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Elternbildung

Mobbing beginnt nicht in den Köpfen der Kinder

Wenn in einer Schule überdurchschnittlich häufig gemobbt wird, ist der Grund oft ein Führungsproblem. Jesper Juul über fehlendes Selbstwertgefühl von Jugendlichen und die Herausforderung an Lehrkräfte, mit ihrem Verhalten Mobbing zu verhindern.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Dem Thema Mobbing in Schulen und auf sozialen Netzwerken wurde in den letzten zehn Jahren in ganz Europa viel Beachtung geschenkt. Dieser Artikel konzentriert sich auf Mobbing in Schulen. Von diversen Seiten der Gesellschaft wurden bisher verschiedenste Methoden und Programme entwickelt, aber gemäss unserem heutigen Stand (Schweden hat fundierte Nachforschungen betrieben) haben diese bisher weder eine präventive Wirkung gezeigt noch das Mobbingproblem gelöst.

Im Gegenteil: Man hat festgestellt, dass die Mobbingraten in den ersten ein bis zwei Jahren zwar zunächst sanken, danach stiegen diese jedoch auf ein noch höheres Niveau als vor dem Start der Programme und Kampagnen. Millionen wurden verschwendet, und die Kinder wurden einmal mehr alleingelassen. Mobbingopfer erhalten ausser moralischer Unterstützung meistens keine weitere Hilfe, und viele Eltern entscheiden sich, neue Schulen für ihre Kinder zu finden. Kinder, die mobben, werden auf verschiedene Weisen bestraft. Dies führt tendenziell dazu, dass sich das Verhalten dieser Kinder sogar noch verschlimmert.

Beide Gruppen erhalten keine Alternativen, um mit sich selbst und anderen umzugehen. Wie die Lehrer, so die Schüler Das grundlegende Missverständnis hinter den meisten Kampagnen ist die Annahme, dass Mobbing in den Köpfen der Kinder beginnt, was aber nicht der Fall ist. Es ist korrekt, dass Kinder die Fähigkeit haben, gemein und scheusslich zueinander zu sein. Entscheidend dafür, ob dies geschieht oder nicht geschieht, ist jedoch einzig und alleine die Führung durch die Erwachsenen.

Auch Lehrer und Lehrerinnen mobben untereinander

Im gleichen Masse widerspiegelt Mobbing am Arbeitsplatz die Qualität der Führung in einem Betrieb. Aus unseren klinischen Erfahrungen wissen wir, dass in Schulen, in welchen häufiges Mobbing zwischen Kindern betrieben wird, auch Mobbing unter Lehrpersonen stattfindet. Der einzige Unterschied besteht darin, dass intelligente Erwachsene sehr subtile Wege verwenden, um andere schlechtzumachen; Wege, die nicht so leicht bewiesen werden können. Mobbing ist eine Reaktion auf ein dysfunktionales soziales System in Institutionen und Organisationen. Die wichtigste Führungskraft in Schulen ist die Schulleiterin oder der Schulleiter. Ihr/sein Führungsstil, ihre/seine Werte und Prinzipien spiegeln sich im Verhalten der meisten Lehrpersonen wider. Auch die Eltern tragen einen wichtigen Teil zum Ganzen bei: die Art und Weise, wie sie ihre Kinder erziehen, und die Art und Weise, wie sie eingeladen werden, eine konstruktive Rolle in der Schule zu spielen – und nicht nur kontaktiert zu werden, um sich Beschuldigungen über die eigenen Kinder anzuhören.

Wenn in einer Institution überdurchschnittlich häufig gemobbt wird, liegt dem ein Führungsproblem zugrunde, was eine grosse Herausforderung darstellt. Um diesen Aspekt der Kultur in spezifischen Schulen umzuwandeln, muss mit der Herstellung eines konstruktiven Denkrahmens unter Lehrpersonen begonnen werden. Meistens benötigen diese eine Auffrischung in Entwicklungs- und Sozialpsychologie (Beziehungskompetenz) sowie ein adäquates Führungstraining. Keines von beidem ist meines Wissens in der Lehrerausbildung enthalten.

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10 Kommentare

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Von Kido am 20.05.2017 17:09

Könnte es nicht sein, dass die heutigen Strukturen, die Organisation und Hierarchien in den Schulen geradezu Mobbing fördern, wenn Frust, Versagensängste, Neid aber auch Zuwendungen, wie Zuneigung, Liebe und Zärtlichkeit unter diesen Bedingungen nur sehr bedingt ausgelebt und aufgefangen werden können?

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Von Marie am 17.05.2017 10:19

Lieber Jesper Juul! Ihr Artikel spricht mir aus dem Herzen.
Ich muss jetzt Mal was loswerden: Wir- mein Mann und ich versuchen aus Überzeugung, unsere Tochter so zu erziehen, dass sie versteht dass alle Menschen auf diesem Planeten gleich viel wert sind. Und dass man kurz gesagt einfach nicht gemein sein soll, keinen anderen verletzen darf und für schwächere einstehen soll. Nicht nur in der Schule, bereits jetzt im Kindergarten fällt uns auf, dass diese Einstellung der Großteil der Kinder nicht mitbringt, von den Eltern ganz abgesehen. Das ärgert mich! Da gibt's kleine Monster-tyrannen und Ar...kinder - ja die gibt's tatsächlich. Und ich frag mich ehrlich gesagt wie die mal werden in der Schule... Es werden ihnen keine Grenzen gesetzt und sie behandeln andere nicht wie gleichwertig sondern eben "minderwertig". Die Pädagoginnen tun sich anscheinend auch schwer diese Problematik in den Griff zu bekommen. Gerade deswegen finde ich es wichtig dass wir als Eltern und Pädagogen den Kindern Mut zu sprechen. Kinder wissen eigentlich instinktiv ob es richtig oder falsch ist was sie tun. Und wenn sie andere gemein oder falsch behandeln, ist es UNSERE Aufgabe ihnen zu zeigen, wie man es richtig macht. Wenn Eltern und Pädagogen hier die Augen verschließen, werden diese Kinder weitermobben. Meine Ansicht- manches sollten sich Kinder eben nicht "untereinander ausmachen" ( das ist übrigens der Lieblingsspruch von Eltern, deren Kinder mobben)...

