Desktop patrick gross transkinderinterview   l
Elternbildung

«Herr Gross, wann weiss ein Kind, ob es ein Bub ist oder ein Mädchen?»

Transgender-Experte Patrick Gross sagt, dass Kinder schon früh eine Geschlechtsidentität entwickeln. Er warnt vor den Folgen, wenn sie darin nicht ernst genommen werden.
Interview: Florian Blumer
Bild: Fabian Unternaehrer / 13 Photo

Herr Gross, Transmenschen wehren sich dagegen, dass Transgender als psychische Störung gesehen wird. Müssen Betroffene überhaupt behandelt werden?

Ein Transkind oder Transjugendlicher braucht nicht per se psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Längst nicht alle geschlechtervarianten Kinder leiden unter psychischen oder sozialen Folgeproblemen: Ich begegne Transkindern, die ihre Geschlechtervarianz mühelos leben können. Für diejenigen aber, die darunter leiden, kann eine psychotherapeutische Behandlung hilfreich sein.
Patrick Gross ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut in eigener Praxis in Basel und Dozent. Seit zwölf Jahren berät und begleitet er zu einem grossen Teil Transmenschen. Er ist Vorsitzender der Schweizer Fachgruppe Trans*, einer trans­/cis­inklusiven multiprofessionellen Arbeitsgruppe. Gross ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er lebt mit seiner Familie in Basel.
Patrick Gross ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut in eigener Praxis in Basel und Dozent. Seit zwölf Jahren berät und begleitet er zu einem grossen Teil Transmenschen. Er ist Vorsitzender der Schweizer Fachgruppe Trans*, einer trans­/cis­inklusiven multiprofessionellen Arbeitsgruppe. Gross ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Er lebt mit seiner Familie in Basel.

Unter welchen Folgeproblemen leiden diese Kinder?

Dies können Anpassungsschwierigkeiten sein, schulische Probleme, depressive Verstimmungen, Ängste oder gar Suizidali­tät. Diese Folgeprobleme sind in den Fällen am grössten, in denen sie auf Ablehnung stossen. In einer neuen australischen Studie gaben zwei von drei Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, keine Unterstützung durch die Familie zu erhalten – und drei von vier sagten, sie litten unter Depressionen.

Wie nehmen Sie die Eltern wahr, die zu Ihnen kommen?

Häufig sind sie es, die Betreuung oder Begleitung suchen, und gar nicht die Kinder. Sie kommen mit Fragen wie: Sollen wir einem Transmädchen erlauben, mit dem Röckchen in den Kindergarten zu gehen? 

Was antworten Sie?

Die Frage ist: Wie stark leidet das Kind, wenn es das nicht darf? Dann ist aber auch die Frage wichtig: Wie viel Unterstützung erfährt es durch das Umfeld? Es gibt Fälle, in denen eine Transition nicht ratsam ist, weil das Umfeld die Voraussetzungen nicht erfüllt, es gar gefährlich wäre. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wo die Eltern stehen: Der Weg muss auch für sie gangbar sein.
Anzeige

Ab wann hat ein Kind ein Bewusstsein für sein Geschlecht?

Bereits ein zweijähriges Kind ist fähig, zwischen männlich und weiblich zu unterscheiden. Es ist sich seiner eigenen Geschlechtsidentität jedoch noch nicht bewusst. Ein fünf­- bis sechsjähriges Kind hingegen hat darin bereits eine Konstanz entwickelt: Es weiss klar, ob es ein Bub oder ein Mädchen ist.
«Hat sich ein Kind lange mit dem andern Geschlecht identifiziert, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass dieses Erleben dauerhaft sein wird.» 
Patrick Gross, Transgender-Experte

Kann die Identifikation mit dem anderen Geschlecht auch nur eine Phase sein?

Das Bedenken, es sei nur eine Phase, höre ich sehr häufig. Tatsächlich ist es so, dass dieses Empfinden nicht bei allen Transkin­dern ins Erwachsenenalter anhält. Doch je länger sich ein Kind mit dem andern Geschlecht identifiziert hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Erleben dauerhaft sein wird. Und ob es eine Phase ist oder nicht: Die psychische und körperliche Gesundheit des Transkindes hängt mass­geblich davon ab, ob es gehört und ernst genommen wird und ob es Unterstützung, Liebe und Empathie der Eltern erfährt. 

Was sagen Sie Eltern, die verlangen, dass Sie ihr Kind therapieren?

Dass ich das nicht mache. Weil es schlicht nicht möglich ist. Und auch weil es unethisch wäre, dies überhaupt zu versuchen.

Kann man keinerlei Einfluss auf das Geschlechtsverständnis des Kindes nehmen?

Auf die Ausgestaltung der männlichen und weiblichen Rolle können wir als Eltern Einfluss nehmen. Aber das Grundgefühl, welchem Geschlecht man angehört, ist über Erziehung oder Therapie nicht beeinflussbar. 

Woher kommt dieses Grundgefühl?

Es gibt verschiedene Studien, die biologi­sche, psychologische und soziale Faktoren untersucht haben. Sie konnten es allesamt nicht ausreichend erklären. Bei der Trans­identität sagt man gerne, sie sei eine «bio­psycho­soziale» Genese. Was hier ein Synonym ist für: Wir wissen es nicht.

Was ist überhaupt typisch männlich und typisch weiblich?

In meiner Arbeit habe ich erfahren, dass das, was ich bei meinem Gegenüber als geschlechtlichen Ausdruck wahrnehme, nicht zwangsläufig mit seiner respektive ihrer geschlechtlichen Identität überein­stimmen muss. Und es wurde mir bewusst, wie schwierig es auch für mich als Cis­ Mensch ist, jemandem mein Mannsein zu erklären, ohne Stereotypen zu verwenden oder auf körperliche Merkmale zu verweisen.

Weiterlesen:


0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren