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Elternbildung

Wie streitet man richtig?

Konflikte kommen in jeder Familie vor und sind nichts Schlechtes. Entscheidend ist die Art und Weise, wie ein Streit ausgetragen wird. Wie Konflikte entstehen, wie wir sie beenden und warum sie uns weiterbringen.
Text: Sandra Casalini  
Bilder: Anne Gabriel-Jürgens, Ornella Cacace, Christian Nilson / 13 Photo

Was ist ein Konflikt und wie entsteht er?

Ein Konflikt ist eine «schwierige Situation infolge des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Interessen, Forderungen und Meinungen.» So umschreibt der Duden das Wort «Konflikt». Wie aber entsteht aus einer alltäglichen Meinungsverschiedenheit ein Konflikt? «Indem man gewahr wird, dass die Bedürfnisse und Ziele einer anderen Person den eigenen Zielen oder Bedürfnissen im Weg steht», sagt Familienforscher Dominik Schöbi, Direktor des Institutes für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg.
 
Sprich: Wenn die Mutter die Unordnung im Zimmer der Tochter als «Puff» empfindet, während sie sich dort vollkommen wohl fühlt, haben sie per definitionem noch keinen Konflikt. Dieser entsteht erst dann, wenn die Mutter der Tochter befiehlt, sofort aufzuräumen, sie aber weiter am Handy chatten möchte. Die Tochter wird also gewahr, dass das Bedürfnis ihrer Mutter nach sofortiger Ordnung ihrem eigenen Bedürfnis (Chatten) im Weg steht. 

Warum eskalieren Konflikte?

Ist die Konfliktsituation erst einmal da, geht es meist nicht mehr nur um deren Auslöser – das «Puff» im Zimmer – sondern je länger, je mehr um eine ganze Palette an Gefühlen, von Unsicherheit über Ärger bis hin zu unkontrollierbarer Wut: «Unsere psychischen Fähigkeiten werden wesentlich eingeschränkt, wenn wir unter Druck, Spannung und Stress stehen, wie das bei einem Konflikt der Fall ist», sagt Konfliktforscher Friedrich Glasl.

«Unsere Wahrnehmungsfähigkeit, unser Denkvermögen, unser Umgang mit Emotionen und auch das Bewusstsein für das, was uns treibt, werden einseitig. Das führt zu immer einfältigeren Handlungsmustern auf beiden Seiten. Wir fallen in alte Muster zurück, die eigentlich nicht mehr zu unserem jetzigen Entwicklungsstand passen.» Die Mutter reagiert auf die Weigerung der Tochter, aufzuräumen, indem sie laut wird, weil sie das aus ihrem eigenen Elternhaus so kennt. Die Tochter bricht daraufhin in Tränen aus, wie sie das als Kleinkind tat.

Worüber streiten Familien?

Tatsächlich ist Unordnung laut einer aktuellen Studie des österreichischen Institutes für Familienforschung das Thema Nummer eins, wenn es zu Diskussionen zwischen Eltern und ihren Kindern kommt. Fast ein Viertel aller Mütter und Väter geraten regelmässig in Rage, wenn es um die Unordnung im Haus geht. An zweiter Stelle kommt der Medienkonsum: In fast 20 Prozent der Haushalte wird darüber gestritten. 

Medien sind auch im Haus von Autorin Stephanie Schneider ein grosses Thema. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen in ein Buch verpackt: «Der kleine Streitberater». Das Schreiben habe Mut gebraucht, sagt die Mutter von zwei Töchtern im Teenageralter. «Über Streit wird nicht so gern geredet.» Und darüber, dass man als Elternteil manchmal hilflos ist, schon gar nicht.

Gerade was den Medienkonsum angeht, lasse sich eine gewisse Hilflosigkeit kaum vermeiden, sagt Schneider. «Es gibt fast keine festen Werte und Orientierungen in Sachen neue Medien und Kinder oder Jugendliche. Dazu kommt, dass die Kinder uns meistens haushoch überlegen sind im Umgang mit der virtuellen Welt.» Und nicht zuletzt seien die Eltern selbst oft kein be­­sonders gutes Vorbild. «Was sollen Eltern ihren Kindern Vorschriften machen, an die sie sich selbst nicht halten?»

Gemäss der österreichischen Studie regen sich Männer über andere Dinge auf als Frauen. Während sich Väter mit ihren Kindern gern über Gehorsam und Freizeitgestaltung streiten, ist das für Frauen kaum ein Grund für Konflikte. Mütter diskutieren über das Einhalten von Schlafenszeiten – für keinen einzigen Vater ein Problem – oder die Mithilfe im Haushalt (worüber sich gerade mal 0,3 Prozent der Männer nerven). Eine ausführliche Liste über die häufigsten Streitpunkte finden Sie am Ende dieses Artikels.
Zuhören und Ich-Botschaften senden. So funktioniert streiten.
Zuhören und Ich-Botschaften senden. So funktioniert streiten.

