Jesper Juul: Die Grenzen der Kinder achten
Elternbildung

Die Grenzen der Kinder achten

Kinder signalisieren ihren Eltern, was sie mögen und was nicht. Und ihre Integrität sollten Mütter und Väter wahren. Sie sollten aber auch ihre eigenen Grenzen deutlich machen.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Die Integrität eines Kindes zu achten, bedeutet zweierlei: die Grenzen des Kindes zu respektieren und seine elementaren Bedürfnisse anzuerkennen. Die Grenzen des Kindes kannst du kennenlernen, indem du dein Kind einfach nur beobachtest. Von der Geburt bis zum siebten Monat kann es nur dann im Dialog sein, wenn es in einem sehr intimen Kontakt mit dir ist.

Wenn du ein Kind in deinen Armen hältst und nach einer gewissen Zeit guckt es dich nicht mehr an, sondern guckt weg, dann heisst das, dass es ihm reicht. Und wenn du sein Zeichen nicht verstehst oder respektierst, dann wird es als Nächstes den ganzen Kopf von dir abwenden. Und diese Geste heisst gewiss nicht «Ich will mehr!», sondern «Ich brauche eine Pause!». Nach einer Pause kannst du dann wieder in Kontakt treten. Wenn du aber auch diese Geste übergehst, dann solltest du dich nicht wundern, dass das Kind anfängt zu schreien.

Dies ist eine sehr gute Periode, um beispielsweise selbstkritisch zu verfolgen: Wann tue ich Dinge, um ein guter Vater zu sein, und wann bin ich tatsächlich ein guter Vater, ohne es sein zu wollen? Dein Kind wird es dir sofort signalisieren, wenn du es beobachtest und respektierst. Wenn du es allerdings nicht respektierst, dann wird es sich komplett in seine innere Welt zurückziehen und sich isolieren, oder es wird ohne Unterlass weinen – das sind dann die sogenannten «Schreier».
Wann tue ich Dinge, um ein guter Vater zu sein, und wann bin ich tatsächlich ein guter Vater, ohne es sein zu wollen?
Mit jedem Kind musst du aufs Neue lernen, wo seine Grenzen sind. Manche mögen es, sehr körperlich zu sein, manche nicht: Sie wollen zwar bei dir sein, aber wenn du sie zu fest hältst, gefällt es ihnen nicht. Du als Erwachsener musst beides respektieren und dich je nach dem Bedürfnis des Kindes auf es einlassen. Denn wenn du meinst, du müsstest es immer fest an dich drücken, nur weil dir selbst nach mehr körperlichem Kontakt zumute ist, dann missbrauchst du es.

Authentisch statt höflich sein

Später im Leben lernen wir die Grenzen der anderen kennen, indem wir sie überschreiten. Zu vorsichtig zu sein, ist also nicht angezeigt, aber wir sollten immer dessen gewahr bleiben, was gerade geschieht!

Übrigens gibt es auch da kulturelle Unterschiede. Wenn ich zum Beispiel in Dänemark eine Familie auf der Strasse treffe und ich die Kinder bereits kenne, dann werden sie mich anschauen, und die Eltern werden gleich sagen: «Sagst du nicht Guten Tag?» Die Eltern merken gar nicht, dass sie damit eine Grenze überschreiten, denn die Kinder haben mich angeschaut und haben mir auf diese Weise Hallo gesagt. Ich kenne sie ja und weiss, was sie mir mit ihrem Verhalten mitteilen wollen. Aber die Eltern geraten in Panik, da sie meinen, das würde dem sozialen Standard nicht entsprechen. Auf ein «Hallo, nett, dich zu sehen!» verzichte ich gerne, da sagen mir die Augen der Kinder mehr.

Wenn sich nun dieselbe Situation in Kroatien oder Italien abspielt, wo die Menschen ganz allgemein körperlich zugewandter sind, werden die Eltern die Kinder sogar nötigen, mich zu küssen. Und du kannst es vielen Kindern ansehen, dass sie das gar nicht gerne tun. Also, warum sollten sie mich küssen, und warum sollte ich mich von ihnen küssen lassen wollen? Ich bin ja für sie immerhin ein Fremder und das, was von ihnen erwartet wird, ist ein intimer Akt. Aber die Eltern sehen das anders: Für sie gehört es zur Konvention und ist so etwas wie ein soziales Ritual – sie denken sich dabei gar nichts, sind aber sehr erstaunt, wenn sie von mir hören: «Ich möchte nicht, dass mich die Kinder küssen.» Damit drücke ich dann auch Folgendes aus: Warum sind wir hier? Um ernsthaft miteinander zu reden oder um bloss nett zueinander zu sein?
Kinder unter acht Jahren ­wollen ihre Eltern 24 Stunden am Tag besitzen. Also musst du ihnen Grenzen setzen.
Kinder müssen eine ganze Armee Tanten und Onkel küssen – warum? Auf diese Weise überschreitet man ihre Grenze, denn Kinder wollen einen Unterschied machen: Den einen Onkel mögen sie, den küssen sie dann auch unaufgefordert, aber den anderen nicht. Und wenn du das bei deinen Kindern beobachtest, dann solltest du es respektieren.

