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Sexualität

Sexualkunde in der Schule zu Zeiten von Internetpornos

Sexuelle Aufklärung ist auch Aufgabe der Schule. Aber wie will man Jugendliche aufklären, die im Internet schon alles gesehen haben? Immer mehr Schulen lassen sich Hilfe von aussen kommen – zum Beispiel von jungen Medizinstudenten. Und dann fallen plötzlich Worte, die man im Unterricht sonst nie hört. 
Text: Bianca Fritz 
Bilder: Simon Habegger / 13 Photo
Bisher dachten die Mädchen der Sek A in Richterswil, dass sie ihre Mitschüler ganz gut kennen. Aber als jetzt die Tafel umgeklappt wird, sind sie schockiert. Einige reissen ungläubig den Mund auf. Ein Mädchen dreht den Kopf weg und versteckt sich hinter seiner blonden Haarmähne. «Schwanz», «Schwengel», «Fickstengel», «Ferrari», «Fredi» … die Synonyme, welche die Jungen für das Wort «Penis» gefunden haben, sind schmutzig, kreativ, zuweilen skurril. 19 Namen sind es insgesamt. Die Mädchen haben auf der anderen Tafelseite gerade einmal 5 gefunden – und zwar so brave wie «Pimmel» oder «Glied». Gut, vielleicht war das Spiel ein bisschen unfair: Vermutlich setzt man sich mehr mit dem Penis auseinander, wenn man selbst einen hat. «Die Frauen bekommen noch eine Chance», sagt Frederic Thiele auch prompt, und ergänzt augenzwinkernd: «Jetzt wisst ihr ja, wie die Jungs so ticken.» Er klappt die Tafel wieder so um, dass Mädchen und Jungen sich nicht sehen können.
«Und jetzt schreibt alle Synonyme auf, die euch für ‹Sex haben› einfallen.» Wieder herrscht aufgeregtes Kreide-Quietschen – bei den Jungs nur übertönt von lautem Lachen, die Mädchen beraten sich flüsternd. Und obwohl sie die einzigen sind, die auf den schönen – und naheliegenden – Begriff «Liebe machen» gekommen sind, sind sie doch wieder hinter den Jungs: 9 zu 22 Begriffe sind es diesmal. Seltsame Stellungsbeschreibungen wie «diagonal» und «vertikal» wurden dabei schon abgezogen. «Jungs, was soll das überhaupt heissen?», hakt Frederic Thiele nach. «Vertikal ist im Handstand und diagonal, wenn die Beine so scherenmässig ineinander sind», erklärt ein Schüler.

«Wie wollen wir uns ausdrücken?»

Die Spiele zu Beginn des Aufklärungsworkshops der Organisation «Achtung Liebe» sind lustig, aber kein Selbstzweck. Die beiden Medizinstudenten Frederic Thiele und Anna Schmidt wollen erst ein mal herausfinden, wo die Schülerinnen und Schüler stehen. Was wissen sie? Wie drücken sie sich aus? Thieles Urteil steht dabei ziemlich schnell fest: «Die Jungs haben vermutlich alle schon Pornos gesehen.» Und nachdem die schlimmsten Worte ohnehin schon an der Tafel stehen, legt man fest, wie man sich im Workshop ausdrücken will. «Also Möseflutsche ist nicht so angebracht, oder? Das nehmen lieber wir nicht», entscheidet Anna Schmidt. Aber die medizinischen Begriffe gefallen den Schülern dann auch nicht. Man einigt sich auf «Schwengel», «Mumu» und «Liebe machen». Und dann geht es erst einmal an den trockenen Teil – die Anatomie. Die 13-jährigen Sek-A-Schülerinnen und -Schüler winken ab: Das kennen sie alles. Aber als dann Anna Schmidt noch einmal genau erklärt, wie der Zyklus funktioniert und warum Frauen theoretisch immer schwanger werden können, ist es plötzlich doch mucksmäuschenstill.
Der Lehrer zuckt selbst beim Wörtchen «geil» zusammen. Er überlässt gerne anderen das Feld.
Ganz so einfach ist das eben nicht – dafür aber ganz schön wichtig. In der Pause schaut Klassenlehrer Thomas Truog kurz vorbei, fragt, ob alles in Ordnung ist. Dann verschwindet er wieder. Wenn das Team von «Achtung Liebe» im Klassenzimmer ist, haben Lehrpersonen keinen Zutritt. «Das ist gut so», sagt der Lehrer. Und zwar nicht nur, weil die Medizin-studierenden ein besseres Fachwissen haben als er selbst: «Ich bin über 60 und zucke ehrlich gesagt noch immer zusammen, wenn Schüler mal ‹geil› sagen, obwohl das heute ganz normal ist.»
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Lehrer haben keinen Zutritt

