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Elternbildung

«Digital Native»: Generation kurzsichtig?

Die Zahl der Schulkinder, die eine Brille brauchen, steigt weltweit. Warum? Und kann Kurzsichtigkeit verhindert werden?
Text: Anja Lang
Bild: iStock
Lara liest für ihr Leben gern, aber was in der Schule vorne an der Tafel steht, kann sie nur schwer entziffern. Wenn sie die Augen zusammenkneift, geht es etwas besser, aber das ist anstrengend, denn Lara ist kurzsichtig. Das heisst: In die Nähe sieht die Primarschülerin gut, weiter entfernte Dinge kann sie dagegen nur unscharf erkennen.

Wie Lara geht es immer mehr Kindern und Jugendlichen. «Von 2000 bis 2010 wurde eine weltweite Zunahme von Kurzsichtigkeit um fast 30 Prozent festgestellt», weiss Dr. Vera Schmit-Eilenberger, Fachärztin für Augenheilkunde mit Schwerpunkt Kinderophthalmologie und Netzhauterkrankungen aus Dübendorf im Kanton Zürich.
Kurzsichtigkeit hat teilweise nahezu epidemische Auswirkungen angenommen.
Vor allem in einigen Ländern Asiens und Südostasiens hat Kurzsichtigkeit, fachsprachlich Myopie genannt, inzwischen nahezu epidemische Ausmasse angenommen. «In Teilen Chinas, Singapurs oder Taiwans sind bereits bis zu 90 Prozent der jungen Erwachsenen kurzsichtig», sagt Vera Schmit-Eilenberger.

Jeder zweite «Digital Native» ist kurzsichtig

Vor rund 60 Jahren lag der Anteil der Kurzsichtigen in der Bevölkerung hier noch bei etwa 10 bis 20 Prozent. Aber auch in Europa und den USA nimmt Myopie immer stärker zu. In den USA ist die Zahl der Kurzsichtigen in den letzten 30 Jahren um 66 Prozent angestiegen. In Europa zeigt sich gemäss einer 2015 vorgestellten Studie des European Eye Epidemiology Consortium ein ähnlicher Trend: In der Altersklasse der 25- bis 29-Jährigen – also der «Digital Natives» – ist bereits fast jeder Zweite kurzsichtig.

Je höher die Bildung, desto mehr Kurzsichtige gibt es

Lange Zeit dachte man, dass vor allem die Vererbung bei der Entstehung von Kurzsichtigkeit entscheidend ist. «Bis heute sind etwa zwei bis drei Dutzend Genorte gefunden worden, die für Myopie verantwortlich sind», sagt Vera Schmit-Eilenberger. «Damit ist nachweislich eine genetische Disposition gegeben, wenn Mutter oder Vater kurzsichtig sind.»

 Dennoch: Die explosionsartige Zunahme von Kurzsichtigkeit innerhalb weniger Jahrzehnte kann nicht darauf zurückzuführen sein. Studien haben untersucht, welchen Einfluss Umweltfaktoren auf die Ausbildung einer Kurzsichtigkeit haben. «Dabei hat sich herauskristallisiert, dass besonders langanhaltende Augen-Naharbeit sowie zu wenig Tageslicht die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit fördern», erklärt die Fachärztin. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die Gutenberg-Gesundheitsstudie für Deutschland von 2015. Demnach steigt die Zahl der Kurzsichtigen mit der Anzahl der Bildungsjahre.
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Weshalb fehlt immer öfters der Weitblick?

Erste Symptome einer beginnenden Kurzsichtigkeit treten häufig bereits in der Kindheit auf. «Bis Ende der Kindergartenzeit sind die meisten Kinder noch normalsichtig», so Vera Schmit-Eilenberger. «Das ändert sich oft in der Primarschule. Man spricht deshalb von der sogenannten Schulmyopie, die typischerweise im Alter von 8 bis 15 Jahren auftritt.» Also genau in der Altersphase, in der Kinder durch Schulzeit und Hausaufgaben viel Zeit in geschlossenen Räumen mit Lesen, Schreiben und Lernen – also Augen-Naharbeit – verbringen.

 Dazu kommt die in dieser Altersklasse besonders beliebte Nutzung elektronischer Medien in der Freizeit. Das führt dazu, dass viele Kinder und Jugendliche hierzulande täglich bis zu acht Stunden und mehr bei Kunstlicht im Nahsichtmodus verbringen. «Wenn das Auge überwiegend Sehangebote bekommt, die nur wenige Zentimeter entfernt sind, reagiert es irgendwann mit Längenwachstum», betont Kinderaugenärztin. Schmit-Eilenberger. «Dies passiert umso stärker, je länger die Nahfixation dauert und je näher sich das fixierte Objekt befindet.»

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