Ich sage nicht, du sollst Kinder nicht berühren und in der Angst schweben, du könntest ihre Grenzen verletzen – nein, berühre sie, aber wenn du von ihnen eine ganz bestimmte Botschaft erhältst, dann beachte sie.
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Kinder sollen Grenzen überschreiten

Unsere Grenzen als Eltern wollen übrigens ganz genauso respektiert werden. Zunächst überschreiten Kinder unsere Grenzen dauernd. Und es ist wichtig, dass sie dies tun, denn wie sollten Kinder sonst wissen, was Grenzen sind und dass ein jeder von uns Grenzen hat? Kinder unter acht Jahren wollen ihre Eltern am liebsten 24 Stunden am Tag besitzen. Also musst du ihnen Grenzen setzen und ihnen sagen: «Ich kann mich jetzt nicht mit dir beschäftigen!» Und sie werden nicht lockerlassen und wieder und wieder kommen: «Spiel mit mir!» – Und du musst dabei bleiben: «Ich kann jetzt nicht, aber ich spiele sehr gerne später mit dir!» Durch so eine Aussage verletzt man das Kind nicht, man verletzt es nur, wenn man es kritisiert. Die Kinder sind vielleicht enttäuscht oder gar geschockt, aber sie werden es aufnehmen und integrieren. Es ist anders, wenn du sie dafür verantwortlich machst und für schuldig erklärst: «Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin? Wie kannst du nur, du böser Junge!» So verletzt du sie in der Tat.

Ich erinnere mich noch an folgende Situation vor 50 Jahren: Mein Vater kommt von der Arbeit zurück, er setzt sich an den Tisch und liest seine Zeitung. Nun wollte ich aber als kleiner Junge, dass er mir aus meinem Märchenbuch vorliest. Ich gehe also zu ihm hin, bitte ihn darum, und was geschieht? Er schaut mich nicht einmal an, sondern meine Mutter. Und die weiss sofort, was seine Augen mitteilen: «Nimm ihn weg, er stört mich!» Als «gute Frau» hätte sie mich sogar auf dem Weg zu ihm aufgehalten und mir vorwurfsvoll gesagt: «Siehst du nicht, dass dein Vater Zeitung liest? Du darfst ihn nicht stören!» Solche Sätze verletzen!
Es ist wichtig, dass wir uns im Kontakt mit Kindern von einer sozialen Standardsprache in Richtung persönliche Sprache bewegen.
Früher war es gang und gäbe, dass Kinder dafür, dass sie mit den Erwachsenen Kontakt aufnehmen wollten, zurechtgewiesen wurden. Welch eine furchtbare Mitteilung – du hast deinen Vater zehn Stunden nicht gesehen, und jetzt gehst du auf ihn zu und wirst dafür auch noch beschimpft und zum «schlimmen Jungen» gemacht! Wie sollten Kinder da nicht verwirrt sein? Sind Erwachsene nicht widersprüchliche Wesen? Sie verlangen von dir, dass du fremde Menschen küsst, aber wenn du dich deinem eigenen Vater nähern willst, erlauben sie es nicht. Die Eltern verhalten sich kalt und distanziert und geben dem Kind das Gefühl, es sei fehl am Platz – und das ist das Schlimmste! Deshalb ist es so wichtig, eine persönliche Sprache zu entwickeln – statt «Du störst mich!» zu sagen: «Ich möchte dir jetzt nicht vorlesen!»

Aber auch Erwachsene haben untereinander Schwierigkeiten, eine persönliche Sprache zu sprechen, und werden sehr schnell unpersönlich. Wenn ein Mann das erste Mal mit einer Frau zusammen ist und mehr von ihr will, als sie geben kann, dann flüchtet sie sich hinter den Satz: «Du kannst das nicht tun.» – «Wieso? Wer bist du denn, dass du mir sagst, was ich machen darf?» Oder sie sagt: «Das macht man mit Frauen nicht so!» – «Welches ‹Man› macht das mit Frauen nicht so?» – In so einer Situation können sich Mann und Frau in endlosen Diskussionen verlieren. Wenn die Frau hingegen ganz persönlich sagen würde: «Ich will das nicht!», dann gibt es nichts zu diskutieren – keiner hat recht, ­keiner unrecht. Es ist so, wie es ist! Sie will nicht, und er muss es respektieren.

Es ist sehr wichtig, vor allem im Kontakt zu Kindern, die schliesslich von uns lernen, was Grenzen sind und was Empathie bedeutet, dass wir uns von einer sozialen Standardsprache in Richtung persönliche Sprache bewegen.

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Jesper Juul (1948 – 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt.

Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch

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