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Elternbildung

Mein Kind ist ein Minimalist!

Manche Kinder und Jugendliche sind nicht bereit, sich anzustrengen. Sie machen nur das Allernötigste. Woran liegt das? Was Eltern wissen müssen – und was sie tun können (und lassen sollten).  
Text: Fabian Grolimund
llustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren 
Beim Thema Minimalismus sind mir im Gespräch mit Eltern und Jugendlichen immer wieder einige Muster begegnet. Keinesfalls möchte ich behaupten, dass diese Muster auf jedes Kind zutreffen – aber weil sie spannend sind und Sie vielleicht ebenso zum Nachdenken anregen wie mich, möchte ich sie mit Ihnen teilen. Doch zunächst ein versöhnliches Wort zu diesem Thema.

Ab und zu sollte eine Phase der Faulheit möglich sein

Mir ist aufgefallen, dass Eltern und Lehrpersonen sehr stark vom momentanen Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen auf dessen Charakter und Zukunft schliessen. Ganz nach dem Motto: «Wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz!» 

Ganz oft geht es aber nicht so weiter. Viele schulisch starke Kinder sind in der Primarschule Minimalisten, werden aber fleissiger, sobald die Anforderungen steigen. Andere interessieren sich während der Pu­­bertät für alles ausser für die Schule und haben ein, zwei Jahre einen Durchhänger. In der Lehre, im Studium oder auch erst als Dreissigjährige geben sie plötzlich Vollgas.

Wieder andere sind die gesamte Schulzeit fleissig, leistungsorientiert und glänzen mit guten Noten – und erleben danach einen kompletten Einbruch. Manche von ihnen haben nach der Schule den permanenten Druck so satt, dass sie im Studium nicht vorankommen, auf ziemlich ungesunde Weise «das Leben nachholen» müssen oder sich im Berufsleben nicht zurechtfinden.

Mein Rat wäre daher: Betrachten Sie die Situation mit mehr Distanz. Fragen Sie sich, wie bedeutsam der momentane Durchhänger auf das gesamte Leben Ihres Kindes gesehen ist. Manchmal werden sie zum Schluss kommen, dass es wirklich wichtig wäre, dass Ihr Kind sich genau jetzt anstrengt – weil es beispielsweise die Lehrabschlussprüfungen vor sich hat und sich mit diesem Zeugnis bewerben muss. Dann sind Gespräche mit dem Kind wichtig. In anderen Fällen werden Sie erkennen, dass ihr Kind momentan einen Hänger haben darf, ohne schlimme Folgen fürchten zu müssen. 

Wenn Ihr Kind aber über längere Zeit nicht bereit ist, sich zu bemühen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Vielleicht hat sein Verhalten auch etwas mit Ihnen zu tun.
So lange man wenig tut, besteht immerhin die Möglichkeit, als Genie durchzugehen...
Denkweise eines Minimalisten
  • «Du könntest viel mehr, wenn du nur wolltest!» 
  • «Er hat so viel Potenzial!»
  • «Sie hat es halt auch nicht nötig, zu lernen.»

Solche Aussagen höre ich von Eltern immer wieder, wenn sie über ihren kleinen Minimalisten sprechen. Dabei lässt sich oft heraushören, dass die Eltern viel Wert auf Begabung und Intelligenz legen. Es schwingt fast immer ein wenig Stolz mit, wenn sie erzählen, wie «faul» ihr Kind ist und dennoch gute Noten nach Hause bringt.
 
Die Ansicht, dass das Kind viel mehr könnte, wenn es nur wollte, bringt das Kind in eine schwierige Position: Es kann viel verlieren, wenn es sich mehr anstrengt. Was aber, wenn es gar nicht der erwartete Überflieger wird? Je wichtiger den Eltern das Potenzial des Kindes ist, desto bedrohlicher wird es, dieses auszuschöpfen. Es ist, als würden die Kinder denken: Lieber faul und genial als fleissig und dumm.
 
