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Berufswahl

Zurück in den Beruf? So gelingt der Wiedereinstieg

Die meisten Mütter möchten sich nach einiger Zeit Brutpflege am liebsten in eine Gartenfackel verwandeln. Eine helle, lodernde, die Wind und Wetter trotzt. «Ich möchte endlich wieder etwas tun, für das ich brenne», ist der häufigste Satz, der in Berufsberatungen fällt. Und meist ist schon dieser Fackelgedanke genauso überfordernd wie «Ich möchte mein Kind niemals anschreien». 
Text: Katrin Wilkens
Brennen kann man nur ganz und gar. Halbtags brennen, weil man danach zur Kita rasen muss, geht schwer. Aber zufrieden sein mit seinem Job, glücklich, froh, weil man etwas hat, das einen finanziell, intellektuell und sozial nährt – das geht. Und wenn man ein paar Gedanken bei der Frage nach dem Wiedereinstieg beachtet, ist es sogar leichter als gedacht.

1. Lassen Sie sich Zeit.

Wie lange brauchen Sie, bis Sie sich entschieden haben, ein Haus, ein Auto, eine Wohnzimmergarnitur zu kaufen? In Stunden gerechnet, inklusive aller Vorüberlegungen, passiver Wartezeit, Diskussionszeit mit dem Partner? Eben! Grosse Veränderungen brauchen Vorlauf, und so soll es auch bei einem beruflichen Wiedereinstieg sein. Frisst der Alltag Sie mit Kuchenbacken, Winterreifenwechseln und Hausaufgabenkontrolle auf, ziehen Sie sich für drei Tage in ein Kloster zurück. Und denken Sie über nichts anderes nach als den Wiedereinstieg. Warum arbeiten Werbeagenturen bis spät in die Nacht? Weil sie kein Zuhause haben? Nein, weil die besten Ideen erst dann kommen, wenn man lange genug brütet.

2. Sortieren Sie Ihre Wünsche.

Es ist wichtig, dass Sie alle Wünsche erst einmal notieren. Genauso wichtig ist es, sie zu sortieren. 15 Wochenstunden, fest angestellt, 5000 Franken ist in etwa so, als stünde Ihr Sohn im Spielzeugladen und forderte «eine Spielkonsole, eine Kamera, ein Lego-Star-Wars und eine Drohne». Wie kriegt man den «Alles-Woller» ruhig? Indem man seine Wünsche nach Dringlichkeit und Wichtigkeit sortiert. Übersetzt für den Job heisst das: Ich brauche erst einmal ein solides Einkommen, die Weiterbildung zur Mediatorin kann warten, bis ich im Beruf wieder Fuss gefasst habe …

3. Seien Sie ehrlich zu sich selbst.

Und streng zu Ihrer Sprache. Und zwar noch strenger als Fräulein Rottenmeier zu Heidi. Es sagt sich schnell «ich möchte kreativ arbeiten», aber meinen Sie das auch wirklich so? Wollen Sie kreativ arbeiten – und sich an dieser Arbeit, die immer auch ein Stück Ihrer Identität sein wird, bewerten lassen? Wollen Sie den permanenten Umgang mit Kritik, denn für Kreativität gibt es nicht die Kategorie «richtig – falsch», sondern nur «gefällt – gefällt nicht». Überprüfen Sie jeden formulierten Wunsch nach Präzision. Erleben Sie gern Wellness (Wer nicht?) oder wollen Sie anderen Wellness bereiten? – Das ist leider eine ganz und gar nicht so erholsame Branche.
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4. Nicht jedes Hobby lässt sich mit Erfolg in einen Beruf verwandeln. 

Klar, lesen ist toll. Aber einer unentschlossenen Kundin einen Krimi zu empfehlen, den sie vermutlich eh nicht kaufen wird, kann sehr anstrengend sein. («Haben Sie nicht noch mehr so etwas wie Donna Leon? Nein? Na, dann guck ich noch mal. Vielen Dank.») Was vom Prinzip her richtig ist – zu gucken, was man gern macht, weil das auch meistens das ist, was man gut macht –, funktioniert nur, wenn es dafür auch einen Markt gibt. «Mach einfach das, was dir Spass macht, und dann wirst du auch erfolgreich», ist ein Glückskeks-Spruch. Millionen DaWanda-Frauen wissen, dass das nicht stimmt. Und Aristoteles wusste es auch schon, obwohl er Dawanda noch nicht kannte: «Wo deine Talente und die Bedürfnisse der Welt sich kreuzen, dort liegt deine Berufung.» Selbst gefilzte Spieluhren sind schön, versprechen aber nur ganz, ganz selten, dass man damit eine Familie nähren kann. Also geht es beim Suchen nach dem richtigen Job auch um die Frage: Wie viel Realität, wie viel Traumtänzerei kann/muss/darf ich mir leisten? Aber Sie können sich trösten: Jedes Hobby, das sich nicht zu einem Beruf umwandeln lässt, darf Ihr Hobby bleiben und wird deshalb nicht entweiht. Man hat also eine Tätigkeit, die einem zu seinem Job einen Ausgleich bietet. Nicht zu unterschätzen!

5. Seien Sie bereit, sich weiterzubilden.

Vielleicht reicht es einem schon, die Grösse des Unternehmens zu variieren? Vielleicht mögen Sie die Bienenstock-Atmosphäre eines Konzerns und sind von dem klebrig engen Klima des Familienbetriebes genervt (oder umgekehrt). Vielleicht braucht es nur eine kleine Weiterbildung, um das Controlling sozialer, menschelnder, kommunikativer zu machen, und Sie wechseln in die interne Revision? Es sind schlicht nicht die Jahre, um einen Beruf komplett neu zu finden, sondern die ehrliche Frage zu sich selbst, wie willig ich bin, mich noch weiterzubilden, gehört unbedingt an den Anfang.

6. Selbständig heisst:

selbst + ständig. Sollten Sie sich mit dem Gedanken der Selbständigkeit anfreunden, gehören viele Aspekte dazu, über die man im ersten Moment nicht nachdenkt: Vertrieb, Akquise, Marketing. Mögen Sie Werbung über sich oder Ihr Produkt machen? Oder brauchen Sie dazu einen Mitstreiter, der Sie darin unterstützt? Haben Sie sich genügend mit den modernen Medien auseinandergesetzt, dass Sie wissen, ob Sie eine SEO-optimierte Website wollen? Oder Facebook als Vertriebspartner einsetzen möchten? Sie müssen auf solche Fragen jetzt keine Antwort haben, aber bereit sein, sich damit auseinanderzusetzen.

7. Suchen Sie sich Leute, die anders denken. 

Viele möchten gern Leute im Team haben, die genau so denken wie sie. Falsch! Suchen Sie sich Leute, die die Nischen besetzen, die Sie nicht beherrschen, die Sie wachrütteln, aufregen, weiterbringen. Mit der besten Freundin kann man zusammen gut Kaffee trinken und einer Meinung sein. Mit Kollegen im Team muss es eher wie mit bunten Vogelfedern zugehen: Viele Farben ergeben ein Kleid. Also suchen Sie sich am Anfang ganz bewusst Mitstreiter, die zwar Ihre Rahmenbedingungen akzeptieren («in den grossen Ferien machen wir immer frei», «der eine springt für den anderen ein», «der Gewinn wird genau geteilt» …), aber im Denken anders sind als Sie. Denn Sie brauchen keinen Doppel-Sager, sondern einen Ergänzer.

8. Seien Sie keine Fackel, die schnell verbrennt. 

Und wenn Sie alle Punkte berücksichtigt haben, freuen Sie sich darüber, dass Sie keine Fackel sind, die lodert oder schnell verbrennt. Es ist im Job ein bisschen wie mit den Teelichtern von Ikea: Die haben auch immer die längste Brenndauer. Und an denen kommt keiner vorbei.

Bild: Alexandra Dost / Lumi Images / Plainpicture

Drei Gründe, was die Jobsuche in der Schweiz so schwierig macht


  • Die Kinderbetreuung: Hier gilt es, früh organisatorische Weichen zu stellen. Können die Eltern/ Schwiegereltern einspringen? Kann der Mann ein paar Prozent der Arbeitszeit reduzieren? Oft ist die Betreuungszeit für Kinder anders nicht zu finanzieren. Aber vielleicht machen Sie aus der Not eine Tugend und werden Tagesmutter? www.kibesuisse.ch/tagesfamilien

  • Die Schweiz hat wie viele andere europäische Nachbarländer wenig Amerikanisches in ihrer Arbeitskultur verankert. Scheitern ist immer noch bäh! Umso wichtiger ist es, im Lebenslauf eine Abweichung vom beruflichen Pfad möglichst logisch und nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Sonst sind Sie als ehemaliger Schreiner, der jetzt Schuldenberater werden will, zwar top weitergebildet – aber unglaubhaft.

  • Die Schweiz ist nach wie vor ein grosses Einwandererland. Aber anders als in den 70er-Jahren, in denen vor allem Mitarbeiter für die Bauindustrie gesucht wurden, sucht man heute auch hoch qualifizierte Akademiker. Dabei spielt aber die Branche eine entscheidende Rolle. Ausländer haben es zum Beispiel schwer, in sozialen Institutionen Fuss zu fassen, erst recht dann, wenn sie einen unorthodoxen Lebensweg aufzeigen. Dies gilt es bei der Suche nach dem richtigen Job zu berücksichtigen. Schliesslich ist der beste Job nichts wert, wenn man nicht eingestellt wird. 

Zur Person


Katrin Wilkens ist Journalistin und hat zusammen mit Miriam Collée die Hamburger Agentur i.do gegründet. Dort beraten sie Frauen, die sich beruflich verändern wollen. www.i-do-hamburg.de

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