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Elternblog

Leiden eines Vaters 

Seit der Trennung von der Ehefrau ist seine Tochter praktisch aus seinem Leben verschwunden. Ein Vater erzählt. 
Text: Adrian Hoffmann
Seit zehn Monaten bin ich aus dem Leben meiner Tochter entfernt. Naja, ich sehe sie ab und zu für ein paar Stunden. Aber für einen Vater, der mehr als zwei Jahre in Elternzeit war, fühlt sich das an, als wäre mir das Herz aus der Brust gerissen worden. Meine Tochter ist fast vier Jahre alt, und ich liebe sie sehr. Sie mich auch. Die Trennung kam, weil meine Frau und ich viel gestritten haben. Auch heftig. Ich habe ihr gesagt, sie soll gehen; ich bin für ein paar Tage abgehauen. Ja, ich habe viele Fehler gemacht. Ich mache mir deshalb auch Vorwürfe, würde gerne die Vergangenheit ändern. Aber ich kann auch nicht alle Schuld auf mich laden. Wir haben einander nicht mehr verstanden.

Ich sehe meine Tochter noch vor mir. Wie sie mir aus dem Fenster winkte, wenn ich zur Arbeit ging. Wie sie in der Badewanne jauchzte, wenn wir sangen: «Ich habe eine Krone und eine Burg, in der ich wohne. Ich habe auch ein grosses Pferd, und auch mein Prinz ist lobenswert. Lo-lo-lo-lo-lobenswert.» Für unsere Tochter wäre es so schön, wenn zwischen ihren Eltern wenigstens ein freundschaftliches Verhältnis bestehen könnte. Ich weiss, dass das wichtig ist. Nur: Wie sollen wir das anstellen?
«Ich will doch aber ihr Papa bleiben! Ich habe das Gefühl, ich verschwinde.»
Kurz nach der Trennung war meine Frau samt Tochter und ihren Eltern verreist. «Kannst sie danach einen Tag länger sehen», meinte sie. Aus drei Wochen wurden vier Wochen, ich wurde nicht über den Zeitpunkt der Rückkehr informiert. Die Kleine war einfach weg. Danach gab es einen genauen Plan, wann und wie lange ich meine Tochter sehe. Maximal zwei Mal in der Woche. Nicht über Nacht. Davon, dass ich einen Tag länger bekommen sollte, war keine Rede mehr. Ich will das Beste aus der Situation machen. Dankbar dafür sein, dass es meine Tochter gibt und ich Kontakt zur ihr habe. Wenig, aber immerhin. Ich vermisse sie so sehr. Ständig habe ich Bilder aus der Vergangenheit im Kopf. Wie sie beim Wandern durch die Wälder auf meinem Rücken in der Trage sitzt und sich beklagt, dass ich schwitze. Wie sie an meinen Haaren zieht. Wie wir zusammen durchs Dickicht kriechen und Pilze sammeln.

Der normale Alltag mit der Tochter fehlt

Neben diesen Momenten fehlt mir vor allem der ganz normale Alltag mit ihr. Ich bin nur noch ein Entertainer für ein paar Stunden. Ich will mit ihr frühstücken, ihr das Brot klein schneiden. Ich will ihr die Zähne putzen. Ich will ihr eine Gutenachtgeschichte vorlesen und sie nicht nach Hause fahren müssen, wenn es dunkel wird.  Mir fehlt, dass ich nicht mehr Teil ihres Lebens bin. Wenn sie von ihrem Opa erzählt, sagt sie versehentlich Papa. Ich will doch aber ihr Papa bleiben! Ich habe das Gefühl, ich verschwinde. Bestimmt werde ich auch verpassen, wie sie das erste Mal Fahrrad fährt. 

