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Redaktionsblog

Mein Kind ist ein Perfektionist

In der Prüfung eine Sechs, im Wettkampf der Erste. Manche Kinder wollen alles besonders gut machen, perfekt sein. Wenn sie dies aus dem Glauben heraus tun, nur so geliebt zu werden, sollten Eltern handeln.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren 
Natalie strahlt übers ganze Gesicht. «Du bist ja heute gut aufgelegt! Was ist denn los?» Nathalie sieht ihre Mutter mit einem breiten Grinsen an: «Wir haben die Geo-Prüfung zurückbekommen.» Nun beginnt ein wohlorchestriertes Spiel: Die Mutter beginnt von der Note 4 nach oben zu zählen: «Eine Vier? Eine Viereinhalb? Eine Fünf?» Dabei schaut die Mutter immer erstaunter, während Natalie jedes Mal amüsiert den Kopf schüttelt. «Doch keine Sechs?», staunt die Mutter. «Doch!» Die Mutter nimmt sie in den Arm: «Dabei hast du doch gedacht, es sei so schlecht gelaufen. Und jetzt so eine Wahnsinnsnote! Du kannst stolz auf dich sein.»
Szenen wie diese spielen sich regelmässig ab. Die Mutter ist sehr erleichtert, wenn ihre Tochter mit einer Sechs nach Hause kommt – bei einer Fünf, manchmal auch einer Fünfeinhalb, ist Natalie aufgelöst. Dann plagen sie Selbstzweifel, Schuld- und Schamgefühle. Dann ist alles «schlimm» und «peinlich», dann fragt sie, wie sie «nur so einen dummen Fehler machen konnte».

Ihre Mutter hat das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen, wenn Natalie sich selbst abwertet, sich als dumm bezeichnet, weint, weil sie «nichts kann», sich als «doofe Nuss» beschimpft. Bei jedem «aber das ist doch gut!» und «andere wären froh, wenn sie so gute Noten hätten» wird Natalie wütender. Gut ist ihr nicht gut genug. Es muss perfekt sein. 

Natalie sucht nach Lob und Anerkennung, kann es jedoch kaum annehmen. Sie sucht immer nach dem «Aber» dahinter. Sie hat ein grosses Ohr für kleinste kritische Kommentare und fühlt sich auch bei gut gemeinten Verbesserungsvorschlägen entwertet und abgelehnt.

Natalie ist eine Perfektionistin – und sie und ihr Umfeld kämpfen damit.

Nicht jede Form von Perfektionismus ist problematisch

Eltern machen sich oft Sorgen, wenn ihr Kind perfektionistisch veranlagt ist. Die Forschung zeigt jedoch, dass nicht jede Form von Perfektionismus problematisch ist.
Selbstorientierte Perfektionisten machen ihren Wert fast ausschliesslich von der Bewertung anderer Menschen abhängig.
Perfektionisten haben hohe innere Standards. Sie streben gute Ergebnisse an und sind bereit, dafür viel Zeit und Energie zu investieren.

Die «gesunde» Form wird als selbstorientierter Perfektionismus beschrieben. Diese Menschen stecken sich hohe eigene Ziele und arbeiten mit Engagement und Begeisterung daran, sich stetig zu verbessern. Sie können mit Misserfolgen umgehen und aus Fehlern lernen.

Sozial orientierte Perfektionisten hingegen leiden unter ihrem Drang nach Vollkommenheit. Sie setzen sich nicht selbst Ziele – sie fühlen sich vielmehr von (vermeintlich) hohen Erwartungen anderer unter Druck gesetzt. Sie glauben, perfekt sein zu müssen, um anderen zu genügen und liebenswert zu sein. Sie machen ihren Wert als Mensch fast ausschliesslich von der Bewertung anderer abhängig. Teilweise sind sie so blockiert von Ängsten und Sorgen, dass sie kaum mehr arbeiten können. Ihre Gedanken kreisen um einen möglichen Gesichtsverlust und die Angst, dass andere enttäuscht werden könnten, schlecht über sie denken oder sich von ihnen abwenden, wenn sie keine Bestleistung erbringen.

