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Entwicklung

Die Macht der Sprache 

Kinder aus der sozialen Unterschicht haben düstere Bildungsperspektiven. Dagegen scheinen staatliche Fördermassnahmen wenig ausrichten zu können. Die US-Medizinprofessorin Dana Suskind will die Lösung für das Problem gefunden haben: Wenn Eltern mehr mit ihren Babys sprechen, wird alles besser, sagt sie. Forscher geben ihr recht.
Text: Virginia Nolan  
Illustration: Partner&Partner
Eigentlich ist Dana Suskind Chirurgin, doch mittlerweile kennt Amerika die 45-Jährige vor allem als Aktivistin – für Babysprache. Suskind will Eltern dazu bringen, so viel wie möglich mit ihrem Nachwuchs zu kommunizieren, und zwar ab Tag eins. Nicht etwa per Handzeichen, wie es die in Elternkursen propagierte «Zwergensprache» suggeriert, sondern indem sie mit Säuglingen und Kleinkindern sprechen, wann immer die Gelegenheit es zulässt. 
Das, sagt die Medizinprofessorin aus Chicago, sei Nahrung fürs Gehirn. Sprache, nur Sprache stelle sicher, dass der geistige Motor unserer Kinder dereinst sein volles Potenzial entfalten und auf Hochtouren schalten könne. «Fehlt einem Baby die Muttermilch, gibt es Alternativprodukte, die es am Leben und gesund erhalten», sagt Suskind. «Sein Gehirn aber wird einzig und allein durch Bezugspersonen gedeihen, die möglichst viel und einfühlsam mit ihm sprechen. Für diese Art von Nahrung existiert kein Ersatz.»
 
Diese Erkenntnis der Wissenschaft auch in den Köpfen der Eltern zu verankern, hat sich Suskind mit ihrer «Thirty Million Words Initiative» zur Mission gemacht. Das Elternbildungsprogramm richtet sich an Mütter und Väter aus der sozialen Unterschicht. Es soll ihnen helfen, ihre kommunikativen Fähigkeiten zu verbessern – und den Kindern langfristig bessere schulische Perspektiven ermöglichen.
Fehlende sprachliche Anregungen wirken sich auch auf IQ und Lernerfolg aus.
Bisher haben ein paar Hundert Familien aus Chicago mitgemacht, für den nächsten Durchlauf haben sich weitere zweihundert angemeldet. In fünf Jahren sollen erste Daten Aufschluss geben darüber, ob die Initiative Früchte trägt. In Zeiten, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer grösser wird, dürften die Resultate auch Bildungspolitiker ausserhalb der USA interessieren.

Die Kluft zwischen Arm und Reich: 30 Millionen Wörter

Thirty Million Words, das sind 30 Millionen Wörter, und in diesem Fall beziffern sie einen Rückstand im kindlichen Vokabular. So bekommen Kinder aus unterprivilegierten Verhältnissen bis zum Abschluss ihres dritten Lebensjahrs rund 30 Millionen Wörter weniger zu hören als Altersgenossen mit vergleichs- weise stabilem Hintergrund. Das konnten die US-Psychologen Betty Hart und Todd Risley bereits vor über 20 Jahren nachweisen. 