Anna Schmidt, die auch Präsidentin der Organisation «Achtung Liebe» Schweiz ist, ergänzt: «Wenn die Lehrer mit ihm Raum sind, kommen keine so offenen Fragen. Uns sehen sie einmal und dann nie wieder – ausserdem sprechen wir noch eine ähnliche Sprache wie die Jugendlichen.» Das Prinzip der Peer Education kommt gut an im Sexualkundeunterricht. «Achtung Liebe» existiert schon seit 2001, ist aber erst in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Es gibt Einsätze rund um Zürich, Bern und Basel und erste Versuche im Tessin. Insgesamt besuchen die ehrenamtlich arbeitenden Studierenden zwischen 150 und 200 Schulklassen pro Jahr. 
Eigentlich wird das Kondom ja nur an der «angezogenen» Banane getestet. 
Eigentlich wird das Kondom ja nur an der «angezogenen» Banane getestet. 
Auf ihre Einsätze werden sie in mehrtägigen Workshops mit Ärzten und Sexualpädagogen vorbereitet. Und «Achtung Liebe» sind nicht die einzigen,  die Aufklärungsstunden in Schulen anbieten. So kommen zum Beispiel auch Mitarbeitende der Fachstelle «Lust und Frust» in die Klassen. In der Romandie findet Sexualkunde nur mit externen Fachpersonen der sexuellen Gesundheit statt. Woran liegt es, dass Schulen gerne aufklären lassen? Lehrpersonen ist es oft unangenehm, mit Schülern über Sexualität zu sprechen – das war eigentlich schon immer so. Zudem vertraut man gerne auf das Fachwissen von aussen, weil die Lehrerausbildung nicht auf den Sexualkundeunterricht vorbereitet.

Es darf über Lust gesprochen werden

Und vielen ist ausserdem nicht klar, was über Sexualität in der Schule gelehrt werden muss. «Nach den heutigen Schulgesetzen kann es passieren, dass Schülerinnen und Schüler in ihrer ganzen Schulzeit nur mit dem anatomischen Wissen konfrontiert werden – und nie darüber diskutieren, was eigentlich normal ist», sagt Arabel Mettler von «Sexuelle Gesundheit Schweiz» – dem Dachverband, zu dem auch «Achtung Liebe» gehört. «Viele werden nie dazu angeregt, darüber nachzudenken, welche Sexualität sie sich wünschen.»

Ihre Organisation möchte einen Sexualkundeunterricht, der über die Vermittlung von Anatomie, Geschlechtskrankheiten und Gewaltprävention hinausgeht und einen positiven Ansatz hat. Das heisst, es darf auch einmal über Lust gesprochen werden. Denn gerade seit Jugendliche so leicht mit harter Pornografie in Kontakt kommen, hätten sie viele Fragen, suchten Orientierungshilfen. Und genau deshalb spart auch «Achtung Liebe» das Thema Pornos nicht aus. Frederic Thiele malt eine Strich-Frau mit riesigen Brüsten und einen Strich-Mann mit Riesenpenis an die Tafel. Die Frau bückt sich, der Mann kommt von hinten.
«Für die Mädchen ist Onanie ganz häufig noch ein richtiges Tabuthema.». Anna Schmid ist Medizinstudentin im letzten Semester und Präsidentin der Organisation «Achtung Liebe» Schweiz.
«Für die Mädchen ist Onanie ganz häufig noch ein richtiges Tabuthema.». Anna Schmid ist Medizinstudentin im letzten Semester und Präsidentin der Organisation «Achtung Liebe» Schweiz.
«Was ist das? Richtig, ein Porno! Wobei? Fehlt da nicht noch was?» Die Jungs nicken eifrig. «Was fehlt?» «Licht!», «Kamera», «Regie», «Nahaufnahmen», die Schüler geben Stichworte, Thiele zeichnet und die Tafel wird immer voller. Und spätestens als dann auch noch die Frage mit ins Spiel kommt, wer damit wie viel Geld verdient, ist den Schülerinnen und Schülern klar: «Die wollen nicht zeigen, wie Sex geht – die zeigen etwas ganz anderes. Die machen eben einen Film, der Geld und Klicks bringen soll.»

Solche Worte löschen die Bilder im Kopf der 13-jährigen Jungen natürlich nicht aus. Das zeigt sich, als sich Jungen und Mädchen anschliessend anonym gegenseitig Fragen stellen und beantworten dürfen. Während die Mädchen brave Fragen formulieren wie: «Worüber redet ihr eigentlich in der Umkleide? Ihr lacht immer so», wollen die Jungen wissen: «Stöhnt ihr?», «Seid ihr gerade spitz?», «Was macht euch an?». Die Antworten der Mädchen lauten «Nein!», «Quatsch!», und ein Junge solle vor allem «lieb, lustig und aufmerksam» sein. Und dann kommt auch noch der Schock hinzu, dass offenbar gar nicht alle Frauen im Winter ihre Beine rasieren.
«Stöhnt ihr?», «Seid ihr gerade spitz?», «Was macht euch an?»
«Was?», ruft ein Junge mit angeekeltem Gesichtsausdruck, und seine Mitschülerin antwortet herablassend: «Ja, warum sollten wir denn? Sieht doch keiner.» Überhaupt fänden sie das ganze Sex-Getue der Jungs kindisch, verraten die Mädchen in der Frauenrunde. Sie selbst jedenfalls hätten noch nie Pornos gesehen und würden sich auch nicht selbst befriedigen. «Der Unterschied ist typisch für Jugendliche in dem Alter», sagt Anna Schmidt. Allerdings nehme sie den Mädchen ihre Unschuld auch nicht so ganz ab. Sie würden ihre ersten Erfahrungen wohl lieber für sich behalten. «Selbstbefriedigung ist bei den Mädchen einfach mit einem ganz anderen Tabu belegt als bei den Jungen.»

