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Entwicklung

Ein Baby als Empathielehrer

Sie sind herzig, noch hilflos, aber gute Lehrer: Geht es nach der Organisation «Roots of Empathy», sollen Babys Kindern mehr Einfühlungsvermögen vermitteln. Das internationale Projekt hat im Herbst 2014 auch an vier Schweizer Schulen Einzug gehalten. Ein Unterrichtsbesuch.
Text: Evelin Hartmann
Fotos: Christian Grund / 13 Photo
Miriams Lehrerin ist heute etwas müde. Sie reibt sich die Augen, quengelt ein bisschen und gähnt. Miriam hat dafür Verständnis. Die Achtklässlerin neigt den Kopf zur Seite, lächelt sanft. Schliesslich ist ihre Lehrerin erst neun Monate alt.

Ihr Name: Lisa. Ihre Aufgabe: Im Auftrag der gemeinnützigen kanadischen Organisation Roots of Empathy (ROE, auf deutsch Wurzeln der Empathie) soll sie Miriam und ihre Klassenkameraden im Schulhaus Guggenbühl in Winterthur in Empathie unterrichten, für ihre Gefühle sensibilisieren – damit die Kinder letztlich ihre eigenen besser verstehen.

«Hello Baby Lisa, wie geht es dir? Wie geht es dir heut hier?» Die Schülerinnen und Schüler stehen um eine grüne Decke herum und singen aus voller Kehle. Von ihrer Mutter getragen macht Lisa die Runde. Hände greifen nach ihren Füsschen, streicheln über ihre zarten Hände. Das Baby lacht, die Schüler strahlen.
«Roots of Empathy» stellt sich vor und erklärt die Idee hinter dem Projekt
«Was ist anders an Lisa als bei ihrem letzten Besuch, ist euch etwas aufgefallen?», fragt Roots-of-Empathy-Trainerin Daniela Mühlheim. «Sie hat mehr Haare», ruft ein Mädchen. Die anderen nicken. «Und wie viele Zähne waren es letztes Mal?» «Fünf!», hallt es im Chor. Dann lässt die Trainerin eine Kugel über die grüne Decke rollen. Mucksmäuschenstill verfolgen die 20 Schülerinnen und Schüler Lisas Bemühungen, dem Spielzeug hinterherzukrabbeln. Damit das besser gelingt, halten alle die Decke fest.

«Wollt ihr Lisas Mami fragen, was sie beachten muss, damit Lisa nichts passiert, jetzt da sie krabbeln kann?» Sicherheit ist das Thema der heutigen Lektion. In der Vorbereitungsstunde, die jedem Babybesuch vorausgeht und durch eine Nachbereitung ergänzt wird, hat die Klasse über Gefahren in Lisas Zuhause nachgedacht.
«Hello Baby Lisa!» Zu Beginn der Stunde begrüssen Mutter und Baby jedes Kind.
«Hello Baby Lisa!» Zu Beginn der Stunde begrüssen Mutter und Baby jedes Kind.