Wann lohnt es sich zu streiten?

«Kleinere, unwichtigere Konflikte werden oft durch Einlenken der einen Seite beendet», sagt Familienforscher Dominik Schöbi. «Bei grundlegenderen Auseinandersetzungen braucht es mehr. Vor allem Einsicht: Die Sichtweise des anderen sehen und akzeptieren – ohne dass man sie teilen muss. Wenn der andere sieht, dass auch die eigene Sichtweise wahrgenommen wird, können eher Zugeständnisse ge­­macht werden.»

Ein länger andauernder oder wiederkehrender Konflikt weist laut Schöbi häufig darauf hin, dass sich die Beteiligten nicht ausreichend mit der Sichtweise und den Bedürfnissen des anderen auseinandersetzen. Das wäre jedoch notwendig, um Kompromissbereitschaft oder eine ein­­vernehmliche Lösung zu erreichen, aber auch, um die Sachlage neu zu beurteilen, so dass jemand bereit ist, nachzugeben.
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Wie gefährlich sind Drohen und Schimpfen?

Wenn jemand schnell mit starken negativen Gefühlen wie Ärger reagiere, versuche, den Konfliktpartner durch Sanktionen, Gewalt oder sehr negatives Verhalten zum Einlenken zu bringen, oder Interaktion und Gespräche verweigere, sei das unmöglich, sagt Schöbi. Signalisiert die Mutter Verständnis für die Bedürfnisse der Tochter, macht aber auch auf ihre eigenen aufmerksam, ist die Tochter eher zu einem Kompromiss bereit, als wenn die Mutter sie mit Anschuldigungen und Drohungen konfrontiert. 

«Sich dem Diktat einer Person zu unterwerfen, die sich nicht einmal bemüht, einen zumindest etwas zu verstehen, kann psychologisch höchst bedrohlich sein. Vor allem in einer Entwicklungsphase, in der die eigene Individualität zentral ist», so Dominik Schöbi.
Eine solche Erfahrung kann destruktiv und selbstwertschädigend sein – und die Beziehung zu den Eltern nachhaltig belasten.

Gerade die Adoleszenz, wenn sich die Kinder von den Eltern lösen, ist eine solche Phase. «Wenn diesen Prozessen zu wenig Raum und Flexibilität gegeben wird, kann es auch mal zu extremem Verhalten kommen», so Familienforscher Schöbi. «Eltern müssen dazu übergehen können, nicht mehr für die Kinder Entscheidungen zu treffen, sondern diese in der Entscheidungsfindung zu lenken und zu unterstützen.» 

Warum ist die Wertschätzung so wichtig?

Sich wertgeschätzt zu fühlen, sei ein wichtiges Bedürfnis von Kindern, sagt Dominik Schöbi. Und das stehe bei Konflikten auf dem Spiel. Umso wichtiger ist es, Diskussionen zwischen Eltern und Kindern nicht entgleiten zu lassen. 

Britta Went vom Elternnotruf ist oft mit genau solchen Situationen konfrontiert. «Wenn böse Worte und Drohungen ausgesprochen werden, verwandelt sich ein Konflikt in etwas Destruktives», sagt Went. «Man unterstellt dem Kind böse Absichten. Das ist verheerend, denn Eltern bekleiden für ihre Kinder die Rolle als fürsorglicher und zuverlässiger Partner.» Wenn sie diese nicht mehr erfüllen, kommt die ganze Welt des Kindes ins Wanken. 

Wie löst man Konflikte?

Eine allgemeingültige Methode zur Konfliktlösung zwischen Eltern und Kindern gibt es nicht. Wohl aber ein Modell, das in seinen Grundzügen im Alltag anwendbar und durchaus erfolgversprechend ist. Entworfen hat es der amerikanische Psychologe Thomas Gordon (1918–2002).

Das wohl bekannteste Buch des mehrfach ausgezeichneten Psychologen trägt den Titel «Die Familienkonferenz». Gordon entwickelte spezifische Trainingskurse für Eltern und Erziehungspersonen, die heute weltweit angeboten werden. «Das Modell ist sehr schlicht und deshalb erfolgreich», sagt Priska Wenk vom Verein Gordon-Training Schweiz. «Zuerst müssen wir evaluieren, wer überhaupt ein Problem hat. Oft machen wir nämlich das Problem des Kindes zu unserem.»
 
In diesem Fall, so Wenk, müsse man das Kind unterstützen, selbst eine Lösung zu finden. «Habe hingegen tatsächlich ich ein Pro­blem, geht es darum, wie ich meinem Gegenüber sage, dass ich mit seinem Verhalten nicht einverstanden bin, ohne unsere Beziehung zu stören.»
Gerade in der Adoleszenz wichtig: Das Gefühl, dass man verschiedener Meinung sein darf, ohne dass die Beziehung leidet.
Gerade in der Adoleszenz wichtig: Das Gefühl, dass man verschiedener Meinung sein darf, ohne dass die Beziehung leidet.

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