Anatomisch oder ganzheitlich?

«Sexuelle Gesundheit Schweiz» strebt eine ganzheitliche Sexualaufklärung an. Die Jugendlichen sollen dazu befähigt werden, ihre eigenen Wünsche und auch Grenzen zu kennen und zu respektieren – was letztendlich dazu führt, dass jeder selbst entscheidet, wie er seine Sexualität leben möchte – auch abseits der üblichen Rollenbilder. Dieses Verständnis bedeutet auch, dass Homosexualität nicht abgewertet wird. Als die Sprache im Workshop von «Achtung Liebe» allerdings auf die gleichgeschlechtliche Liebe kommt, prusten die Jungen laut los. Und die Idee, dass Homosexuelle Kinder haben könnten, stösst allgemein auf Ablehnung. «Weil die es sicher schwer haben, ihren Freunden zu erklären, warum sie zwei Mütter haben», meint ein Mädchen. «Das ist einfach unnatürlich – unsere Körper sind dafür gemacht, dass Männer und Frauen Sex haben», ergänzt ihr Mitschüler. «Wirklich?», hakt Anna Schmidt nach. «Und was, wenn ich dir sage, dass es schon immer Homosexualität gegeben hat und dass sie auch bei vielen Tierarten normal ist?» Der Junge zuckt unwirsch mit den Schultern.
Manche Schüler lernen nur etwas über Anatomie in der Schule und sprechen nie wirklich über Sex.
An das Mädchen gewandt, schlagen die zwei Medizinstudierenden vor, dass sie ja etwas daran ändern können, wie sich Kinder von Homosexuellen fühlen – indem sie es ihnen eben nicht so schwer machen. «Dass Homosexualität eine solche Reaktion auslöst, erleben wir in dem Alter häufig», sagt Anna Schmidt. Das ändere sich oft erst, wenn die Jugendlichen älter sind – und etwa Homosexualität im Freundeskreis erlebt haben. Wie sich überhaupt vieles ändert, wenn Sexualität nicht mehr nur in der Theorie und in Pornovideos existiert, sondern erste Erfahrungen hinzukommen. Dann fällt vielleicht auch den Jungs der Begriff «Liebe machen» für «Sex haben» ein.

Sexualkunde in der Deutschschweiz

Die Sexualbildung in der Deutschschweiz ist laut der Organisation «Sexuelle Gesundheit Schweiz» in drei Zyklen aufgeteilt: Im Kindergarten soll Kindern ab vier Jahren ein basales Körperwissen vermittelt werden – also zum Beispiel der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen sowie der Umgang mit Emotionen. Ausserdem findet eine erste Gewaltprävention statt, indem man den Kindern vermittelt, dass sie selbst bestimmen, wann und wie sie angefasst werden. Im dritten bis neunten Schuljahr werden im Biologieunterricht Körper und Pubertät behandelt sowie das gesellschaftlich verschiedene Verhalten von Mann und Frau angesprochen. Ab der zehnten Klasse steht der Sexualkundeunterricht, wie ihn die meisten kennen, auf dem Lehrplan. Dieser bleibt in vielen Kantonen und Schulen auf anatomisches Wissen begrenzt. Also beispielsweise: Wie wird man schwanger? Wie funktionieren die Sexualorgane?

Gesetzlich sind die Schulen zudem dazu verpflichtet, präventiv über die Themen Gewalt und Geschlechtskrankheiten zu informieren. Ein Schwerpunkt liegt auf der HIV/Aids-Prävention. Im Juli 2015 ist ein Volksbegehren von den Initianten zurückgezogen worden, das Sexualkundeunterricht unter neun Jahren verbieten und bis zu zwölf Jahren freiwillig machen wollte. Anlass für das Volksbegehren war eine «Sexbox» mit Plüsch-Vaginas und -Penissen, die an Basler Schulen für Aufregung sorgte. Während in der Deutschschweiz der Sexualkundeunterricht sehr unterschiedlich gestaltet ist, gibt es in der Romantik klare Standards und grundsätzlich Unterricht durch externe Fachpersonen der sexuellen Gesundheit

Zur Autorin:

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Bianca Fritz wurde von Rolf aufgeklärt, einem kleinen Comic-Penis, der sich das Kondom-Hütchen immer falsch herum aufsetzte.

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