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Elternbildung

Hilfe, mein Kind lügt!

Wenn Kinder oder Jugendliche nicht die Wahrheit sagen, bricht für manche Eltern eine Welt zusammen. Nicht selten stellen sie sich dann die Frage: Haben wir unser Kind falsch erzogen? Haben wir es nicht geschafft, ihm Werte beizubringen? Ist es am Ende ein schlechter Mensch?
Text: Fabian Grolimund
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Eine Redewendung lautet: «Kindermund tut Wahrheit kund.» Allerdings nicht sehr lange. Bereits mit vier Jahren lernen Kinder zu «lügen». Anfangs sind die Lügen noch etwas plump: «Ich war’s nicht!», behaupten Vierjährige voller Inbrunst, obwohl man sie beobachtet hat.

Bald schon werden die Täuschungen differenzierter. Die Kinder entwickeln etwas, das man in der Psychologie als «Theory of mind» bezeichnet: Sie lernen, dass andere Menschen einen anderen Informationsstand über die Welt haben als sie. Und sie entdecken, dass sie einer anderen Person falsche Informationen geben und damit deren Handeln beeinflussen können.
Wie spannend, wenn man plötzlich merkt, dass die Eltern nicht allwissend sind und man sie täuschen kann! Damit muss einfach experimentiert werden.

Mein Sohn war viereinhalb Jahre alt, als er es das erste Mal geschafft hat, mich anzuflunkern, ohne dass ich es gemerkt habe. Stolz öffnete er die Hand, in der sich die Murmel befand und meinte: «Du hast es nicht herausgefunden! Ich habe nicht mehr so gemacht.» (Dabei schaute er mit den Augen zur Seite und grinste – davor ein untrügliches Zeichen, dass er schummelte.) Er hatte gelernt, ein Pokerface aufzusetzen.
Lügen ist anstrengend und fördert die Entwicklung.
Lügen verlangt Kindern einiges ab. Sie müssen sich in ihr Gegenüber hineinversetzen, abwägen, welche Informationen die andere Person hat und welche sie ihr geben müssen, um glaubhaft zu sein – und sie müssen ihre Mimik kontrollieren. In diesem Sinne ist das kindliche Fabulieren und Flunkern auch ein Übungsfeld zur Entwicklung sozialer Kompetenzen.

Flunkern, Täuschen und Fabulieren sind in der Phase von vier bis sechs/sieben Jahren Teil einer gesunden Entwicklung und kein Anlass zur Sorge. Langsam kann man in diesem Alter damit beginnen, Kindern aufzuzeigen, dass Lügen problematisch ist. Vielleicht erzählt man ihnen die Geschichte von Pinocchio oder vom Jungen, der immer «Feuer» rief, und spricht mit ihnen darüber, welche Folgen häu­figes Lügen haben kann.

Zwischen sechs und acht Jahren können Kinder Fantasie und Reali­tät immer besser auseinanderhalten, und ihnen wird bewusster, dass man im Allgemeinen nicht lügen sollte, weil es Beziehungen belastet und anderen Menschen schaden kann. Damit nimmt auch die Häufigkeit des Lügens ab.

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