kinder noch so klein sind, arbeite ich nur 60, 70 oder 80 Prozent. Es hilft vielleicht, wenn man sich verdeutlicht, dass es sich ja nur um einen Lebensabschnitt handelt. Ein Vater verpasst definitiv etwas, wenn er seine Kinder nur schlafend sieht. Es braucht also nicht nur praktikable Einrichtungen, sondern auch Männer, die etwas wagen.

Zur Person:

Georges T. Roos ist anerkannter Zukunftsforscher. Er studierte Pädagogik, Publizistik und Psychologie, arbeitete als Journalist und Redaktionsleiter sowie als Mitglied der Geschäftsleitung am Gottlieb-Duttweiler-Institut. Heute besitzt er sein eigenes Zukunftsinstitut in Luzern. www.kultinno.ch

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