Wenn Mama bloggt - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wenn Mama bloggt

Lesedauer: 6 Minuten

Über seine Kinder im Internet zu schreiben, liegt im Trend. Ein Grund: An einem Blog kann Mama von zu Hause aus arbeiten. Aber Blogs zu Geld machen, ist ein hartes Geschäft.  

Während Ellen Girod (Bild oben) ihre Tochter stillt, tippt sie auf ihrem Handy Textentwürfe. Nachts sitzt sie dann an ihrem Laptop, überträgt Texte in ihren Blog, bastelt an Fotos und am Webdesign und tüftelt an Strategien, mit denen ihr Blog «Chez Mama Poule» bekannter werden und Geld einbringen könnte. Die 33-Jährige hat einen Traum: «In zwei Jahren möchte ich vom Bloggen leben können», sagt die freie Journalistin und Mutter. Ein Traum, den viele Mamablogger und sicher auch einige der wenigen Papablogger teilen. Denn Bloggen verspricht Freiheit: «Beim Bloggen kann ich orts- und zeitunabhängig arbeiten – und immer dann für meine Kinder da sein, wenn sie mich brauchen», erklärt Ellen Girod.
Andrea Jansen in ihrem Café-Büro. Bild: Bianca Fritz, Bild oben: zVg
Andrea Jansen in ihrem Café-Büro. Bild: Bianca Fritz, Bild oben: zVg
Ein ähnliches Ziel verfolgt auch Reisefan und Dreifachmama Andrea Jansen. Die Journalistin und ehemalige TV-Moderatorin ist 2016 mit ihrem Blog «anyworkingmom» gestartet und hatte schon am ersten Tag 1000 Besucherinnen und Besucher. «Wenn man öffentlich bekannt ist, kann man sich nicht einfach mal ausprobieren – da muss jeder Text sitzen – von Anfang an», sagt sie. Mit ihrem Blog anyworkingmom ist sie ein Shootingstar in der Schweizer Elternblogger-Szene. Schon nach einem Jahr hat sie rund 30’000 Leserinnen und Leser pro Monat und mit Anja Knabenhans eine Partnerin mit an Bord.

Anyworkingmom entstand auch nie neben dem Wickeltisch. Andrea Jansen geht zum Schreiben ins Büro – in ihrem Fall in einen hippen Co-Working-Space in Zürich. Bloggen passiert in ihrer offiziellen Arbeitszeit von etwa 60 Prozent. Der Blog ist, neben Beratungstätigkeiten, Vorträgen und journalistischen Artikeln, zu einem beruflichen Projekt geworden – und das war auch von Anfang an so geplant. Nach einigen Werbekooperationen wollen die beiden Frauen im nächsten Jahr auf langfristige Partner setzen und versuchen, mit innovativen Ideen den Blog zu finanzieren. So zum Beispiel mit einem eigenen Produkt: lustigen Karten für Mütter, die dem Mutterberuf mit einem Augenzwinkern huldigen.


Unsere Liste mit Schweizer Mama-, Papa- und Elternblogs. Fehlt noch jemand? Dann schreiben Sie uns gerne eine E-Mail mit dem Link an: online(at)fritzundfraenzi.ch

Elternblogs liegen im Trend – in den USA und in Deutschland schon lange, aber auch in der Schweiz werden es immer mehr. Offizielle Zahlen gibt es nicht, und sie sind schwierig zu erheben: Viele Schweizer Blogs fischen auch in Deutschland nach Leserinnen und umgekehrt. Über 2000 deutschsprachige Familienblogs sind in einer Datenbank der Frauenzeitschrift Brigitte verzeichnet. In der Schweiz zeigt sich das wachsende Interesse auch an der Teilnehmerzahl der speziell für Familienblogger ins Leben gerufenen Konferenz Swiss Blog Family: Kamen 2016 bei der ersten Durchführung noch knapp 50 Mütter (und ein Vater) zusammen, um sich über Bildrechte, Privatsphäre und Vermarktung auszutauschen, haben die Veranstalter diesmal 100 Plätze locker besetzt. 

