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Entwicklung

Was heisst überhaupt gut aussehen? 

Fünf Jugendliche schildern im Rahmen unseres Dossiers zum Thema Körperkult, was für sie persönlich gutes Aussehen bedeutet und was sie bereit sind dafür zu tun – oder nicht. 
Text: Silvia Aeschbach
Bilder: Vera Hartmann / 13 Photo

«Für mich ist es wichtig, gut auszusehen»

Tim, 16, hatte früher Babyspeck und findet, Mädchen haben es besser als die Jungs. Je älter ich werde, desto wichtiger wird das gute Aussehen. Jetzt, in der Oberstufe, ist es ein grosses Thema. Ich habe Kollegen, die ins Fitnessstudio gehen und dort Krafttraining machen. Die wissen etwa auch, wie viele Kalorien die Sachen haben, die sie essen. Das wäre nichts für mich, aber ich bewundere sie, wie sie ihren Körper unter Kontrolle haben. Als ich jünger war, war ich speckiger, hatte recht «Babyfett». Aber jetzt habe ich zum Glück einen Wachstumsschub hinter mir und bin schlank. Für mich ist es wichtig, gut auszusehen, vor allem auch, weil es unter den Jungs an meiner Schule einen richtigen Wettbewerb gibt. Das betrifft nicht nur das Aussehen, sondern auch, welche Markenklamotten man trägt. Ich mache da zum Teil auch mit, aber am Wichtigsten ist mir, dass ich mir selber gefalle. 
 Ich finde, die Mädchen haben es besser. Die posten Bilder von sich auf Instagram und sagen sich gegenseitig, wie schön sie sich finden. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Würde ich einem meiner Kollegen sagen, er sähe gut aus, würde der denken … na ja, Sie wissen schon, was. Ich versuche, gesund zu essen, aber ich gehe mit meinen Kollegen auch zu McDonald’s oder Starbucks. Aber immer nur Hamburger und Shakes, das würde mir nicht schmecken. Manchmal habe ich mega Hunger, dann esse ich wie verrückt und habe dann einen richtig dicken Bauch, aber der ist am nächsten Tag wieder weg.»

«Ich finde stark geschminkte Mädchen billig»

Elena, 15, kennt den Wunsch, abzunehmen, und glaubt, dass Buben deshalb coole Kleider tragen, weil sie sich etwas beweisen müssen. «Ich bin richtig allergisch auf all diese dünnen Models, die uns Mädchen das Gefühl geben, wir seien zu dick. Trotzdem: Ich bin «in shape» – aber eben so, wie es für mich stimmt. Wir sollten einfach alle versuchen, uns selber zu sein, und keinen falschen Idealen nacheifern. Natürlich kenne ich den Wunsch, abzunehmen. Früher wollte ich das auch, aber heute ist es mir wichtiger, dass ich ein gutes Körpergefühl habe.
In meiner Klasse ist es natürlich ein Thema, eine gute Figur zu haben, die meisten Mädchen, aber auch Jungs machen Sport, gehen ins Gym, spielen Fussball, reiten oder rudern. Ich mache Thai-Boxen, das empfinde ich als gutes Rundum- Training. Es macht mich schnell, gibt mir eine gute Kondition, und ich lerne so, mich zu wehren. Was meinen Kleidungsstil betrifft, mache ich mir nichts aus Labels. Ich habe aber gemerkt, dass es vor allem für die Buben wichtig ist, coole Kleider zu tragen. Die stehen echt in Konkurrenz untereinander. Ich schminke mich regelmässig, aber nur natürlich. Stark geschminkte Mädchen finde ich billig.»
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«Mein Vorbild ist meine Mutter»

Nick, 14, beschäftigt sich mit gesunder Ernährung und kennt einen Jungen, der trotz seines Übergewichts akzeptiert wird. «Krafttraining ist für mich noch kein Thema, aber vielleicht mit 16 könnte es eines werden. Ich glaube, die älteren Jungs machen das, weil sie den Mädchen imponieren wollen. Mir geht es nicht um eine gute Figur, ich will gesund sein, und darum schaue ich schon, was ich esse. In dieser Beziehung ist meine Mutter mein Vorbild. Sie beschäftigt sich sehr mit gesunder Ernährung, das gefällt mir. Und sie will mit einer positiven Einstellung die Welt verändern. 
Ich glaube schon, dass ich selbstbewusst bin, denn ich glaube an mich. Manchmal koche ich auch selber, aber nicht für mich allein, sondern für Kollegen oder meine Familie. Ich versuche, beim Essen eine gute Balance zu finden. Es tut mir nicht gut, wenn ich zu viel Süsses esse, ich fühle mich nachher einfach nicht gut. Ich kenne einen Jungen, der ist dicker als die anderen, aber seine Kollegen akzeptieren ihn, so wie er ist. Das finde ich gut, aber ich bin froh, dass ich fit bin und viel Sport machen kann. Ich spiele Fussball und Basketball, und ich fahre Ski.»

