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Was ist eine gute Lehrerin?

Eine Lehrerin* ist eine Künstlerin, weil Lehren eine Kunst ist. Es ist die Kunst, jungen Menschen eine Tür zur Welt zu öffnen, sie neugierig zu machen. Es ist die Kunst, ihnen Selbstvertrauen und Orientierung zu geben. Unsere Autorin, selber Lehrerin, über Anforderungen an ihren Beruf, Erwartungen von aussen und die Liebe. 
Text: Barbara Stengl
Erinnern Sie sich an die «Liebe ist …»-Figürchen? An diese beiden Wesen, eines unschuldig männlich, das andere weiblich? Es existieren zahlreihe «Liebe ist …»-Bildchen, und unter jedem kann man eine Wahrheit über die Liebe lesen.

Mit den Lehrpersonen ist es wie mit der Liebe: Es existieren zahlreiche Meinungen darüber, was eine gute Lehrerin ausmacht. Für die Schulleitung ist eine gute Lehrerin etwas anderes als für die Teamkollegin, für die Eltern, die Schulpflege oder für die Schüler.

Bisher galt die These, dass eine gute Lehrerin eine Person ist, bei der die Schüler möglichst viel und gerne lernen. Im Jahr 2018 – nach der Einführung des Lehrplans 21 und mit Schülern, die in bestimmten Bereichen bereits mehr wissen als die Lehrerin selbst – scheint diese Aussage überholt.

Aus Schülersicht sorgt die gute Lehrerin für eine angenehme Stimmung in der Klasse, pflegt einen wertschätzenden Umgang mit allen Schülern, hat Humor und Nerven aus Drahtseilen, geht auf jeden individuell ein, holt ihn da ab, wo er steht, ist in ihren Bewertungen fair und nachvollziehbar, gestaltet die Unterrichtslektionen rhythmisch und motivierend, sodass sich unterschiedliche Sozialformen abwechseln und möglichst viele Lernbereiche abgedeckt werden. Die Jugendlichen haben Spass am Lernen und wissen, warum sie das genau so und nicht anders lernen. 

Eine gute Lehrerin ist nie krank?

Geht es nach der Schulleitung, ist eine gute Lehrerin jemand, der selten krank ist, der zusätzliche Aufgaben im Schulbetrieb übernimmt, sich gerne weiterbildet, die neusten Lehrmethoden ins Unterrichtsgeschehen einbaut, mit Begeisterung an Schulkonventen, Teamsitzungen, Fachsitzungen und Elterngesprächen teilnimmt und die jüngste Schulreform freudig mitträgt.

Geht es nach den Eltern, zeichnet eine gute Lehrerin aus, dass sie die Schüler optimal fördert, sie weder unter- noch überschätzt. Eltern sind verschieden, einigen geht nichts über die naturwissenschaftliche Förderung, während andere die musische Ausbildung favorisieren. Von einer guten Lehrerin wird erwartet, dass sie ihre Unterrichtseinheiten so gestaltet, dass beides darin enthalten ist. Natürlich ist eine gute Lehrerin für die Eltern jederzeit erreichbar, via SMS, Telefon und Mail. Und sie bringt alle Fähigkeiten für eine konstruktive Gesprächsführung mit, die bei den zahlreichen Elterngesprächen gefragt sind.
«Eine gute Lehrerin versteht sich als Regisseurin, die ihre Klasse im Griff und jeden Einzelnen im Blick hat.»
Bildungsforscher John Hattie
Was sagt die Wissenschaft zur Frage: Was ist eine gute Lehrerin? Geht man nach dem neuseeländischen ­Bildungsforscher John Hattie, der den Fokus auf das Unterrichtsgeschehen richtet, hat die gute Lehrerin folgende Kompetenzen im Gepäck: Sie sollte sich als Regisseurin, als «activator» der Klasse verstehen, die ihre Schüler im Griff und jeden Einzelnen stets im Blick hat. Eine gute Lehrerin darf keine Zeit mit unwichtigen Dingen verschwenden. Sie muss rasch erkennen, wann er auf eine Störung mit Strenge und wann mit Humor reagieren sollte.

