Fabian Grolimund: Wut, Angst und Trauer haben keinen Ausschaltknopf
Elternbildung

Wut, Angst und Trauer haben keinen Ausschaltknopf

Manchmal sind uns die Gefühle unserer Kinder unangenehm, da wir nichts an der Situation ändern können, die sie auslöst. Das ist aber auch nicht immer nötig. Oft hilft es schon zuzuhören und da zu sein.
Text: Fabian Grolimund
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Viele Erwachsene gehen zur Therapie, um wieder Zugang zu ihren Gefühlen zu finden. Sie müssen wieder lernen, wütend zu sein und für sich einzustehen, anstatt mit psychosomatischen Beschwerden zu reagieren. Trauer zuzulassen, anstatt sich leer und abgestumpft zu fühlen.Ängste wahrzunehmen, auszudrücken und sich ihnen zu stellen, anstatt in einem diffusen Gefühl permanenter Sorge alles zu vermeiden, was mit Unsicherheiten behaftet ist.

Erwachsene, die als Kind gelernt haben, Gefühle zuzulassen, wahrzunehmen, zu benennen und einzuordnen, haben es im Leben deutlich leichter als Menschen, die gelernt haben, ihre Gefühle zu unterdrücken, sich permanent abzulenken, oder die sich dafür schämen.
Wer als Kind gelernt hat, mit Gefühlen umzugehen, statt sie zu unterdrücken, hat es im Leben deutlich leichter.
Damit Kinder das lernen können, benötigen sie Erwachsene, die zur Empathie fähig sind.

Wenn Sie diese Kolumne lesen, gehören Sie wahrscheinlich zu den Müttern und Vätern, die es selbstverständlich finden, sich auf Kinder einzulassen und sich darum zu bemühen, sie zu verstehen.

Aber uns allen fällt es manchmal schwer, die Gefühle unserer Kinder anzuerkennen – manchmal genau dann, wenn sie es am meisten bräuchten.

Ich will, dass du glücklich bist!

Leider sprechen wir bei Wut, Angst und Trauer noch immer von negativen Gefühlen. Kein Wunder, dass wir sie den Menschen, die wir lieben, am liebsten ersparen möchten.
 
Dabei verhalten wir uns teilweise taktlos: Jemand ist gestorben und die Hinterbliebenen sehen sich gezwungen, ihre Trauer runterzuschlucken und zu lächeln, wenn sie Sätze hören wie «Kopf hoch!», «Man muss sich auf das Positive konzentrieren» oder «Er hatte ja ein langes und schönes Leben».
 
Glücklich werden wir nicht, wenn wir einen Teil unserer Erlebniswelt ausblenden. Sätze wie «Deswegen brauchst du doch nicht traurig zu sein», «Du musst gar nicht wütend werden! Jetzt komm wieder runter!» oder «Das muss dir keine Angst machen» blockieren lediglich den Ausdruck eines Gefühls. Sie machen das, was ein Kind fühlt, nicht ungeschehen. Aber sie führen das Kind in die Einsamkeit.

Je häufiger wir einander signalisieren, dass bestimmte Gefühle keinen Platz haben, desto mehr entfremden wir uns voneinander.

Als Eltern können wir uns sagen, dass unsere Kinder ein Recht auf all ihre Gefühle haben – auch die unangenehmen. Und wir dürfen uns bewusst machen, dass Glück vor allem daher rührt, dass wir in schwierigen Momenten Menschen an unserer Seite wissen, die sich auf uns einlassen und bei uns sind. Wenn Kinder erfahren, dass sie auch mit schwierigen Gefühlen willkommen sind und angenommen werden, gelingt es ihnen immer besser, mit Angst, Wut und Trauer umzugehen.

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