Sommerlager für Kinder Pestalozzi
Unterwegs

«Viel Neues erleben, statt auf der Couch abhängen»

Zum ersten Mal organisierten die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi und die Stiftung Elternsein, Herausgeberin der Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi, Sommerlager für Kinder aus benachteiligten Familien. Lange war unklar, ob diese wegen Corona überhaupt stattfinden können. Um so grösser die Freude, als die ersten Kinder auf dem Gelände in Trogen AR ankamen. 
Interview: Thomas Schlickenrieder
Bilder: Pestalozzi Kinderdorf
Sanfte Hügel, sattes Grün und pittoreske Häuser an einem spätsommerlichen Nachmittag. Im Kinderdorf Pestalozzi fühlt man sich auf Anhieb wohl. Die frische Luft macht gute Laune … In dieser idyllischen Umgebung empfangen uns Damian Zimmermann, Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Pestalozzi, Lukrecija Kocmanic, Leiterin Freizeit im Kinderdorf Pestalozzi und Nina Hoch, Projektleiterin Ferienlager zum Gespräch. 

Frau Hoch, welches Fazit ziehen Sie nach den Sommercamps? 

Nina Hoch: Ein durchweg positives. Für die Kinder war es ein sehr spannendes Erlebnis. Vor allem haben sie sich gefreut, dass die Sommerlager trotz Corona sattfinden konnten. 

Die Kinder kannten sich ja anfangs nicht, wie gut funktionierte das Miteinander im Ferienlager? 

Nina Hoch: Wenn 50 Kinder und Jugendliche zusammenkommen, die sich erst kennenlernen müssen, kann das ein bisschen anstrengend sein. Für die Kleinen ist die Gewöhnungsphase meist etwas intensiver, weil sie enger an die Eltern gebunden sind. Aber am Ende gingen alle strahlend nach Hause. 
Nina Hoch, Projektleiterin Ferienlager
Nina Hoch, Projektleiterin Ferienlager

Dabei kam es auch zu einem ganz überraschenden Zusammentreffen.

Nina Hoch: Das ist wirklich eine lustige Geschichte: Im Ferienlager haben sich zwei Mädchen getroffen, die früher zusammen in den Kindergarten gegangen sind. Die Freude war riesengross, als sie sich Jahre später im Ferienlager über den Weg liefen. So wurde eine alte Chindsgi-Freundschaft, die durch den Wegzug des einen Mädchen unterbrochen wurde, wieder erneuert. 
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Welche Rückmeldungen haben Sie von den Kindern erhalten? 

Lukrecija Kucmanic: Wir haben oft gehört, dass sie sich freuen, Dinge machen, die sie zu Hause aufgrund der finanziellen Situation der Eltern wohl gar nicht in Betracht gezogen hätten. Heisst: neue Sachen erleben, anstatt daheim nur auf der Couch rumzuhängen. Die vielen Möglichkeiten an Freizeitaktivitäten und Kinder aus der ganzen Schweiz kennenlernen zu können, war für sie eine tolle Erfahrung. Im zweiten Lager hatten wir zum Beispiel auch ein Mädchen aus der Romandie, das Deutsch lernen wollte. 
Lukrecija Kocmanic, Leiterin Freizeit im Kinderdorf Pestalozzi
Lukrecija Kocmanic, Leiterin Freizeit im Kinderdorf Pestalozzi

Was wussten Sie über den Familien-Hintergrund der Kinder? 

Lukrecija Kocmanic: Tendenziell hatten wir meist nur Informationen über die finanzielle Situation, weil wir nachfragen, ob die Familien Unterstützung benötigen. 10 Plätze wurden zum Beispiel durch eine Stiftung finanziert. Persönlicheres erfahren wir aber erst, wenn die Kinder vor Ort sind. Der Background ist so verschieden wie die Kinder selbst: Von hochbegabten Kindern, deren alleinerziehender Elternteil in einer schwierigen finanziellen Situation steckt bis hin zu Kindern, die in manchen Situationen überfordert waren, weil sie mit sozial emotionalen Störungen zu kämpfen oder anderen Förderbedarf hatten. 

Auch im letzteren Fall wussten Sie nichts davon im Vorfeld? 

Lukrecija Kocmanic: Aus Datenschutzgründen sind die Eltern nicht verpflichtet, uns über alles zu informieren. Das kann Nachteile haben, aber auch Vorteile: Man geht dadurch unvoreingenommen auf die Kinder zu und wenn Probleme auftauchen, müssen wir halt darauf reagieren. 

Nina Hoch: Wir hatten auch Kinder, bei denen klar war, wie ihre persönliche und familiäre Situation aussieht. Da konnten wir natürlich von Beginn an entsprechend auf die Kinder eingehen. 

Wie wurden die Kinder betreut? 

Lukrecija Kocmanic: Generell ist es so, dass vier Personen pro Haus mit den Kids, geschlechtergemischt, wohnen. Pro Angebot betreuen 3 Pädagoginnen 25 Kinder. Eine Pädagogin leitet die Gruppe und wird dabei von zwei Pädagoginnen unterstützt. Eine weitere Person hat die Kapazität auf ein Kind einzugehen, das beispielsweise keine Lust hat, an einer Aktivität teilzunehmen. Es sind ja Ferien und die Kinder sollen frei wählen könne, womit sie sich beschäftigen.

Welche Angebote wurden am meisten genutzt?

Lukrecija Kocmanic: Roboter-Bauen war total beliebt, diese Kurse waren immer schnell voll. 