Sie hatten Familienhaushalte aus unterschiedlichen sozialen Schichten verkabelt und dann akribisch ausgewertet, wie viel Eltern mit ihren Babys und Kleinkindern sprachen. Später verfolgten sie die schulische Laufbahn dieser Kinder bis zur dritten Klasse.
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Der Forschungsbericht «Die frühe Katastrophe» aus dem Jahr 2003 fasst die Resultate der Langzeitstudie zusammen. Demgemäss wirken sich fehlende sprachliche Anregungen im Baby- und Kleinkindalter nicht nur auf den Wortschatz der Kinder, sondern auch auf ihren späteren IQ und den Lernerfolg in der Schule aus. Und umgekehrt: Babys und Kleinkinder, mit denen die Eltern viel sprechen, haben später bessere Schulnoten und einen höheren IQ als Altersgenossen aus weniger gesprächigen Haushalten. Mit Lernforschung dieser Art hätte Chirurgin Suskind wohl bis heute nichts am Hut, wäre sie nicht vor einem rätselhaften Problem gestanden. Die pädiatrische HNO-Ärztin mit Spezialisierung auf Gehörprobleme leitet an der Universitätsklinik von Chicago das entsprechende Departement und ist verantwortlich für die operative Einsetzung von Hörimplantaten bei schwer hörgeschädigten oder tauben Kindern. Meist erfolgt die Operation irgendwann im zweiten Lebensjahr, spätestens im dritten Lebensjahr. Mediziner empfehlen, dieses Zeitfenster nicht zu überschreiten: Je länger wir dem Gehirn akustische Reize vorenthalten, desto mehr Mühe wird es später haben, sie zu verarbeiten und einzuordnen.
Die Sprache stellt sicher, dass der geistige Motor dereinst sein volles Potenzial entfaltet.
Suskind hatte schon unzähligen Kleinkindern zu Gehör verholfen, stellte aber fest, dass die Operation nicht bei allen Patienten anschlug. Während die meisten zu sprechen anfingen und den Rückstand zu Altersgenossen aufholten, konnten sich einige Kinder auch nach Jahren kaum verbal ausdrücken. Manche von ihnen kommunizierten trotz vorhandenem Gehör über Gebärdensprache.

Wie die Umgebung unser Gehirn prägt

Auf der Suche nach dem Grund für das Rätsel tappte Suskind im Dunkeln, bis ihr ein Licht aufging. Die Kinder, denen das Sprechen trotz gelungener Operation Mühe machte, hatten etwas gemeinsam: Sie kamen aus sozial oder wirtschaftlich benachteiligten Familien. Suskind recherchierte, stiess auf die Arbeit von Hart und Risley und forschte weiter nach. Heute weiss sie: «Mangelt es uns im frühkindlichen Alter an sprachlicher Anregung, ist die Fähigkeit, zu hören, ein verschwendetes Geschenk.» 

Anders als übrige Organe, die bei der Geburt ihre volle Funktionstüchtigkeit erreicht haben, ist das menschliche Gehirn zu diesem Zeitpunkt noch unreif. «Ob es sein volles Potenzial dereinst entfalten kann, hängt von der Umgebung ab, in der wir aufwachsen», sagt Suskind.
Der Mensch kommt mit gut 100 Milliarden Neuronen zur Welt. Diese Nervenzellen sind darauf spezialisiert, Reize und Signale aufzunehmen, sie zu leiten und zu verarbeiten. Die Neuronen bilden lediglich das Grundgerüst unseres Gehirns. Damit dieses seine Wunderleistung auch vollbringen kann, braucht es die Synapsen, die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen. Sie ermöglichen diesen, Verbindungen miteinander einzugehen, und fungieren damit als Schaltstelle sämtlicher Informationsübertragung. 

Wenn wir etwas Neues lernen, sei es eine Bewegung, einen Geschmack oder ein Wort, gehen Nervenzellen neue Verbindungen miteinander ein, die sich mit Wiederholung des Gelernten verdichten. So entsteht in unserem Gehirn das neuronale Netzwerk, sozusagen die Landkarte unserer Lernerfahrungen. «Dieses Netz erweitert und verdichtet sich, je mehr Impulse das Gehirn erreichen», sagt Suskind.
Auch die Art und Weise, wie man mit Kleinkindern spricht, ist von Bedeutung.
«Wie sorgen wir für Impulse? Genau: Durch sozialen Austausch – in den frühen Lebensjahren bedeutet das, möglichst viel mit dem Kind zu sprechen.» Eltern hätten dafür aber nicht unbeschränkt Zeit, sagt Suskind: «85 Prozent des Gehirnwachstums werden innerhalb der ersten drei Lebensjahre abgeschlossen. In dieser Zeit wird die Grundlage für späteres Lernen gelegt.» 

Das Gehirn eines dreijährigen Kindes verfügt über doppelt so viele Synapsen wie das eines Erwachsenen, was für die enorme Anpassungs- und Lernfähigkeit von Babys und Kleinkindern spricht. Zur Gehirnentwicklung gehört aber nicht nur, diese Kontaktstellen neu zu schaffen, ein genauso wichtiger Teil besteht später auch darin, ungenutzte Verbindungen wieder abzubauen. 

