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Teenieblog

Warum man bei WhatsApp sofort antworten muss

Alle reden von FOMO – der jugendlichen Angst, etwas zu verpassen. Alles Blödsinn, sagt die 17-jährige Tina Zeinlinger. Dass Jugendliche so schnell auf Kurznachrichten antworten, hat einen anderen Grund.
Text: Tina Zeinlinger
Fear of missing out» – die «Angst, etwas zu verpassen», sobald eine Nachricht über einen längeren Zeitraum – aus jugendlicher Sicht sind das etwa zehn Minuten – ungelesen bleibt, ist ohne Zweifel vorhanden. Doch ernsthaft: Was sollte man denn da fürchten zu verpassen? Zumindest, wenn man bedenkt, dass der typische Chatverlauf wie folgt aussieht:
Im Normalfall endet hier die Konversation. Zumindest für eine Stunde, dann wiederholt sich der ganze Vorgang. Chatfrei hat man für diese Stunde natürlich nicht. Denn ist die eine Unterhaltung beendet, leuchtet schon das nächste «hey:)» am Bildschirm auf. Konversationshungrig wird dann tiefgründig bis zum finalen «gn8» (Gute Nacht) gechattet, bis man von dem vertrauten Whats-App-Ton und einem «Moagn» (Morgen) sanft aus dem Schlaf geholt wird.

Der Begriff FOMO hinkt also etwas. Es geht gar nicht darum, dass man «etwas» verpassen könnte, sondern eher «jemanden». FOMF bringt es schon eher auf den Punkt. Die «Fear of missing friends» steckt tatsächlich hinter dem jugendlichen Drang, im Minutentakt auf Nachrichten zu antworten. Die Angst, die Freunde zu verpassen.

Bleibt eine Nachricht für mehrere Minuten unbeantwortet, löst das eine Kettenreaktion mit verheerenden Konsequenzen aus. Engere Freunde werden erst einmal fragen «Haaalloooo?!!», «Alles ok?!!!» oder «Was los?!!!!». Bleibt die Antwort weitere Minuten aus, beginnen sich Selbstzweifel beim Konversationspartner breitzumachen. «Bist böse auf mich?», «Nerv ich dich?», «Hab ich was falsch gemacht?» werden zu zentralen Fragen. Die Situation spitzt sich zu, wenn noch immer jegliche Reaktion ausbleibt, denn dann fühlt sich der Gesprächspartner bestätigt in seiner Annahme, selbst schuld zu sein. Auf Enttäuschung folgt bekanntlich Wut – so auch in der Welt von WhatsApp: 
Man sieht, es kann aus dem Vollen geschöpft werden, auf welche Art man seiner Empörung Platz machen will. Übrigens: Entfernte Bekannte überspringen gerne die Phase des Selbstzweifels und kommen gleich zum Wut-Part.

Ist man nun selbst unglücklicher Empfänger von Wut-Nachrichten, ist jede Ausrede sinnlos. Und in solch einem Fall gibt es aus Fremdsicht nur Ausreden. Beantwortet man Nachrichten für mehrere Minuten oder sogar Stunden nicht, rasselt man auf sozialer Ebene in den Keller. Man gilt als eingebildet, egoistisch, eitel, selbstverliebt, asozial und kann sich schon mal an die Arbeit machen, neue Freundschaftsanfragen zu verschicken.

Das grundlegende Problem dahinter ist womöglich, dass unsere Welt durch das Internet aus kommunikationstechnischer Sicht immer mehr zusammenschrumpft. «The world is a village» – das erkannte der Medientheoretiker Marshall McLuhan schon in den frühen 1960er-Jahren. Und genauso verhält es sich auch mit WhatsApp: Die Kommunikationsplattform gleicht einer Live-Übertragung, einer Unterhaltung in Echtzeit. Die Chatpartner sitzen sich quasi wie im echten Leben gegenüber und können sogar mitverfolgen, wann der Gesprächspartner online ist – also im übertragenen Sinne anwesend. Klingt seltsam für Sie? Wie würden Sie sich aber fühlen, wenn Sie Ihre Arbeitskollegen grüssen, und keiner grüsst zurück? Oder Sie sich beim gemeinsamen Mittagessen nach dem Befinden erkundigen, und Ihr Gegenüber zeigt nicht die geringste Reaktion?

Vermutlich würden Sie zuerst einmal die Stimme heben – in WhatsApp geschieht das mit vielen Ausrufezeichen. Im nächsten Schritt würden Sie sich ignoriert fühlen und sich fragen, ob Ihr Bekannter vielleicht Gründe hat, böse auf Sie zu sein. Und letzten Endes würden auch Sie es aufgeben und sich denken: «Du kannst mich mal». Und der Person in Zukunft aus dem Weg gehen. Auch das funktioniert in WhatsApp prima. Dafür gibt es die Funktion: «Kontakt blockieren».

Ersichtlich wird, dass die Dimension Zeit in unserer digitalen Welt eine andere ist, und sich dadurch auch die Erwartungshaltung auf Kommunikationsplattformen verändert. Wir sind so ungeduldig, wie es vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen wäre.

Deswegen mein eigens kreiertes Akronym FOMF. Und weil Abkürzungen und Wortneuschöpfungen auf Plattformen wie WhatsApp boomen, schliesse ich mit WISP: Whats-App is social pressure. Und das dürfen Sie jetzt selber übersetzen.

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Tina Zeinlinger
ist Schülerin (17) und schaut oft auf ihr Handy. Und wenn sie mal aufblickt, sieht sie, dass andere kaum besser sind als sie.

Weiterlesen:
Alles, was Eltern über Messengerdienste wie WhatsApp wissen müssen.
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