«Eine meiner Freundinnen ist bulimisch»

Anna, 17, schminkt sich, um sich selbst zu gefallen, und stellt fest, dass in ihrem Umfeld viele vegetarisch oder vegan essen. «Als ich neun oder zehn Jahre alt war, war ich zu dünn. Dann schlug die Pubertät zu, und ich war eine Zeitlang ein bisschen zu dick. Ich musste lernen, dass ich nach dem Nachtessen nicht noch einen Liter Schoggimilch trinken kann. Mir ist eine gute Figur wichtig, und ich bin froh, dass ich schnell abnehme, wenn ich ein bisschen zu viel auf den Rippen habe. Im Sommer ist das leichter, dann spiele ich Tennis oder jogge. Eine meiner besten Freundinnen ist bulimisch. Da mache ich mir schon Sorgen. Sie hat sich mir anvertraut, und wir sprechen auch darüber. Aber sie will sich halt nicht helfen lassen, weder von mir noch von ihren Eltern.
In meinem Umfeld ist es jetzt gerade modern, vegetarisch oder vegan zu essen. Ich esse alles, und es stört mich nicht, wenn andere ihre strikten Regeln bei der Ernährung haben. Nerven tut’s mich nur, wenn gewisse Kolleginnen immer lautstark sagen: ‹Ich esse kein Fleisch wegen den armen Tieren.› Mir ist es wichtig, dass ich mich in meinem Körper wohlfühle. Dazu gehört auch, dass ich mich schminke. Nicht immer, manchmal gehe ich auch in Jogginghosen und ohne Make-up zur Schule, aber meistens mache ich mich zurecht. Nicht für die anderen, aber ich will mir selber gefallen. Ich finde, unter uns Mädchen gibt es allgemein weniger Konkurrenz als bei den Buben. Im Gegenteil: Wenn eine ein tolles Bild von sich auf Instagram postet, schreiben wir, wie gut sie aussieht. Ich bin auch nicht so ein Fan von Stars. Meine Vorbilder beeindrucken mich nicht, weil sie eine gute Figur haben oder gut aussehen, sondern weil sie etwas auf die eigenen Beine stellen, wie zum Beispiel Bloggerinnen, die ihr eigenes Ding machen.»

«Ich bin gerne schlank, weil man dann beim Kleider kaufen keine Probleme hat»

Jan, 16, ärgert sich über Eltern von dicken Kindern und erlaubt sich selbst hin und wieder etwas Süsses. «Ich finde, es ist die Aufgabe der Eltern, zu schauen, dass sich ihre Kids nicht nur mit Chips und Burgern vollstopfen. Sie sollen ihnen zeigen, dass es Alternativen gibt. Ich war früher auch dicker und habe mich nicht wohlgefühlt. Dann haben wir in einem Klassenlager zum Zvieri immer einen Apfel gegessen, und das habe ich so beibehalten. Heute nasche ich weniger zwischen den Mahlzeiten, denn für mich ist es wichtig, in Form zu bleiben. 
Ich spiele drei Mal pro Woche Fussball, am Wochenende ist Match, da ist es wichtig, dass mein Körper funktioniert. Im Training machen wir regelmässig Fitness für Ausdauer, Kondition und Kraft. Dafür brauche ich eine gute Ernährung, auf die mein Mami schaut, die auch sehr sportlich ist. Natürlich erlaube ich mir hin und wieder etwas Süsses, das aber sehr bewusst. Ich bin gerne schlank, weil man dann keine Probleme beim Kleiderkaufen hat. Früher waren mir Markenklamotten wichtig, weil in der Klasse vor allem die Buben schauten, was man anhat. Das ist jetzt aber anders geworden, weil einige Kinder ihre Kleider selber bezahlen müssen, wenn sie Labels tragen wollen.»

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1 Kommentar

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Von Iris am 06.06.2016 08:21

Vielen Dank für diesen guten Artikel!! und die Aufführung der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES für weiterführende Beratung.

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