Ahnungslose Eltern

Nach dem Prinzip «Use it or lose it» – benutze es oder verliere es – eliminiert das Gehirn bis zum zehnten Lebensjahr Synapsen, die nur selten gebraucht werden. «So bestimmt letztlich unsere Umwelt, das, was wir in ihr lernen, aufnehmen und erfahren, zu einem grossen Teil die Struktur unseres Gehirns», sagt Suskind. Für Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status ist das keine gute Nachricht. Sie haben die schlechteren Karten, wenn es um Lernerfolg geht. 
Sozialforscher führen dafür unterschiedliche Gründe an. Einen gewichtigen lieferte das umfangreiche Tonmaterial von Hart und Risley: In solchen Familien wird viel weniger mit den Kindern gesprochen. Warum eigentlich? «Finanzielle Sorgen oder familiäre Probleme sind ein Stressfaktor», sagt Suskind. «Eltern, die von ihren Sorgen vereinnahmt werden, mögen sich weniger mit den Kindern abgeben.» Es gibt aber auch einen einfachen Grund, warum Eltern nicht mehr mit ihrem Nachwuchs kommunizieren. «Sie haben schlicht keine Ahnung, dass sie damit die Gehirnentwicklung ihres Kindes beeinflussen könnten», sagt Suskind. «An diesem Punkt kommen wir ins Spiel.»
Mütter und Väter müssen zu Stützpfeilern der Förderung gemacht werden.
In den USA leben über 32 Millionen Kinder in Haushalten mit geringem Einkommen. Jedes Jahr gibt die Regierung rund eine Milliarde Dollar für ihre schulische und soziale Förderung aus. Der Erfolg der Massnahmen lässt zu wünschen übrig, die Bildungsperspektiven dieser Kinder bleiben düster. Suskind kritisiert, dass die gängigen Förderprogramme zu spät ansetzen, nämlich dann, wenn die Kinder bereits den Kinder- garten oder die Schule besuchen: «Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass die wichtigste Lernphase dann schon vorbei ist.» 
Weiter moniert sie, dass Eltern bei der Umsetzung solcher Programme – wenn überhaupt – eine Nebenrolle spielen. Die Thirty Million Words Initiative (TMW) macht Mütter und Väter dagegen zu Stützpfeilern der Mission. Suskinds Team arbeitet interdisziplinär, Mitarbeiter sprechen Eltern in Gemeischaftszentren von Problemvierteln, in Kinderarztpraxen oder auf der Wöchnerinnenabteilung von Spitälern an. Familien, die im Projekt mitmachen wollen, begleitet das TMW- Team sechs Monate lang. Pädagogische Betreuer besuchen die Familie wöchentlich während einer Stunde zu Hause. «Wir übersetzen die neusten Erkenntnisse aus der Wissenschaft in einfache und alltagstaugliche Konzepte», sagt Suskind. «Sie zeigen Eltern, wie sie ihren Kindern helfen können, ihr geistiges Potenzial zu entfalten.» Nebst persönlichen Gesprächen ist eine Multimediaplattform zentrales Element der Zusammenarbeit. Dort hinterlegen Experten ihre Anregungen mit Fotos, Illustrationen und Videosequenzen von Alltagssituationen.
Wie viel in der Familie und mit dem betreffenden Kleinkind gesprochen wird, protokolliert ein kleiner Rekorder mit spezieller Software. Gerade so gross wie ein USB-Stick, kann ihn das Kind in der Hosentasche tragen. «Die Auswertungen besprechen wir jede Woche mit den Eltern», sagt Suskind, «das spornt sie an, ihre persönlichen Kommunikationsziele zu erreichen.»
 
Nach Abschluss des Programms haben Mütter und Väter via soziale Medien weiterhin freien Zugang zu Lernmaterial. «Was mir am meisten Freude macht», sagt Suskind, «ist die Motivation, die diese Eltern an den Tag legen. Sie zeigen viel Engagement, obwohl ihre persönliche Situation weiterhin angespannt bleibt.» 

