Fabian Grolimund über bedingungslose Elternliebe
Entwicklung

Ich liebe dich, so wie du bist!

Bedingungslose Elternliebe heisst nicht, dem Kind alles durchgehen zu lassen. Es geht vielmehr darum, dass Sie versuchen, Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter auch in schwierigen Situationen zugewandt zu bleiben und sein oder ihr Verhalten zu verstehen.
Text: Fabian Grolimund
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Mit der Forderung nach bedingungs­loser Elternliebe kann man rasch für hitzige Diskussionen sorgen. Manche Eltern stellen sich auf den Standpunkt, dass damit jegliche Führung verloren ginge und sich die Kinder zu unsäglichen Tyrannen entwickeln würden. Das klingt dann oft so: «Ja schön und gut – aber soll ich etwa alles gutheissen, was mein Kind tut? Und wenn es stiehlt, andere mobbt oder ein Nazi wird?»

Für andere Eltern ist die bedingungslose Liebe das Allheilmittel schlechthin, der Weg zu einer besseren und friedlicheren Menschheit und eine Grundvoraussetzung, damit sich Kinder überhaupt positiv entwickeln können. 

Im Umkehrschluss werden dann aber rasch alle Probleme in einer Familie auf die scheinbar mangelnde Liebe zurückgeführt oder Mütter und Väter verurteilt, die das Elternsein auch mal anstrengend finden, mit bestimmten Eigenschaften ihres Kindes hadern oder sich bestimmter Erziehungspraktiken wie Strafen, Belohnungen oder Lob bedienen.

Ermöglichen Sie Kindern, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen

Doch was ist bedingungslose Liebe? Das Konzept geht auf den US-amerikanischen Psychotherapeuten Carl Rogers zurück. Dieser begründete die Gesprächspsychotherapie und formulierte drei Bedingungen, die in Beziehungen gegeben sein sollten, damit sich Menschen gut entwickeln können: bedingungslose Wärme und Wertschätzung, Echtheit und Empathie. 

Als Humanist ging Rogers davon aus, dass der Mensch autonom und frei ist, dass er wachsen, sich weiterentwickeln und entfalten möchte.

Damit uns dies gelingt, benötigen wir andere Menschen, die sich in uns einfühlen, die Welt ein Stück weit aus unserer Sicht wahrnehmen, uns mit Wärme und Verständnis begegnen und dabei authentisch bleiben. Als Kinder können wir auf diese Weise lernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen, uns auch mit schwierigen Gefühlen anzunehmen und zu entdecken, wer wir sind und was uns wichtig ist.

Das Gegenteil einer bedingungslosen Liebe wäre eine an Bedingungen geknüpfte Liebe: Ich liebe dich nur, wenn du so bist und dich so verhältst, wie ich das will. 

Dabei müssen wir uns die Zuneigung der anderen Person verdienen, indem wir uns an ihre Vorstellungen anpassen und zur Not bestimmte Anteile unserer Persönlichkeit unterdrücken. Das kann in der ­Folge zum Gefühl führen, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein und ständig an sich arbeiten zu müssen, um von anderen akzeptiert zu werden. 

Der Liebesentzug durch die Eltern wird mit der Zeit internalisiert: Das Kind kann sich selbst nicht mehr annehmen, wenn es bestimmte Gefühle oder Bedürfnisse an sich wahrnimmt.
Wird Liebe an Bedingungen geknüpft, kann das zum ­Gefühl führen, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein. 
Die meisten modernen Eltern möchten ihren Kindern bedingungslose Liebe schenken. Das ist in engen Beziehungen jedoch schwierig und wird uns nie ganz gelingen. Carl Rogers definierte sein Konzept für die Therapiebeziehung. Dort ist es einfacher, unbedingt wertschätzend zu bleiben, weil die Bedürf­nisse und das Verhalten des Klienten das Leben des Therapeuten nicht betreffen. Um es plastisch auszudrücken: Der Satz «Ich bin fremdgegangen» hat eine ganz andere Wirkung, je nachdem ob ihn der Klient oder der eigene Partner äussert.

Alle Eltern haben Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen an und für ihre Kinder. Wir alle freuen uns, wenn unser Kind sich anderen gegenüber hilfsbereit zeigt, dem kleinen Geschwister liebevoll begegnet, im Spiel versinkt und sich auch einmal alleine beschäftigen kann, gerne zur Schule geht und sich für vieles interessiert. Und viele von uns hätten Mühe, wenn sie erleben, dass das eigene Kind sich aggressiv und gemein verhält, andere auslacht, das kleine Geschwister vor lauter Eifersucht heimlich quält, desinteressiert und passiv wirkt und nichts mit sich anzufangen weiss. 

Bedingungslose Liebe bedeutet nicht, dass wir jegliches Gefühl in uns unterdrücken müssen, nie enttäuscht, verärgert oder beschämt über das Verhalten des Kindes sein dürfen. Es bedeutet auch nicht, ihm alles «durchgehen» zu lassen. Vielmehr zeigt sich bedingungslose ­Liebe darin, dass ich auch in solchen Situationen interessiert und zugewandt bleibe und wissen möchte, weshalb mein Kind sich so fühlt und verhält. 

Wenn ich als Mutter oder Vater sehe, dass mein älteres Kind eifersüchtig und ablehnend auf das jüngere Geschwister reagiert und es zwickt, wenn es meint, dass ich nicht hinschaue, dann kann das eine Palette unschöner Gefühle und Gedanken auslösen. Vielleicht ­würde ich dem älteren Kind dann am liebsten zeigen, wie es ist, wenn man abgelehnt wird, indem ich das jüngere demonstrativ auf den Arm nehme, mich mit ihm beschäftige und das ältere geflissentlich igno­riere, während es weint und um Aufmerksamkeit bettelt. 

Wie gelingt es uns, in solchen Momenten zugewandt zu bleiben? Der Schlüssel zu bedingungsloser Liebe ist die Empathie, die es uns wieder erlaubt, uns mit dem Kind zu verbinden. Nicht, weil man alles gutheissen würde, was das Kind tut, sondern weil wir wissen wollen, ­welche Bedürfnisse und Gefühle hinter diesem schwierigen Verhalten stecken.

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