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Von Christa am 23.03.2017 05:48

Sehr guter Bericht ! Ich arbeite in der Schule am Mittagstisch..kenne das Problem von Mobbing hier weniger...wenn ich jedoch sehe und höre dass andere Kinder "schlecht geredet" werden, greife ich sofort ein ! Wir diskutieren dann offen über diese Situation und suchen nach Lösingen !

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Von deriba am 22.03.2017 08:56

Ja; alles ganz nett. Bloss die empfindlichen Kinder machen aus ner Mück nen Elefant. Merken aber auch nicht, wenn es zu viel ist und man aufhören sollte. Mobbing ist der neuzeitliche Trump(trotz)ismus etwas zu erreichen, das mit legalen Mitteln nie erreicht werden kann!

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Von Luzia am 17.03.2017 21:21

Toller Beitrag! Frage: Wie sollen Eltern damit umgehen wenn sie meinen,dass sich die Kinder untereinander 'mobben'?Gibt's das überhaupt? Strafen und Anzeigen sind sicher keine Lösung, oder? Kinder suchen meist Aufmerksamkeit, Anerkennung, usw auf ihre Art - liegt doch meist im Rahmen der Eltern, oder liege ich da falsch?

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Von Christoph am 16.03.2017 20:18

Ein Führungsproblem. Wer ist zuständig?

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Von Beatrice am 16.03.2017 18:38

Kinder müssen sich geschätzt und sicher fühlen ... allein dieser kleine Nebensatz ist so wichtig im Zusammenleben mit Kindern und Erwachsenen. Es fällt mir immer schwerer in den letzten Jahren, zuzusehen, wie genau das oft nicht der Fall ist im schulischen Rahmen. (Privat kommt es natürlich auch vor ...)
Vielen Dank für die Beiträge!
Beatrice Lührig

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Von Maria am 21.01.2017 22:22

Vielen Dank für Ihren Artikel.
Ich musste meine Kindern aus der Quartierschule herausnehmen. Sie gehen beide in eine Privatschule die der Respekt am 1. Linie wichtig ist. Meine beide haben sich sehr positiv verändert und haben wieder Freude am Lernen.
In der Quartier Schule habe ich das Gespräch zum Lehrer gesucht...ich bin zu den Sozialarbeiterin, suchte hilfe in eine Institution.... Sprach mit anderen Eltern (die meisten wussten nichts davon) ausser eine Person konnte niemand mich helfen. Die Schulsozialarbeiterin konnte mich nur dazu raten, das Kind so schnell wie möglich aus der Schule zu nehmen....mit der Zeit hatte ich keine Kraft mehr und nahm das Kind aus der Schule. Es sind noch mehrere Kinder gegangen.
Es ist über ein Jahr her. In dieser Schule hat sich nichts verändert. Keiner schaut hin was passiert. Gerade diese Woche wurden einige kleine Kindern geplagt... Das ganze Schulhaus weisst davon. Eltern wurden nicht informiert.
Mir tut es immer noch weh, das mein Kind gehen musste damit sie endlich wieder glücklich wird und spass am Lernen hat..... Das Problem in dieser Schule ist geblieben.
Wieviel sollen die Kindern noch Leiden.
Ich denke für die Täter und die Opfer ist eine Belastung..... Ich denke nicht dass die Kindern die Agressionen gegen andere üben glücklich sind.... und die Welt schaut nur zu!!!!

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Von Manuela am 23.05.2016 10:44

Besten Dank für diesen Artikel. Ich habe ihn zur Seite gelegt. Unser Sohn wird seit Schuleintritt gemobbt. Ein Klassenwechsel half nicht und Ende letztes Jahr mussten wir ihn in eine Privatschule geben, was uns jedoch finanziell sehr stark belastet. Nach den Sommerferien ist ein Wechsel in die Oberstufe - zurück in unser Dorf geplant, da wir die Privatschule einfach nicht weiter finanzieren können. Wir können jedoch glücklicherweise feststellen, dass unser Sohn in der Privatschule viel dazulernen konnte, wieder Freude am Lernen gefunden hat, sein Selbstwertgefühl wieder aktivieren und stärken konnte. Wir hoffen ganz fest, dass die Rückkehr in die Volksschule nicht erneut zum Disaster wird. Unterdessen ist der Schulleiter pensioniert worden - vielleicht kann der neue Schulleiter die Lehrpersonen wieder mehr zur Teamarbeit motivieren. Schön wäre, wenn diese Schulgemeinde das Thema Mobbing endlich ernst nehmen würde, denn ich kenne einige Kinder, die auch gemobbt werden. Leider behandelt die Schulleitung jeden Fall als Einzelfall...

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 23.05.2016 12:22

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar und für Ihren Sohn alles Gute!

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