Eltern haben es in der Hand

Kinder werden nicht klug geboren, sie werden klug gemacht, so das Credo der Thirty Million Words Initiative. «Gerade in ärmeren Familien herrscht nach wie vor die Auffassung, das geistige Potenzial eines Kindes sei bei der Geburt festgelegt und damit unveränderlich», sagt Suskind. Das hätten ihre Befragungen von Müttern aus entsprechenden sozialen Milieus eindrücklich gezeigt. «Die Haltung ist nachvollziehbar», findet sie. «Wer schon als Kind den Eindruck bekommt, in einer ausweglosen Situation zu stecken, wird auch als Erwachsener davon ausgehen, dass die Dinge unabänderlich sind.»
Statt alles vorzugeben, sollten Eltern versuchen, ihrem Kind Optionen anzubieten.
Zweifellos spielten Gene in Sachen Intelligenz eine wichtige Rolle, räumt Suskind ein, aber mit ihnen allein sei es nicht getan. «Es ist wie bei einem Haus», sagt sie, «wenn Sie schlechtes Baumaterial verwenden, nützt das beste Grundgerüst nichts.» Das ist die gute Nachricht: Eltern sind nicht machtlos. Sie können helfen, die Bildungschancen ihrer Kinder zu verbessern. Dabei kommt es aber nicht nur auf die Anzahl Wörter an, die sie an ihr Kind richten, sondern auch auf die Art und Weise, wie sie mit ihm reden.
 
So wird mit Kleinkindern aus Unterschichtenfamilien nicht nur weniger gesprochen, gemäss der Langzeitstudie von Hart und Risley bekommen sie zudem sechsmal häufiger negative Inhalte zu hören als Gleichaltrige aus stabilen Verhältnissen. Dazu zählen etwa Befehle und barsche Zurechtweisungen, die, wenn zu häufig ausgesprochen, den Spracherwerb hemmen können, wie Hart und Risley feststellten. «Wir beobachteten einen überwältigend negativen Effekt auf die spätere Entwicklung des Kindes, wenn seine Interaktion mit den Eltern von ständigen Zurechtweisungen geprägt war», schrieben die Forscher.

Training für die Selbstregulation

Hör auf! Tu dies! Mach das! Solche Befehle seien für den Empfänger nicht nur unangenehm zu hören, es mangle ihnen auch an sprachlicher Komplexität, sagt Suskind. Der Lerngehalt für das Kind? Null. Wer für geistige Anregungen sorgen wolle, animiere sein Kind stattdessen, eigene Überlegungen anzustellen. «Statt dem Kind zu befehlen, seine Spielsachen wegzuräumen, können wir ihm zum Beispiel eine Frage stellen», sagt Suskind. «Was machen wir jetzt mit den Sachen, da wir fertig gespielt haben? Richtig! Wir räumen sie weg, bravo.»
Statt alles vorzugeben, sollten Eltern versuchen, ihrem Kind Optionen anzubieten, es auch nach der eigenen Meinung fragen. Das könne etwa bedeuten, es in Anspielung auf das Wetter zu fragen, welchem Kleidungsstück es den Vorzug geben wolle. «Indem das Kind über- legen und Dinge gegeneinander ab- wägen muss, trainiert es nicht nur die sprachlichen Fertigkeiten», sagt Suskind, «es übt sich auch in Selbstregulation.»

Wie Sprache soziale Fähigkeiten stärkt

Selbstregulation bedeutet, vereinfacht gesagt, die Fähigkeit, die eigenen Impulse und Bedürfnisse so zu steuern, dass zielgerichtetes Handeln möglich ist. So sollte ein Schulkind etwa in der Lage sein, seine Unlustgefühle so weit zu unterdrücken, dass es den Unterricht nicht stört. Es muss lernen, kurzfristige Bedürfnisse (die Lust, gerade jetzt einen Kaugummi zu kauen) längerfristigen Zielen (vom Unterricht etwas mitbekommen) unterzuordnen. Ausschlaggebend für den Lernerfolg des Kindes ist schliesslich die Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, ohne sich ablenken zu lassen. Das gelingt nur durch Selbstregulation. Mangelt es Kindern daran, sind ihre Lernaussichten düster, darin sind sich Forscher einig.
Kein Computer, kein Fernseher und kein Wörterpauken ersetzt familiäre Gesprächskultur.
Auch hier liegt es an den Eltern, ihren Kindern auf die Sprünge zu helfen – genau: durch Sprache. Bereits in den Dreissigerjahren stellte der russische Psychologe Lev Vygotsky fest, dass die sprachlichen Fertigkeiten eines Kindes seine Fähigkeit zur Selbstregulation massgeblich beeinflussen.
 