Raum für negative Gefühle schaffen

In Kanada läuft der Baby-Unterricht, entwickelt von der ehemaligen Primarlehrerin Mary Gordon, schon seit 1996. Es folgten Schulen in den USA, Neuseeland, Irland, England und Deutschland. Im Oktober 2014 fiel dann an vier Schweizer Schulen der Startschuss für das Projekt. Das volle ROE-Programm umfasst neun Schulbesuche einer Mutter oder eines Vaters mit ihrem respektive seinem Baby. Die speziell ausgebildete Trainerin moderiert ihre Besuche. «Wann habt ihr euch zuletzt so gefühlt wie das Baby?» Diese und ähnliche Fragen sollen es den Schülern ermöglichen, auch ihren negativen Gefühlen wie Angst, Wut und Enttäuschung Raum zu geben. Diese Fähigkeit brauche es, um Konflikte zu lösen und friedlich zusammenzuleben, erklärt Daniela Mühlheim ihre Arbeit. Ein Baby als Friedensstifter – ein hoher Anspruch.
«Wann habt ihr euch zuletzt so gefühlt wie ein Baby?»
«Roots of Empathy»-Trainerin
«Dance with your fingers, dance with your shoes», die Schüler stimmen ein neues Lied an, klatschen in die Hände. Daniela Mühlheim hält Lisa unter den Armen, die kleinen Füsschen berühren den Boden. Die Trainerin bewegt das Baby rhythmisch hin und her. Sein Gesicht: ausdruckslos. «Was glaubt ihr, hat es Lisa gefallen?» Die Schüler sind skeptisch. «Ich glaub, es war ihr zu laut», sagt Sarah. Lisas Brabbeln kippt in ein leises Quäken. Sie robbt über die Decke, den Schlüsselbund einer Schülerin im Visier. «Was meint ihr, wie fühlt sie sich?» «Sie ist unzufrieden.» Doch dann, das Objekt der Begierde fest im Griff, fängt das Baby an zu glucksen. Miriam und ihre Freundinnen lachen erleichtert. An diesem Donnerstag ist Lisa zum sechsten Mal bei ihnen zu Besuch.

Klassenlehrerin Rahel Wepfer hält sich in diesen Schulstunden als Beobachterin im Hintergrund. Sie habe von dem Programm gelesen und es für eine sinnvolle Methode gehalten, die anstehende Unterrichtssequenz «Miteinander leben» einmal anders zu vermitteln. «Die Klasse ist schon sehr empathisch, aber ich habe gemerkt, dass sich gerade die Buben Themen wie Emotionalität, Konflikte lösen, miteinander reden langsam verschliessen», sagt sie. «Es ist leichter, über jemand Drittes zu sprechen, um dann auf sich selbst zu kommen.» Und den Emotionen eines hilflosen Babys könne sich keiner verschliessen. Rahel Wepfer räumt zwar ein, dass die Buben zurückhaltender seien als die Mädchen. «Aber man sieht die Begeisterung in ihren Gesichtern.»
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«Die Beziehung zwischen einem Kind und seinem Mami ist einmalig.»

Lisa lacht, die Buben strahlen

«Seht ihr, die Fingernägel müssen noch einmal geschnitten werden, sonst kann sich Lisa damit verletzen», sagt Daniela Mühlheim und schaut in die Runde. Drei Buben lassen sich auf den Knien hockend nach vorne gleiten, bis sie auf Augenhöhe mit dem Baby sind. Ihre Finger streichen behutsam über die winzig kleinen Fingerkuppen. Lisa lacht, die Buben strahlen.

Nach 40 Minuten ist die kleine Lehrerin müde, quengelig. «Lisa hat heute lange durchgehalten», sagt Martina Scheidgen, Lisas Mutter. Sie ist mit der Tochter der Lehrerin befreundet und so zu dem Projekt gekommen. «Lisa hat Freude an den Kindern, es macht ihr Spass, sonst würde ich das nicht machen», sagt sie. Jetzt nimmt sie das Baby auf den Arm, streicht ihm sanft über den Kopf. Die Kleine schmiegt sich zufrieden an den Hals der Mutter.

«Die Beziehung zwischen einem Kind und seinem Mami ist einmalig, Lisa weiss, dass sie bei ihr sicher ist», kommentiert Daniela Mühlheim das Bild und fragt ihre Schüler: «Wie fühlt ihr euch jetzt?» «Gut!», ruft Sarah. «Wenn ein Baby lacht, muss ich auch lachen.»
Lisa bringt die Schüler zum Lachen.
Lisa bringt die Schüler zum Lachen.
Dann stehen wieder alle auf und stimmen ein: «Bis bald, Baby Lisa, auf Wiedersehen, wir werden uns wieder sehen!»

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Evelin Hartmann
Was man von einem Baby lernen kann? Ganz viel – besonders über sich selbst, findet die Autorin und Mutter einer zweijährigen Tochter.



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