Jetzt geht sie in den Kindergarten. Ich erfahre davon nur bruchstückhaft. So gerne wüsste ich: Wie kommt sie mit den anderen Kindern zurecht? Einmal habe ich meine Frau via WhatsApp gefragt: «Wie geht es unserer Tochter im Kindergarten? Was hat sie heute gemacht?» Die Antwort: «Kinder haben auf Spielplatz gespielt.» Ich erfahre auch nicht, wenn die Kleine krank ist und zu Hause bleiben muss. Das Pflegen und Trösten – es scheint nur die Aufgabe der Mutter zu sein. Oder etwa ihr Privileg?
«Den Termin beim Jugendamt empfand meine Ex als Kriegserklärung.»
Warum kann sie allein bestimmen, wie viel ich mich um das Kind kümmere und an der Erziehung teilhabe? Alle reden von Vätern in Elternzeit. Die ihre Arbeit reduzieren, um mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Und damit ihre Frauen wieder leichter in den Beruf einsteigen können. Manchmal denke ich: Ist doch alles Quatsch. Viele Frauen wollen dem Vater gar keine Verantwortung abgeben. In meinem Umfeld sagen einige: Du siehst die Kleine immerhin regelmässig, denke positiv. Ein paar Stunden in der Woche, super. Quality Time. Konzentriere dich auf deine Arbeit, bleibe bei einer Vollzeitstelle. Das klassische Ernährer-Ding. Die meisten finden aber: Ein Vater darf sich das nicht gefallen lassen. Vor allem meine engen Freunde, die wissen, wie sehr meine Tochter an mir hängt und wie wichtig es auch für sie ist, dass ich präsent bleibe. Ich stecke in der Zwickmühle. Will es nicht noch schlimmer für unsere Tochter machen und denke deshalb oft, ich sollte die Situation einfach aussitzen. Bis es besser wird. Wird es das? Ich fürchte, dass sie sich entfremdet.

Meine Tochter sagt immer wieder an Papatagen, dass ich ihr noch ein Buch vorlesen soll. Und noch eines. Und dass sie noch nicht nach Hause will. Einmal warf sie sich trotzig auf das Bett. Das hat mich dazu verleitet, meine Frau anzurufen. 

«Du, die Kleine würde gerne hier übernachten.» 

Tochter spricht mit Mutter. «Ich will hier beim Papa schlafen.» 

Antwort der Mutter: «Daheim gibt es jetzt doch Abendessen.» 
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7 Kommentare

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Von Antonios am 16.09.2018 23:40

Leider eine weitere, beispielhafte Geschichte die aufzeigt wie unseriös und unprofessionell die Sozialbehörden und die Justiz arbeiten. Zur Lektüre empfehle ich jedem Betroffenen nachfolgendes Buch:
Jorge Guerra Gonzalez, "Sorgefall Familienrecht", Ursachen und Folgen grundgesetzwidriger Praxis auf der Basis regelmäßigen Missbrauchs des Kindeswohlbegriffs.

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Von Nicole am 07.09.2017 07:04

Ein ehrlicher, mutiger und authentischer Bericht und ein so wichtiger Beitrag, der zeigt, wie es vielen Vätern (LEIDER) nach einer Trennung ergeht.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn beide nach einer Trennung an ihren Themen arbeiten, früher oder später die Einsicht kommt, dass es in erster Linie um das Kind/die Kinder geht. Und dass deren Wohl an erster Stelle steht. Genau das ist ja auch die Chance: Mit Kind/ern kann man sich als Ex-Partnerin nicht einfach aus dem Leben des Ex-Partners löschen. Natürlich schmerzen viele Begegnungen am Anfang. Aber mit der Zeit spürt man deutlich den heilenden Effekt und das Kind spürt das auch und reagiert mit Heiterkeit und Freude und ist wohl bei beiden. Ich wünsche euch dies von Herzen!