«Die heutige Forschung unterstützt seine Theorie», sagt Suskind. So zeigten Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung, sei diese durch Hörprobleme oder eine Umgebung mit wenig sprachlichen Anregungen bedingt, häufiger auffälliges Sozialverhalten, das mit einer unterentwickelten Selbstregulation zu erklären sei.
 
Auch das Gegenteil treffe zu: So hätten Studien mit Kleinkindern gezeigt, dass sprachliche Fördermassnahmen nicht nur den Wortschatz, sondern auch ihre sozialen Fähigkeiten verbesserten. «Am deutlichsten war der Effekt bei Knaben, die häufiger Mühe haben mit Selbstkontrolle, und bei Kindern aus armen Familien», sagt Suskind. 
Im Gehirn sind die Fähigkeiten zur Selbstregulation im präfrontalen Kortex lokalisiert. «Darin liegt die Krux», weiss Suskind. «Vom Zeitpunkt unserer Geburt an ist diese Region in höchstem Mass anfällig für Angst- und Bedrohungsgefühle. Aus der Forschung wissen wir, dass ein familiäres Umfeld, welches von Stress, emotionaler Kälte und einer negativen Gesprächskultur geprägt ist, die Entwicklung des präfrontalen Kortex hemmt.»

Nichts geht über den sozialen Austausch

Die Forschung sagt uns zudem, dass kein Computer, kein Fernsehen, kein Wörterpauken die familiäre Gesprächskultur ersetzen können, wenn es um die Gehirnentwicklung geht. «Ungleich einem Krug, der behält, was man hineingiesst, verhält sich das frühkindliche Gehirn wie ein Sieb, wenn zwischenmenschlicher Kontakt fehlt», sagt Suskind. «Der direkte soziale Austausch zwischen einem Baby und seiner Betreuungsperson ist ein Schlüsselfaktor, damit Spracherwerb – und Lernen überhaupt – gelingt.» 
Bewiesen hat das unter anderem die renommierte Sprachwissenschaftlerin Patricia Kuhl. In ihrem Labor konfrontierte sie neunmonatige Babys aus amerikanischen Familien mit der Sprache Mandarin. Während die Hälfte der Babys vor Video- und Tonaufzeichnungen gesetzt wurden, in denen eine Frau in mütterlich-sanftem Ton zu ihnen sprach, hörten die anderen die gleichen Worte von «echten» Tutorinnen, die sich von Angesicht zu Angesicht mit ihnen unterhielten.

Bereits nach zwölf Besuchen im Labor erkannten diese Babys die spezifischen Laute der chinesischen Sprache. Bei den Babys, die Mandarin nur via Aufzeichnung gehört hatten, war derweil nichts hängengeblieben.

Dieses Experiment, sagt Suskind, gehöre zu ihren liebsten. Es demonstriere eindrücklich, worauf sie mit ihrer Mission herauswolle. «Jedes Wort, das wir sagen, ist ein Baustein für das Gehirn unserer Kinder», sagt sie. «Ich will, dass diese Botschaft dereinst ins Grundwasser einsickert.»

«Thirty Million Words» oder die Macht der Sprache

Die Chicagoer Medizinprofessorin Dana Suskind will Eltern zeigen, wie sie allein durch ihre Sprache die geistige Entwicklung ihrer Kinder fördern und damit ihre Zukunfts­ perspektiven verbessern können. 2009 rief die dreifache Mutter die Thirty Million Words Initiative (TMW) ins Leben, ein Eltern­ bildungsprogramm, das sich an Mütter und Väter aus unter­ privilegierten Familien richtet. Hinter TMW steht ein inter­ disziplinäres Team von Experten aus den Bereichen Medizin, Sprach­wissenschaft, Psychologie und Pädagogik, das Erkenntnisse aus der Forschung in alltagstaugliche Anregungen für Eltern und Erziehende übersetzt. Derzeit läuft in Chicago ein Pilotprojekt zur Initiative, dereinst soll es Aufschluss geben darüber, ob Suskinds Pro­gramm Kindern aus benachteiligten Familien langfristig bessere Bildungsperspektiven ermöglicht.