Nina Hoch: Und natürlich unser All-Time-Favorite: Sprayen! Das kommt immer gut an. Aber auch Yoga, bei dem wir zuerst nicht sicher waren, ob es überhaupt laufen würde. Die Radioshow, die die Kinder selbst produzieren und senden durften, war natürlich eines der Highlights … aber eigentlich hat kein Angebot gefloppt. Sogar Wandern kam gut an, was ja eigentlich nicht immer die Lieblingsbeschäftigung von Kindern und Jugendlichen ist (lacht). 

Sind die Kinder eigentlich auch im Kontakt mit den Eltern, wenn sie im Lager sind? 

Nina Hoch: Sporadisch. Wir sind natürlich jederzeit für die Eltern telefonisch erreichbar. Die Kinder können auch immer nach Hause telefonieren, was meist eher von den Jüngeren genutzt wird. Die Grösseren hingegen haben sowieso meist ein Smartphone und melden sich selbst bei Mama und Papa. 

Sie erwähnten im Vorgespräch, dass eine Ausweitung ihres Ferienlager-Angebots diskutiert wird. Was schwebt Ihnen vor? 

Damian Zimmermann: Wir möchten Kinder mit verschiedenen Hintergründen und aus verschiedenen Milieus zusammenbringen. Also sowohl Kinder aus dem Nachbardorf und aus der Romandie. Kinder aus einkommensschwachen und einkommensstarken Familien. Kinder mit Migrationshintergrund und Schweizer Kinder oder Kinder aus dem angrenzenden Ausland. Ein derartiger Mix ist eine bereichernde Erfahrung für die Kinder und baut Brücken.
Damian Zimmermann, Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Pestalozzi
Damian Zimmermann, Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Pestalozzi

Wie schaut es mit der Finanzierung aus? 

Damian Zimmermann: Wir würden die Sommercamps gerne erweitern, sind dafür aber auf Spenden und gute Partner angewiesen. Denn der Beitrag der Familien soll seinen symbolischen Charakter behalten und die Teilnahme für alle erschwinglich sein.

Lukrecija: Unser Angebot ist etwas ganz Besonderes: zum einen ist da unser Betreuungsschlüssel, zum anderen unsere pädagogische Kompetenz. 

Was meinen Sie damit? 

Lukrecija Kocmanic: Die Stiftung Pestalozzi ist stark in der Förderung von Kinderrechten. In unseren Ferienlagern integrieren wir stets einen Tag im Zeichen der Kinderrechte, um die Kids zu empowern. Im 2. Lager hatten wird zum Beispiel eine konkrete Mobbing-Situation. Da konnten wir sofort reagieren, das Thema aufnehmen und mit den Kindern daran arbeiten. 

Wie hat sich die Geschichte weiterentwickelt? 

Lukrecija Kocmanic: Sie hat sich gut aufgelöst. Das Thema haben wir auch in unserem Radioprogramm verarbeitet. Sowieso erleben die Kinder das Radio als ein tolles Reflexionsmedium wo sie zeigen können, was sie erlebt oder gelernt haben. Sie bekommen die Aufnahmen auch mit nach Hause. Kurz gesagt ist ein Ferienlager, so wie wir es führen, auch pädagogisch super interessant und für alle Beteiligten bereichernd, weil eine bunte Mischung an Menschen zusammenkommt. 

Stimmen aus dem Ferienlager

Sara, Pedro, Mia und Michael haben diesen Sommer am Feriencamp in Trogen AR teilgenommen und erzählen uns, was ihnen am meisten gefallen hat. 

Action & Fun: Tanzworkshop

Tanz und Bewegung: Zusammen mit dem Panorama Dance Theater haben die Kinder und Jugendlichen des Ferienlagers Action & Fun eine eigene Tanzchoreografie erarbeitet. 

Stiftung Elternsein

Die Stiftung Elternsein begleitet Eltern von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen sowie interessierte Erziehungsfachleute. Ziel der neutralen und unabhängigen Stiftung ist es, zu sensibilisieren, aufzuklären und zu informieren – mit aktuellen Beiträgen aus den Themenkreisen Familie, Erziehung und Schule.

Nach ihrer Gründung 2001 konzentrierte sich die Stiftung Elternsein zunächst auf die Herausgabe des Schweizer Eltern-Magazins Fritz+Fränzi. Seit einigen Jahren entwickelt die Stiftung ihr Portfolio weiter und gibt heute jedes Jahr neben zehn Ausgaben des Elternmagazins ein Berufswahl-Spezial (inklusive Berufswahl-Podcasts) und vier Sonderausgaben für Eltern von Kindergartenkindern heraus. Zudem bietet sie ein umfangreiches Onlineangebot, einen Newsletter und ein eigenes Elternvideo-Programm mit inzwischen 37 Filmbeiträgen. Die Stiftung Elternsein führt eigene Kampagnen und Sammelaktionen durch und organisiert jährlich im Rahmen von «Talk im Kulturpark»

Zum Autor:

<div><strong>Thomas Schlickenrieder </strong>ist Geschäftsführer der Stiftung Elternsein, die das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi herausgibt. Er hat zwei erwachsene Kinder, einen Sohn, 21, und eine Tochter, 19 Jahre alt. Er wohnt mit seiner Familie in Stäfa.</div>
Thomas Schlickenrieder ist Geschäftsführer der Stiftung Elternsein, die das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi herausgibt. Er hat zwei erwachsene Kinder, einen Sohn, 21, und eine Tochter, 19 Jahre alt. Er wohnt mit seiner Familie in Stäfa.

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