Obwohl die Familie bei den Bloggern  im Zentrum ihres Schaffens steht, krabbelt nur ein einziges Kleinkind durch den grossen Seminarraum eines Kongresshotels in Basel – alle anderen haben ihre Kinder zu Hause gelassen. Die Sponsoren mit Buntstiften und Malbüchern warten vergeblich auf gelangweilte Kinder. Unter den Frauen (und vereinzelten Männern) herrscht die fröhliche Stimmung eines grossen Klassentreffens. Man kennt und liest ja viel Persönliches voneinander. 

Wer Geld verdienen will, muss zu Medienunternehmen werden

Eines wird auf der Konferenz schnell klar: Wer mit seinem Blog Geld verdienen oder gar sein Einkommen bestreiten möchte, muss zu einem kleinen Medienunternehmen werden. Mamabloggerinnen müssen sich mit Webdesign, Suchmaschinenoptimierung und  Social-Media-Marketing ebenso auskennen wie mit der Frage, wie man Mediakits mit relevanten Informationen für Werbepartner erstellt und mit potenziellen Geldgebern verhandelt. 
Die Kugelschreiber sausen nur so über das Papier, als Svenja Walter von meinesvenja.de, einem der er­­folgreichsten deutschen Familienblogs, über ihre Strategien spricht. «Ich schreibe schon lange nicht mehr, worauf ich gerade Lust habe», stellt sie klar. «Und wenn ihr eine grosse Reichweite erzielen wollt, könnt ihr das auch nicht mehr.» Die Geschäftsfrau legt ihren beeindruckenden Verdienst offen und betont gleichzeitig: «Ja, ich kann mittags für meine Kinder kochen – aber ich arbeite schon seit Jahren an sieben Tagen pro Woche.»

Nach dem energiegeladenen Auftritt von Svenja gibt es spannende Diskussionen im Foyer. «Ich weiss nicht, ob ich so strategisch werden will», sagt eine Mama. «Vielleicht sollte ich doch endlich mal wieder mein Layout überarbeiten, wenn ich sehe, wie professionell die anderen Seiten wirken», meint eine andere.

«Ich finde es einfach schade, dass viele der Mamabloggerinnen nicht mehr ins «richtige» Berufsleben zurückkommen.»

Karin aka Frau Brüllen

Mittendrin steht Karin alias «Frau Brüllen» von bruellen.blogspot.de und wundert sich. Sie gehört zu den Bloggerinnen, die einfach täglich ihre Erlebnisse festhalten und teilen wollen, ohne dafür Geld zu kassieren. 

Dass immer mehr Bloggerinnen das Schreiben zum Beruf machen möchten, sieht Karin kritisch: «Zum einen werden sich die Blogs doch immer ähnlicher, wenn alle strategisch denken. Zum anderen wird die Bloglandschaft langweilig und glattgebügelt, wenn sich immer mehr Bloggerinnen selbst zensieren und sich nicht mehr trauen, eine vielleicht nicht mehrheitsfähige Meinung zu äussern, um keine Werbekunden oder Leser zu verschrecken. Ausserdem kommen viele dieser Frauen nicht mehr ins ‹richtige› Berufsleben zurück – und das finde ich einfach schade.»

Wer zu kommerziell wird, enttäuscht die Leserinnen

Was sie anspricht, wird im englischsprachigen Raum bereits lange diskutiert. 2016 untersuchte die Concordia-Universität im kanadischen Montreal den Blog «Get off my internets (GOMI)», wo Internetnutzer öffentlich über das Internet jammern, und stellte fest: Dort wimmelt es von ehemaligen Mamablog-Leserinnen, die sich bitter enttäuscht von ihren geliebten Blogs abwenden. Weil diese zu Werbeplattformen verkommen seien, es viele gesponserte Werbe-Inhalte gebe und der Rest zu einer viel zu sauberen Welt mit rosa Zuckerguss verkommen sei. 
Noch 2005 hatten sich Mama-Bloggerinnen weltweit dem Credo der New Yorker Bloggerin Alice Breadley angeschlossen, die schrieb, dass das Verbloggen des Privatlebens ein «radikaler Akt» sei. Weil die Frauen hier das Mamasein genau so darstellen könnten, wie sie es täglich erleben. Mamablogs seien eine wichtige Ergänzung zu den von Männern dominierten Medien, wo Mütter nur als perfekte Werbeschablonen oder als zickige Problem­wesen inszeniert würden. Genau diese «feministische Seite» des Bloggens gehe verloren, wenn die Mütter vor allem darauf aus seien, Geld zu machen, zu diesem Schluss kam auch die Studie aus Montreal.