Kinder wie Natalie identifizieren sich so sehr mit ihrer Leistung, dass sich ein Misserfolg anfühlt, als würde ihnen der Boden unter den Füssen weggezogen.
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Der Drang nach Perfektion macht Eltern und Lehrer hilflos

Eltern und Lehrpersonen sind oft ratlos, wie sie auf perfektionistische Kinder eingehen sollen. Meist versuchen sie das Selbstvertrauen des Kindes zu fördern, indem sie auf seine bisherigen Erfolge hinweisen, bei guten Noten das Kind bestärken («Wow! Ich wusste doch, dass du es kannst!») und bei etwas weniger guten Leistungen auf die starken Punkte hinweisen.

Bei Eltern und Lehrpersonen stellt sich jedoch bald das Gefühl ein, dass all das Lob und all die Ermutigung nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Es fühlt sich an, als würde man ein Fass ohne Boden füllen. Die Anerkennung versickert nach einem kurzen Moment der Freude oder Erleichterung und scheint langfristig nur dazu zu führen, dass das Kind immer mehr davon braucht, um sich für kurze Zeit erleichtert zu fühlen. Die Selbstzweifel sind sofort wieder da.

Der Versuch, das Selbstvertrauen perfektionistischer Kinder zu stärken, verstärkt oft das Problem. Denn: Jede Anerkennung für gute Leistungen und jedes Gespräch über Prüfungen, Noten, Stärken und Erfolge vermittelt ihnen indirekt und unbewusst: Es geht im Leben um Leistung und Erfolg. Jede Versicherung, dass das Kind «gut» sei, es etwas «toll gemacht» hat, signalisiert dem Kind, dass sein Wert als Mensch von seiner Leistung abhängt.

Wörter wie schlecht und richtig spielen eine gewichtige Rolle

Im Gedankenuniversum von Kindern wie Natalie spielen Wörter wie gut und schlecht, richtig und falsch eine zu gewichtige Rolle. Sie sind ständig dabei, Mass zu nehmen, sich und ihre Leistung kritisch zu beäugen. Als Eltern oder Lehrperson können Sie perfektionistische Kinder unterstützen, indem Sie dem Thema Leistung insgesamt deutlich weniger Beachtung schenken.

Menschen wie Natalie legen immenses Gewicht auf das Ergebnis und identifizieren sich kaum mit dem Thema oder dem Arbeitsprozess. Es geht ihnen darum, eine schöne Zeichnung zu machen, eine gute Note zu schreiben, den Wettkampf zu gewinnen. Die Freude am Zeichnen, das Interesse am Stoff, das Zusammensein mit anderen beim Training zählen kaum.
Bei einem Misserfolg könnten Sie das Kind fragen, was ihm nun guttun würde, anstatt über die Prüfung zu sprechen.
Als Eltern oder Lehrperson können Sie perfektionistischen Kindern helfen, diese Dimensionen stärker wahrzunehmen, indem sie diese Aspekte in den Vordergrund rücken. Anstatt zu sagen, dass die Zeichnung schön ist, könnten Sie das Kind zur verwendeten Technik befragen oder mit ihm darüber sprechen, warum dieses Motiv es angesprochen hat. Anstatt über die Aufsatznote Ihres Kindes zu staunen, könnten Sie den Aufsatz lesen und mit ihm über das Thema sprechen. Bei einem Misserfolg könnten Sie das Kind fragen, was ihm nun guttun würde und mit ihm gemeinsam etwas unternehmen, anstatt über die Prüfung zu sprechen. Damit signalisieren Sie ihm: Wir können es auch gut miteinander haben und etwas Schönes erleben, wenn auf der «Leistungsebene» im Moment nicht alles rundläuft.

Das Kind wird Widerstand leisten, um Anerkennung bitten

Wenn Sie diesen Aspekten mehr Beachtung schenken, müssen Sie sich zunächst auf Widerstand gefasst machen. Perfektionistische Kinder werden augenblicklich unsicher, wenn die Anerkennung für gute Leistungen schwächer ausfällt. Wenn Sie beispielsweise darüber sprechen, was die Zeichnung des Kindes in Ihnen auslöst und ihm Fragen stellen, wie es bestimmte Effekte hinbekommen hat, wird das Kind fragen: «Ja, aber findest du es schön!?» Kinder wie Natalie benötigen Zeit, um sich auf diese Gespräche einzulassen und stärker wahrzunehmen, was ihnen gefällt und sie interessiert.

Zum Autor:

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 37-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 4, und einer Tochter, 1. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg. www.mit-kindern-lernen.ch / www.biber-blog.com

Fabian Grolimund schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi. Interesse an weiteren spannenden Themen rund um Eltern, Kinder und Jugendliche?
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