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Von Grit am 05.02.2017 16:30

Ich bin kein Vater aber eine Mama der es genauso wie den Vätern geht. Ich hatte 3 Jahre nach der Trennung von meinem Ex sehr guten Kontakt zu meinem Sohn ,heute 13 Jahre damal 5. Seit 3 Jahren habe Ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Der Vater hat sich immer neue Geschichten einfsllen lassen. Nach 3 Jahren Klagen wegen Umgangszeiten,der Vater hielt sich nicht dan. Sehe ich ihn gar nicht mehr. Es zerreißt mich. Ich kann die Väter in dieser Sittustion sehr gut verstehen. Mein Sohn kann mir nicht mal in die Augen schauen wenn ich zur Zeugnisausgabe fahre. Ich habe sonst keine Möglichkeiten ihn zu sehen :-(

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Von Dominik am 25.01.2017 13:43

Es tut mir weh, solche Berichte lesen zu müssen. Ich habe mit meiner Ex eine einvernehmliche Regelung getroffen, in der die Kinder zu mehrheitlich gleichen Teilen bei beiden Eltern sind. Dies erforderte jedoch auch, eigene Verletzungen hinter die Interessen der Kinder zu stellen und wirklich das Kindeswohl im Blick zu haben. Von Beiden. Und von den Gerichten und Behörden. Meine Kinder sind glückliche Kinder, weil sie beide Elternteile trotz der Scheidung regelmässig sehen und geniessen können.
Vielleicht auch ein Argument für die Ex, das Kind abzugeben: sie kann sich in der Zeit gutes Tun, in der sie keine Kinder betreuen muss, und neues Glück finden. Diese Zeit ist geschenkte Zeit. Für beide.

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Von Marcello am 24.01.2017 15:36

Ja diese Zeilen kommen mir bekannt vor, so habe ich während 7 Jahren zu den Kindern geschaut und die Ex. war entweder beim Arbeiten oder war zweimal in der Klinik. Sie wollt nie zu den Kinder schauen und hat in der Trennungszeit gesagt Sie wollte gar keine Kinder. So sind die Gerichte sehr Frauenfreundlich und man hat als Mann keine Chance. (Weil es zwei Mädchen sind gehören Sie zu der Mutter Gericht)??? So hat Sie heute ein schönes Leben und geniesst es die Kinder sind mal dort mal hier und der Papa kann Sie nur alle zwei Wochen sehen. Es schmerz sehr und man verliert den Kontakt sehr schnell, da in zwei Wochen sehr viel passiert.

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Von Reinhard am 20.01.2017 17:45

Deutschland. Vor 20 Jahren hatte ich als Vater eines unehelichen Kindes noch nicht einmal die Möglichkeit das gemeinsame Sorgerecht zu erlangen, das hat sich geändert.
Vor 11 Jahren verschwand über Nacht meine Ehefrau mit Kind und die Situation war der hier beschriebenen sehr ähnlich. - Es folgten 10 Jahre Gerichtsverfahren, Familiengericht, Oberlandesgericht und BGH. Ich wurde als Querulant gebrandmarkt. Auch wenn ich jetzt mit beiden Söhnen eine tolle Beziehung und Bindung habe, das Leben als diskriminierter Vater war sehr grenzwertig mit vielen verzweifelten Phasen. Einem vermeintlich freiheitlich demokratischen Rechtsstaat völlig unwürdiges Vorgehensmodell.
Mein Eindruck ist nun. Die nächste Generation Väter, nämlich genau die, die Verantwortung übernommen hatten im Alltag ihrer KInder, wie ich damals auch, eine Beziehung aufgebaut haben, die gleichberechtigt am Leben und groß werden ihres Kindes beteiligt waren, werden mehr und mehr und mehr.... und lassen es sich nicht mehr bieten, was Jugendamt und Familiengericht so üblicherweise Vätern und Kindern antun. Als neuer Konsens kann nur ein paritätisches Wechselmodell als Standardvorgabe wie in Skandinavien, wie vom Europarat in Resultion 2079 einstimmig beschlossen mittel und langfristig dabei rauskommen.

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Von Andrea am 14.01.2017 06:04

Ja, und der Augsburger Kreidekreis hilft hier auch nicht weiter;
Mein Mitgefühl gilt allen engagierten Vätern, und ich schäme mich einmal mehr für meine Geschlechtsgenossinen. :(

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