Fabian Grolimund: Wie setze ich meinem Kind Grenzen?
Elternbildung

Vom Umgang mit Respekt, Grenzen und Regeln

Das Thema «Grenzen setzen» erlebt unser Kolumnist als eine der grössten Herausforderungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Während es einfach ist, allgemeine Prinzipien zu formulieren wie «Kinder brauchen Regeln» oder «als Eltern muss man konsequent sein», ist die Ausgestaltung im ­Alltag äusserst anspruchsvoll und in vielen Fällen eine Frage des Bauchgefühls.
Text: Fabian Grolimund
llustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren 
Um ein eigenes Gespür für den Umgang mit Respekt, Grenzen und Regeln zu entwickeln, fand ich es immer hilfreich, Beispiele zu haben, sich mit Menschen auszutauschen, die man gerne mag, und das eigene Handeln in einem kühlen Moment zu reflektieren. Aus diesem Grund möchte ich Ihnen in diesem Artikel keine Ratschläge geben, sondern einfach einige persönliche Erlebnisse mit Ihnen teilen.

«Niemals würde ich es wagen, so etwas zu dir zu sagen»

Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern für mich und meinen Bruder jemals explizit Regeln aufgestellt oder Konsequenzen eingesetzt hätten. Dennoch war uns jeweils bewusst, was «bei uns» gilt und wie man miteinander umgeht. Als ich in der Wut meiner Mutter ein Schimpfwort nachrief, drehte sie sich um, sah mich streng an und sagte: «Niemals würde ich es wagen, so etwas zu dir zu sagen!» Damit war die Sache klar. Wenn ich in den Ausgang wollte, fragten mich meine Eltern, wann ich wieder zu Hause bin. Ich konnte die Zeit frei wählen, wusste aber, dass ich dann wirklich zu Hause sein muss, damit sie sich keine Sorgen machten. 
Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern je explizit Regeln aufgestellt hätten. Dennoch war uns Kindern bewusst, was «bei uns» gilt.
Jetzt könnte man einwerfen, dass das funktionieren mag, wenn die Kinder vernünftig und pflegeleicht sind.

Meiner Mutter gelang es aber auch in anspruchsvolleren Situationen, für gegenseitigen Respekt zu sorgen. Sie war bis zu ihrer Pensionierung leidenschaftliche Kindergärtnerin. Die letzten Berufsjahre führte sie einen Kindergarten, der auch von vielen fremdsprachigen Kindern und solchen aus bildungsfernen Familien besucht wurde. ­Viele von ihnen brachten einen Rucksack an schwierigen Erfahrungen mit, sprachen schlecht Deutsch und verhielten sich teilweise auffällig. In der ersten Woche sagte sie zur Gruppe: «Hier gibt es nur eine einzige Regel, an die wir uns alle halten: Wir haben Respekt vor uns selbst, den anderen und den Sachen.»

Übertretungen wurden zum Anlass, immer wieder auf die Frage zurückzukommen, wie man respektvoll handelt. 

In einer Klasse gehörten Schimpfwörter als Selbstverständlichkeit zum Umgang untereinander. Zum Beispiel: «Kastrier deine Aids-Bazillen» und «Fick deine Mutter!».

Meine Mutter rief die Kinder in den Kreis: «So. Sagt mal alle Schimpfwörter, die euch einfallen. Die ganz schlimmen könnt ihr leise sagen.»

Sie schrieb alle Antworten auf Papierstreifen. Im Anschluss legte sie drei Kreise auf den Boden: grün, orange und rot. Sie las ein Schimpfwort nach dem anderen vor: «Scheissdreck: Wie findet ihr das?» «Hui, schlimm!», kam es von den Kindern. «Ich finde es nicht so schlimm – legen wir es in den grünen Kreis?» Dann sagte sie «Fick deine Mutter», und die Kinder meinten «geht so», worauf sie antwortete, dass es ziemlich schlimm sei und es gefährlich sein könne, wenn man Wörter sage, deren Bedeutung man nicht verstehe. Alle unbekannten Wörter kamen zur Sicherheit in den roten Kreis. Nach und nach wurden die Schimpfwörter verteilt. 

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1 Kommentar

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Von Karin am 07.02.2020 16:03

Diesen Artikel finde ich super! Es ist nicht einfach immer richtig zu reagieren🤪. Manchmal reagiere ich ganz spontan und im Nachhinein finde ich es falsch. Aber die Kinder verzeihen einem viel😍

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