Elternbildung

Besorgte Amerikaner, entspannte Schweden

Eine Mehrheit der amerikanischen Eltern hält Arbeitsmoral und Gehorsam für die wichtigsten ­­Werte in der Erziehung. Schwedische Mütter und Väter dagegen setzen bei ihren Kindern auf Unabhängigkeit und Fantasie. Warum ist das so? Zürcher Forscher sagen: Das liegt am sozioökonomischen Umfeld.
Text: Giuseppe Sorrenti
Bild: Pexels
Viele Lebensbereiche unserer modernen Gesellschaft werden sich weltweit immer ähnlicher. Eine der wenigen Ausnahmen bildet jedoch die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen.

In den USA neigen Eltern zum Kontrollwahn: Sie wollen über jeden Schritt im Leben ihres Kindes informiert sein. Skandinavische Eltern wiederum geben ihren Kindern extrem viel Freiraum. Für sie ist es wichtig, dass der Nachwuchs Fantasie, Unabhängigkeit und Neugier entwickelt, und sie mischen sich in der Regel viel we­niger in die Entscheidungen ihrer Kinder ein.
Giuseppe Sorrenti ist Wirtschaftswissenschaftler im Department of Economics und am Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich. Im Januar 2020 wechselt er als Assistant Professor für Mikroökonomie an die ­Amsterdam School of Economics der Universität Amsterdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kinderentwicklung und Humankapitalbildung.
Giuseppe Sorrenti ist Wirtschaftswissenschaftler im Department of Economics und am Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich. Im Januar 2020 wechselt er als Assistant Professor für Mikroökonomie an die ­Amsterdam School of Economics der Universität Amsterdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kinderentwicklung und Humankapitalbildung.
Warum nur unterscheiden sich ­amerikanische und skandinavische Eltern in Bezug auf ihren Erziehungsstil so stark? Und warum bekommt die übermässige Kontrolle in Ländern wie den USA momentan so viel Zuspruch? 
«Wie wir unsere Umgebung wahrnehmen, bestimmt, wie wir unsere Kinder erziehen.»
Matthias Doepke, Fabrizio Zilibotti und ich nutzen in unserer Forschung, die auf verhaltenspsychologischen und soziologischen Er­­­kenntnissen basiert, einen Ansatz aus der Ökonomie, um die unterschiedlichen Erziehungsstile zu erklären. Eltern lieben ihre Kinder und wünschen sich, dass sie glücklich sind. Doch wie man das erreicht, darüber sind sich Eltern und Kinder häufig nicht einig.

Die Umgebung bestimmt die Erziehung

Als Eltern wollen wir unseren Nachwuchs auf das Leben vorbereiten. Ob wir dabei entspannt bleiben wie die Skandinavier oder stark kontrollieren wie die Amerikaner, hängt zu­­mindest zum Teil vom sozioökonomischen Umfeld ab: Wie wir ­unsere Umgebung wahrnehmen, bestimmt, wie wir unsere Kinder erziehen.

Nehmen wir das Beispiel Ungleichheit. In einer Gesellschaft mit starker sozialer Ungleichheit fürchten Eltern, die sich der grossen Bedeutung von Bildung bewusst sind, ihre Kinder könnten vom «rechten Weg» abkommen und in der Schule versagen. Also reagieren sie mit starker Kontrolle, weil sie alles in ihrer Macht Stehende tun wollen, um dies zu verhindern.

Moderne skandinavische Gesellschaften hingegen verzeichnen ein geringes Ausmass sozialer Ungleichheit. Dort herrscht daher ein entspannterer Erziehungsstil vor. Wenn es den «rechten Weg» überhaupt gibt, so ist das Abkommen davon mit wenig Risiko verbunden und für die Eltern kein Anlass zur Sorge.

Es darf nicht überraschen, dass Gesellschaften, in denen die Einkommensunterschiede im Lauf der vergangenen Jahrzehnte stetig zugenommen haben, heute eher zu einem sogenannten «intensiven Erziehungsstil» neigen als früher. So nehmen amerikanische Eltern viel stärker am Leben ihrer Kinder teil und verbringen durchschnittlich dreimal so viel Zeit mit Bildungsmassnahmen für den Nachwuchs wie Eltern Mitte der 1970er-Jahre.
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Erfolgreiche Schulabbrecher

Andere Studien zeigen Ähnliches. Laut der «Word Values Survey» glauben in den USA – einem Land mit hoher sozialer Ungleichheit – 80 Prozent der Eltern, dass Arbeitsmoral und Gehorsam die wichtigsten Werte sind, die man seinen Kindern vermitteln muss. In Schweden wiederum, wo die Ungleichheit besonders niedrig ist, stimmen dem nur 26 Prozent der Eltern zu. Drei von vier schwedischen Erziehungsberechtigten sind vielmehr der Meinung, Unabhängigkeit und Fantasie seien die wichtigsten Werte, die es den Kindern zu vermitteln gelte.

Wie sollte man seine Kinder denn nun am besten auf das Leben und die zu nehmenden Hürden vorbereiten? Es kommt darauf an. Grundsätzlich ist ein intensiver Erziehungsstil weder richtig noch falsch. Doch es gibt Möglichkeiten, die exzessive Kontrolle zu vermeiden, mit der die individuellen Talente der Kinder im Keim erstickt werden.

So kann das Abkommen vom «rechten Weg» riesige Chancen eröffnen. Was haben Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Brad Pitt und John Lennon gemeinsam? Alle sind oder waren wahnsinnig erfolgreich. Und: Alle haben die Schule abgebrochen. 
In Gesellschaften mit wenig
sozialer Ungerechtigkeit pflegen Eltern einen entspannteren
Erziehungsstil.
Politische Massnahmen zur Veränderung des Wirtschafts- und Bildungsumfelds können etwas vom Druck nehmen, den Familien derzeit spüren. Eltern trauen sich dann vielleicht, einen entspannteren Erziehungsstil anzuwenden und den Kindern so viel Freiraum zu geben, dass sie sich ihrer wahren Interessen bewusst werden können. Gut möglich, dass die Kinder so mehr Lebensfreude entwickeln.

Dieser Text erschien zuerst in englischer Sprache auf BOLD – Blog on Learning and Development.

BOLD Blog

Der Blog, eine Initiative der Jacobs ­Foundation, hat sich zum Ziel gesetzt, einer weltweiten und breiten Leserschaft näherzubringen, wie Kinder und Jugendliche lernen. Spitzenforscher wie auch Nachwuchswissenschaftler teilen ihr Expertenwissen und diskutieren mit einer wissbegierigen Leserschaft, wie sich Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert entwickeln und entfalten, womit sie zu kämpfen haben, wie sie spielen und wie sie Technologien nutzen.

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