Die drei Grundpfeiler des Spracherwerbs 

Sprache nährt das frühkindliche Gehirn. Darum ist es wichtig, dass Eltern möglichst viel mit ihren Kleinkindern und Babys sprechen – dabei kommt es aber auch auf die Art und Weise an, wie neuste Forschungsergebnisse zeigen. Die inhaltlichen Hauptpfeiler der Thirty Million Words Initiative sind darum die «drei T», Empfehlungen, wie Eltern optimale sprachliche Anregungen schaffen:
Tune In (Stellen Sie sich auf das Kind ein)
Beobachten Sie, wofür sich Ihr Baby oder Kleinkind gerade interessiert, und sprechen Sie mit ihm darüber, selbst wenn es Ihre Worte noch nicht versteht. Manchmal wird das Kind seinen Fokus schnell ändern – lassen Sie sich darauf ein. Vielleicht hat das Kind nach zwei Minuten keine Lust mehr auf das Buch, das Sie sich gemeinsam anschauen, und beginnt stattdessen, Klötze zu stapeln. Animieren Sie es in seinem neuen Spiel, kommentieren Sie es. «Wenn Eltern beim Spiel den Fokus des Kindes übernehmen, statt seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken», sagt Dana Suskind, «regt das die Entwicklung seines Gehirns an. Es kann die Lernerfahrung verarbeiten, ohne dass es Energie dafür aufwenden muss, auf eine andere, weniger interessante Tätigkeit umzuschalten.»

Talk More (Reden Sie mehr)
Sprechen Sie mit Ihrem Baby, und zwar ab Tag eins. Erzählen Sie ihm, was Sie gerade machen, beim Wickeln, Füttern oder Baden. «Diese Konversationen hören sich für Aussenstehende verrückt an», lacht Suskind, «aber sie sind wichtig. So speichert das Kind nach und nach die wiedergegebenen Laute und reiht sie irgendwann zusammen.» Sagen Sie dem Baby, was es in seiner Hand hält, erklären Sie ihm, wozu der Gegenstand gut ist, schauen Sie gemeinsam nach, wo sich noch andere Dinge verstecken. Wenn es die Arme nach Ihnen ausstreckt, fragen Sie es, ob es hochgenommen werden will, bevor Sie es auf den Arm nehmen. Irgendwann wird es die Verbindung zwischen Wort und Geste machen. Wenn das Kind Ein­-Wort­-Sätze übt, etwa «Ball» sagt, zeigen Sie sich erfreut und erweitern Sie sein Wort zu einem Satz: «Du willst mit dem Ball spielen?» «Indem sie seine Wörter erweitern, anreichern oder auch einmal in einem anderen Kontext verwenden», sagt Suskind, «ermutigen Eltern ihr Kind zu einer noch detaillierteren Kommunikation. Sie machen ihm Lust auf Sprache.»

Take Turns (Achten Sie auf Gegenseitigkeit)
Ermutigen Sie Ihr Kind, sich Ihnen mitzuteilen. Das verlangt jedoch, dass Sie seine Reaktion oder Antwort auch abwarten können. Kinder, die das Sprechen lernen, brauchen häufig eine Weile, bis ihnen das passende Wort einfällt. Widerstehen Sie der Versuchung, es ihm vorwegzunehmen, sonst ersticken Sie den Eltern­-Kind­-Austausch womöglich im Keim. Stellen Sie Ihrem Kind ausserdem Fragen, die es nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten kann, setzen Sie vielmehr auf «Wie» und «Warum». «Offene Fragen bemühen nicht nur den Wortschatz des Kindes, sie halten eine Konversation auch eher am Laufen», sagt Suskind. «Ausserdem eignen sie sich wunderbar dafür, um überhaupt ins Gespräch zu kommen.»

Thumbnail virginia nolan sw
Virginia Nolan redet viel und gerne – und findet es ganz praktisch, dass sie mit ihrer kleinen Tochter jetzt quasi die wissenschaftliche Legitimation dazu hat.  

1 Kommentar

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Von Julia am 25.06.2017 08:08

Vielen Dank, toller Artikel.

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