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Elternbildung

Wann geht ein Geschwisterstreit zu weit?

Madleina Brunner Thiam leitet Kurse mit Kindern zum Thema Geschwisterstreit. Sie sagt: Das Thema wird von Eltern unterschätzt. Die Jugendarbeiterin über die häufigsten Streitthemen und darüber, warum Eltern bei Geschwisterstreit Präsenz zeigen sollten.
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Lea Meienberg / 13 Photo
Wer auf dem Gelände der evangelisch-reformierten Kirche Thalwil auf der Suche nach NCBI ist, wundert sich. «Doch, doch, Sie sind hier richtig», begrüsst mich Madleina Brunner Thiam, Sozialarbeiterin und Projektleiterin beim National Coalition Building Institute Schweiz, «die Gemeinde vermietet uns Büroräume.» Es sind wenige Quadratmeter, mehr Platz brauche es für ihre Arbeit nicht. Denn mit dem Projekt «Bis jemand weint ...» geht die Sozialarbeiterin raus aus dem Büro und rein in die Schulen. Für das Gespräch nehmen wir in der Cafeteria des Gemeindehauses Platz.

Frau Brunner Thiam, worüber streiten Geschwister am meisten? 

Geschwister können sich um fast alles streiten, aber ganz oben auf der Liste stehen mit Sicherheit die neuen Medien: Wer darf als Erstes mit dem iPad spielen und wie lange? Und wer entscheidet, welches Computerspiel gespielt wird? Oft wird das iPad oder das Smartphone auch als Druck­mittel eingesetzt: «Wenn ichs Mama sage, hast du Handyverbot!» Jüngere Kinder streiten eher um das begehr­te Spielzeug oder darum, wer bei Mama beim Vorlesen auf dem Schoss sitzen darf und so weiter.

Solche «Nahkampfszenen» kennen alle Eltern. Studien zufolge streiten Kinder im Schnitt alle 20 Minuten. Das sei völlig normal, sagen Experten. 

Wenn ich in eine Schulklasse gehe und frage, wer schon einmal Gewalt ausgeübt hat, melden sich Kinder nicht gerne. Insbesondere Mädchen wollen keine Täterinnen sein. Frage ich dann, wer seinem Geschwister im Streit schon einmal wehgetan hat, schnellen die Finger nach oben. Das sei doch normal. Demnach haben Sie recht: Geschwisterstreit wird zu oft für normal gehalten und meiner Meinung nach banalisiert.
Zur Person: Madleina Brunner Thiam ist Sozial­arbeiterin FH (ZHAW), Jugendarbeiterin und Projektkoordinatorin der Jugendprojekte des National Coalition Building Institute (NCBI) Schweiz zum Thema «Häusliche Gewalt». Sie lebt mit ihrer Familie in Wald im Kanton Zürich.
Zur Person: Madleina Brunner Thiam ist Sozial­arbeiterin FH (ZHAW), Jugendarbeiterin und Projektkoordinatorin der Jugendprojekte des National Coalition Building Institute (NCBI) Schweiz zum Thema «Häusliche Gewalt». Sie lebt mit ihrer Familie in Wald im Kanton Zürich.

Im Projekt «Bis jemand weint ...» leistet NCBI Schweiz an Schulen Präventionsarbeit in Sachen Geschwisterstreit. Das ist hierzulande einmalig. Wie gehen Sie vor?

Wir verbringen zum Projektstart in der Regel einen Vormittag mit der Schulklasse. Nach einer ersten Ein­führung ins Thema stellen wir unser «Thermometer» vor . Das ist ein Instrument, mit dem abgebildet werden kann, wie ein Streit Schritt für Schritt eskaliert. In kleinen Gruppen bilden Schülerin­nen und Schüler damit typische Streitereien aus ihrer Familie ab, um miteinander und mit unserer Hilfe Strategien zu erarbeiten, um einen Streit in seinem Verlauf zu deeskalieren.
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Was könnte solch eine Strategie sein?

Beispielsweise nachzufragen, was der Bruder oder die Schwester mit seiner Aussage meint, anstatt mit einer weiteren Beschimpfung zu antworten, sprich in seiner Kommunikation mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen zu setzen. Oder die Situation auch einmal mit den Augen des Anderen zu sehen: Wie fühlt sich das für meine kleine Schwester an, wenn wir uns ständig darum streiten, wer das gemeinsame Zimmer aufräumen muss? Die Kinder und Jugendlichen sollen erkennen, in welchen Themen sie mit ihren Geschwistern nicht mehr weiterkommen und an welcher Stelle der Streit immer zu weit geht, um dann zu schauen, welche Alternativen sie haben. Diese Ideen müssen aber von den Kindern kommen. Von den Eltern vorgesagt, funktioniert das nicht.

Online-Dossier Geschwister

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Lesen Sie in unserem Dossier, ob Geschwister wichtig für die Entwicklung eines Kindes sind, fünf Mythen über Geschwister und wie man mit dauerndem Streit zwischen Bruder und Schwester umgehen kann.

Keine einfache Aufgabe für Kinder.

Das stimmt, für diese Reflektion braucht es eine gewisse Reife. Daher sind unsere Workshops auch für Kinder ab der 3. Klasse konzipiert.  
«Geschwisterstreit wird zu oft für normal gehalten und banalisiert.»
Jugendarbeiterin Madleina Brunner Thiam.

Aber Geschwisterstreitigkeiten haben doch auch positive Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes.

Natürlich. Viele Kinder üben sich mithilfe ihrer Geschwister in ihrer Fähigkeit, Konflikte zu lösen und können dies als Ressource im späteren Leben nutzen. Wenn Kinder merken, dass sie verschiedene Alternativen haben, einen Streit zu lösen, können sie das auf andere Situationen adaptieren. Und ich habe noch nie ein Kind sagen hören: «Ich hasse meinen Bruder oder meine Schwester.» Ausser vielleicht im Streit.

Und was sagen diese Kinder über ihre Eltern?

Etwa 90 Prozent der teilnehmenden Kinder finden, dass ihre Eltern bei einem Streit nicht gut reagieren.

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