Ein weiterer Einflussfaktor ist nach Hattie die «teacher clarity». Schüler müssen verstehen, was die gute Lehrerin von ihnen will. Ein weiterer wichtiger Punkt: Eine gute Lehrerin sieht den eigenen Unterricht mit den Augen seiner Schüler. Wie das genau funktioniert, formuliert Hattie in seinem zweiten Buch, das 2011 erschienen ist. In «Visible Learning for Teachers» beschreibt der Forscher eine Pädagogik der permanenten Selbstreflexion. Das beginnt mit der Haltung. Viel zu viele Lehrer, kritisiert Hattie, erklärten die fehlenden Lernfortschritte mit den Schwächen ihrer Schüler: dem Mangel an Fleiss, der falschen Eignung oder der fehlenden Unterstützung des Elternhauses. Stattdessen müsse der Lehrer sich fragen, was er falsch macht, wenn seine Klasse beim Lernen nicht vorankommt.

Eine gute Lehrerin ist keine Maschine

Aus meiner Sicht besitzt eine gute Lehrerin die Fähigkeit, sich des gesamten Anforderungspakets vonseiten der Wissenschaft, der Eltern, der Schulleitung, der Schüler, des Kantons und der Schulpflege bewusst zu sein, ohne sich darin zu verlieren.

Wie schafft eine gute Lehrerin das? Indem sie auf ihre Ressourcen achtet, diese pflegt, indem sie sich selbst ernst nimmt und lernt, abzuschalten und aufzutanken. Indem sie ihren Beruf als Entwicklungsprozess sieht und sich bewusst ist, dass möglicherweise der Anforderungskatalog gar nicht zu erfüllen ist.

Eine gute Lehrerin ringt um ein Gleichgewicht zwischen den äusseren Erwartungen und der Einsicht, dass permanenter Druck nicht zu besseren Leistungen führt. Sich eine freie und eigenständige Haltung zum Lehrerberuf zu erarbeiten, ist nur durch eine gut entwickelte Eigenakzeptanz erreichbar.

Nicht ohne Grund ist laut der Nationalfondstudie jeder dritte Primarschullehrer Burnout-gefährdet. Lehrer arbeiten mit einer Vielzahl von Menschen zusammen. Sie sind dabei die Gebenden. Eine gute Lehrerin kann sich abgrenzen und ist zufrieden mit ihren Leistungen. Er ist in der Lage, sich von den Lernerfolgen seiner Schüler zu nähren und den Fokus auf das zu richten, was gut läuft. 
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Eine gute Lehrerin fragt sich: Wie sind Kinder heute? Was brauchen sie? Was können sie schon? Welche Lern- beziehungsweise Lebensaufgaben muss das Kind gerade bewältigen? Was müssen Kinder lernen, um sich zu starken, gesunden Menschen zu entwickeln? Wie müsste das Schulsystem sein, sodass es für alle – Schüler, die Mitarbeitenden und Eltern – zu einem Entwicklungsraum wird?

Und wenn es im Lernprozess einmal harzt, hat der gute Lehrer ein kreatives Interesse daran, herauszufinden, woran das liegen könnte, während er gleichwohl weiss, dass es im Leben für fast keine Situation Patentrezepte gibt. Eine gute Lehrerin ist sich im Klaren darüber, dass Lernen ein komplexes Gefüge aus intellektuellen, emotionalen, körperlichen und sozialen Fähigkeiten ist.

Eine gute Lehrerin ist keine Maschine. Sie ist ein Mensch, der vielseitige und tiefe Beziehungen lebt und gestaltet und sich selbst dafür wertschätzen kann. Eine gute Lehrerin kann immer wieder aus vollem Herzen und ehrlich von sich sagen: «Liebe ist … den Lehrberuf ausüben zu können.»
* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit haben wir in diesem Text auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermassen für beiderlei Geschlecht.

Bild: Pixabay

Zur Autorin: 

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Barbara Stengl, 44, arbeitet als Theaterpädagogin und DaZ-Lehrerin im Kanton Zürich. Sie unterrichtet Menschen zwischen 4 und 21 Jahren.

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