Solange man wenig tut, besteht zumindest die Möglichkeit, ein Genie zu sein. Was aber, wenn man sich richtig ins Zeug gelegt hat und dennoch nicht brilliert? Ein Student mit einer Aufschiebeproblematik hat es mir einmal so gesagt: «Ich gebe immer nur halbe Kraft – dann kann ich mir sagen, dass ich eigentlich noch viel mehr gekonnt hätte, wenn ich gewollt hätte.»
Die psychologische Forschung konnte diese Problematik mehrfach bestätigen: Wurden Kinder dafür gelobt, dass sie sich angestrengt oder viel geübt hatten, strengten sie sich mehr an. Wurde ihnen gesagt, wie intelligent oder begabt sie sind, waren sie in der Folge weniger be­­reit, sich anzustrengen.

Je mehr Sie Ihrem Kind zu verstehen geben, dass Kompetenzen durch Übung und Training wachsen, desto weniger fühlt es sich von Misserfolgen bedroht und desto entspannter kann es lernen und üben.

«Meine Eltern haben gar kein Leben – so will ich nicht sein!»

Manchen Eltern sind Arbeit und Leistung sehr wichtig. Sie sind beruflich ausgesprochen erfolgreich. Sie bezahlen dafür aber einen Preis, kommen spät nach Hause und verbringen einen Grossteil des Wochenendes mit Arbeit. Nicht selten haben sie Kinder, die zuerst genauso fleissig sind, als Jugendliche aber zu Leistungsverweigerern werden.

Bei Gesprächen mit Jugendlichen – oder auch mit Erwachsenen, deren Eltern sich fast nur auf den Beruf fokussiert haben – habe ich mehrmals Sätze gehört wie «Meine Eltern haben doch gar kein Leben!» oder «Mein Vater hatte nie Zeit für uns, dem war doch immer nur seine Arbeit wichtig!». Nicht selten sagen sich diese Jugendlichen: «So werde ich nie!»
Was folgt, ist aber oft kein goldener Mittelweg, sondern eine klare Absage an den Weg ihrer Eltern.

Wenn Sie sich und Ihr Kind in dieser Beschreibung entdecken: Sehen Sie das Verhalten Ihres Kindes als Spiegel. Vielleicht haben Sie bisher zu Ihrem Jugendlichen ge­­sagt: «Du musst aufwachen und lernen, was es heisst, ein Erwachsener zu sein.» Es wäre zumindest eine Überlegung wert, ob Sie diese Art Er­­wachsener wirklich sein möchten und müssen – oder ob es nicht schön wäre, wenn Ihr Kind sich eine Scheibe von Ihnen und Sie sich eine Scheibe von ihm abschneiden. Wenn Sie dabei den ersten Schritt machen, wird Ihr Kind leichter einen Schritt auf Sie zu machen können.

Je mehr es Ihnen gelingt, Ihrem Kind vorzuleben, dass Arbeit erfüllend ist, Sie gerne arbeiten und andere wichtige Bereiche des Lebens aufgrund der Arbeit nicht zu kurz kommen lassen, desto weniger Angst müssen Sie haben, dass Ihr Kind zum Leistungsverweigerer wird. 
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Wie sollen Kinder in einem System erfolgreich sein, das die Eltern verachten?
Neben Eltern, die sehr leistungsorien­tiert sind, klagen auch Eltern über den Minimalismus ihrer Kinder, die selbst sehr wenig fordern und den Druck in der Schule als unangemessen empfinden. Sich gleichzeitig zu beklagen, dass «die Kinder heute gar nicht mehr Kind sein dürfen!», ständig die Schule zu kritisieren und gleichzeitig zu fordern, dass das Kind sich anstrengt, passt für das Kind schlicht nicht zusammen. Es ist für Kinder schwierig, in einem System erfolgreich zu sein, das die Eltern verachten. 

Eine Lösung könnte sein, für das Kind eine Schule zu suchen, die den eigenen Vorstellungen mehr entspricht. Eine andere, die eigenen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen und positive Aspekte an der Schule und der Lehrperson des Kindes stärker wahrzunehmen.

Zum Autor:

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 36-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 3, und einer Tochter, 11 Monate. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg. www.mit-kindern-lernen.ch / www.biber-blog.com

Fabian Grolimund schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi. Interesse an weiteren spannenden Themen rund um Eltern, Kinder und Jugendliche?
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2 Kommentare

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Von Kerstin am 21.10.2016 10:07

Danke für den "Spiegel"! War für mich in der momentanen Situation sehr hilfreich.

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Von Gelsy am 19.10.2016 21:25

Sehr interessant...

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