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Elternblog

Weshalb soll ich meinen Sohn feministisch erziehen?

Es ist eigentlich unglaublich, wenn man darüber nachdenkt, dass in unserer Welt noch immer Männer den Ton angeben. Seit Jahrtausenden sitzen wir am Steuer, und unsere Bilanz ist, gelinde gesagt, eine Katastrophe: In den Konzernzentralen und auf den Pausenplätzen, in den Terrorzellen und Kommentarspalten, auf metaphorisch und in echt – Gewalt scheint unser Ding zu sein. 
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Natürlich sind nicht alle Männer gewalttätig – es gibt Frauen, die uns punkto Rücksichtslosigkeit in nichts nachstehen –, und natürlich sind wir Männer nicht an aller Unbill schuld, und doch haben wir bei vielem, was schiefläuft, unsere Finger im Spiel. Die Gründe hierfür sind ebenso vielfältig wie komplex. Mindestens einer aber handelt von uns Eltern. Hat es allenfalls etwas mit der Art zu tun, wie wir unsere Jungs erziehen?
Wir leben in einer Welt, in der Frauen noch immer Nebenrollen spielen.
Die wichtigsten Skills sind heute vermutlich Kommunikation, Kooperation, Empathie. Schaut man sich aber in der Welt um, regiert eine breitbeinige, selbstgefällige Weltmännischkeit, die nie zögert, nie Fehler begeht, niemals zweifelt, sich nie Unsicherheit oder Ratlosigkeit eingesteht, niemals anderen Recht gibt. Die Logik dieser Welt: Der Klügere gibt nicht nach, er setzt sich durch. Es ist nebenbei bemerkt auch eine Welt, in der Frauen noch immer Nebenrollen spielen.

Gleichzeitig scheinen wir paradoxerweise davon überzeugt, dass Gleichberechtigung schon lange verwirklicht wurde, weshalb sich Alltagssexismus und Antifeminismus derzeit wieder ungestört ausbreiten. Dieses Denken und Gebaren kommt natürlich nicht von ungefähr, denn das sind die Werte, denen wir Männer seit Jahrtausenden nacheifern und die wir Väter, bewusst oder unbewusst, auch unseren Söhnen vorleben.

Kleine Idee: Wie wäre es, wenn wir das ändern? Denn ich fürchte, dass wir die Welt an die Wand fahren, wenn wir an den uralten Männlichkeitsidealen von Überlegenheit und Unangreifbarkeit festhalten. Als Ausgangspunkt unseres kleinen Umerziehungsversuchs steht der kluge Satz von Gloria Steinem: «Schön, dass wir angefangen haben, unsere Töchter wie unsere Söhne zu erziehen. Aber es wird erst funktionieren, wenn wir auch unsere Söhne mehr wie unsere Töchter behandeln.» Anders gesagt: Es ist an der Zeit, unsere Jungs feministisch zu erziehen.
Sei mutig und mach das Maul auf, wenn Männer sexistische Witze reissen.
Aber was kann man machen? Als Vater zum Beispiel das hier: Begegne Frauen auf Augenhöhe, besonders jenen, die dir nahestehen – dein Sohn wird seine Haltung gegenüber Frauen daraus erlernen. Mach das Maul auf, wenn Männer sexistische Witze reissen – es wird mehr Mut kosten, als du glaubst. Pflege Freundschaften zu Frauen – überhaupt: beziehe dich auf Frauen; spreche auch von Sportlerinnen, Politikerinnen, von Denkerinnen, die dich beeinflussen. Sei zu Hause nicht der Assistent deiner Partnerin – gehe selbst in die Verantwortung. Erzähle dein Leben nicht ständig als Erfolgsgeschichte – erwähne auch Niederlagen, Unsicherheiten, Widerstände. Kurz: Sei respektvoll, sei mutig, unterwandere rein männliche Bezugssysteme, übernimm Verantwortung und vor allem: Sei stark, indem du Schwächen zeigst.

Zum Autor:


Mikael Krogerus ist Autor und Journalist. Der Finne ist Vater einer Tochter und eines Sohnes, lebt in Biel und schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi und andere Schweizer Medien.
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