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Familienleben

Flüchtling Baitullah: Zwischen Gast und grossem Bruder

Den Esstisch, das Bad und die Küche mit einem Fremden zu teilen, fällt in unserer individualisierten Gesellschaft schwer. Bringt der Gast noch eine andere Kultur oder eine traumatische Vergangenheit mit, lässt das viele zusätzlich zögern. Dennoch gibt es schätzungsweise 200 Gastfamilien in der Schweiz, die Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben. Der 18-jährige Baitullah aus Afghanistan bekam so einen neuen kleinen Bruder.
Text und Fotos: Bianca Fritz
Wer zu Familie Häuselmann nach Bäriswil möchte, muss S-Bahn und Bus aus Bern nehmen und dann noch einen steilen, kiesigen Fussweg emporsteigen. Oben steht ein altes Riegelhaus mit viel Holz, niedrigen Decken, ein paar Bauernmöbeln und Ölgemälden an den Wänden. Der Blick geht ins Grüne, es gibt ein Gemüsebeet, Hühner und Küngel gehören zum Haushalt. Der Achtjährige Sohn Thomas hüpft gerne im Garten auf dem Trampolin und trägt ein rotes T-Shirt mit weissem Kreuz darauf. Sein Vater Philipp ist im Gemeinderat und seine Hose wird von einem Appenzeller-Gürtel mit Kuh- und Edelweiss-Applikationen gehalten. Und dann räumt Mama Anamaria bei der Begrüssung sofort mit allen Schweiz-Klischees auf: «Wir sind eine Multikulti-Familie», sagt sie mit leichtem Akzent und begrüsst die Gäste mit einem festen Händedruck. Sie sei aus Rumänien, lebe nun seit 10 Jahren mit ihrem Mann in der Schweiz. Einbürgern lassen habe sie sich aber erst vor kurzem. „Ich habe mich lange nicht so schweizerisch gefühlt“, sagt Anamaria Häuselmann. 

Die Nachbarn waren nicht begeistert – aber protestiert hat auch niemand

Die Sache mit Baitullah ist für die Familie auch eine politische Entscheidung gewesen: «Wir haben gesehen, dass die Politik sich oft anders entscheidet, aber wir als Familie haben auch eine Stimme. Wir möchten helfen, wenn wir es können», sagt Anamaria Häuselmann. Und ausserdem sei das Haus sowieso viel zu gross für drei Personen. «Ich bin das anders gewöhnt: Wenig Platz, viele Leute, viel Lachen», sagt Anamaria. 
«Flexibilität ist gefragt: Fast alle Gastfamilien wünschen sich eine Frau oder Familie. Die meisten Flüchtlinge sind aber junge Männer.»
Julia Vielle, Schweizerische Flüchtlingshilfe
Im vergangenen Oktober hat sich die Familie bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe als Gastfamilie beworben. Voraussetzungen um einen Gast aufzunehmen, sind «ein möbliertes Zimmer für mindestens ein Jahr, Zeit, dem Gast im neuen Land auch etwas unter die Arme zu greifen, Flexibilität und Offenheit», sagt Julia Vielle, die das Gastfamilien-Projekt bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe für vier Kantone leitet. Die Flexibilität sei schon bei der Auswahl des Gastes gefragt: «Hier wünschen sich viele eine Frau oder eine Familie. Aber die meisten Flüchtlinge, die eine Bleibe suchen, sind nun einmal junge Männer.» Auch Familie Häuselmann hätte gerne eine Mutter mit Kind bei sich aufgenommen, «damit die Kinderkleider von Thomas noch einmal getragen werden.» Als sie hörten, dass es wohl eher ein junger Mann würde, sei ihnen das aber auch recht gewesen. «Man muss sich halt einfach die Person ansehen.»

Nur einer in der Familie war nicht so begeistert von der Idee: Sohn Thomas. Er wollte eigentlich niemand anderen im Haus haben. «Wir haben uns dann hingesetzt und ihm erklärt, dass diese jungen Menschen keine Ruhe und keine Familie hätten. Dass er aber natürlich mitentscheiden dürfe, und wir das nur machen, wenn er den Gast mag.» 

Der Achtjährige war beim ersten Treffen mit Baitullah also das Zünglein an der Waage. Nach wenigen Minuten setzte sich der sonst so schüchterne Junge wie selbstverständlich neben den Teenager. 

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