«Könnte dieser Beitrag meinen Töchtern einmal schaden, im unwahrscheinlichen Fall, dass eine von ihnen Bundesrätin wird?» 

Diese Frage stellt sich Ellen Girod jedes Mal, bevor sie auf „Veröffentlichen“ klickt.

Die Schweizer Bloggerinnen und Blogger scheinen sich zu einem gros­­sen Teil noch nicht sicher zu sein, in welche Richtung sie gehen wollen. Auf die Frage, wer mit seinem Blog Geld verdienen wolle oder sich als Influencerin sehe, also als jemand, der Kaufentscheidungen beeinflusst, heben bei der Swiss Blog Family nur wenige die Hände. Aber die Workshops am Nachmittag, bei denen es um Monetisierung geht, sind besonders gut besucht. 

Noch ist die Bloglandschaft in der Schweiz vielfältig: Einige Blogs sind tagebuchartige Erlebniserzählungen, andere beschäftigen sich mit bestimmten Erziehungsansätzen wie dem Attachment Parenting und der Umsetzung im Alltag oder stellen Themen wie Ernährung oder Basteln in den Mittelpunkt. Und manche wollen auch gesellschaftlich etwas bewirken. So betont Andrea Jansen, dass ihr primäres Ziel nicht das Geldverdienen sei, sondern Themen anzusprechen, über die zu wenig geredet wird. 

Eines der Hauptthemen auf anyworkingmom ist die Vereinbarkeit. «Vor allem, aber nicht nur von Beruf und Familie, sondern auch die Vereinbarkeit der neuen Situation mit dem Ich», sagt Andrea Jansen. Sie will damit nicht nur andere Mütter erreichen, die mit ähnlichen Themen zu kämpfen haben, sondern vor allem junge Frauen, die sich überlegen, ob sie ein Kind bekommen sollen. «Ich höre noch immer viel zu oft den Satz: ‹Ich habe nicht gewusst, was mit einem Kind auf mich zukommt.› Das muss sich ändern.»

 Wie privat ist zu privat?

Allen Elternblogs gemeinsam ist die Suche nach dem richtigen Umgang mit der Privatsphäre – besonders mit jener der Kinder. Frau Brüllens Kinder sind alt genug, dass sie Artikel, in denen es um sie geht, gegenlesen können – was ihnen nicht gefällt, wird auch nicht veröffentlicht. Die Kinder von Andrea Jansen und Ellen Girod aber sind noch zu klein, um ihre eigene Meinung zu äussern oder um mögliche Folgen der Texte abzuschätzen. Also müssen das ihre Mütter übernehmen. 

Andrea Jansen wählt bewusst einzelne Bilder ihrer Kinder zur Veröffentlichung aus und versieht sie mit einem Wasserzeichen. «Da ich prominent bin, kann man sowieso herausfinden, wie meine Kinder aussehen, wenn man es denn unbedingt will. Ich finde auch, dass Kinder im öffentlichen Raum stattfinden müssen. Aber ich überlege mir jedes Bild sehr genau», erklärt sie. 

Ellen Girod nimmt ihre Kinder nie frontal auf. Ausserdem überlegt sie sich bei jedem Text vor der Veröffentlichung: «Könnte er meinen Töchtern einmal schaden, im un­­wahrscheinlichen Fall, dass eine von ihnen Bundesrätin wird?» Andrea Jansen umgeht diese Frage so gut als möglich, indem sie über sich und ihre Gefühle als Mutter schreibt – peinliche Erlebnisse ihrer Kinder bleiben draussen. «Man muss die Hosen runterlassen, damit es ein guter Text wird», sagt sie. «Aber doch bitte die eigenen und nicht die der Kinder.»


Bloggen macht glücklich

Laut einer Studie der Pennsylvania State University aus dem Jahr 2011 wirkt sich das Bloggen positiv auf das Wohlbefinden von Müttern aus. Die Onlinekontakte und der Austausch über die Unsicherheiten in der Mutterrolle helfen den 157 befragten Neu-Müttern, sich eingebunden und sozial stabil zu fühlen. Nur auf den sozialen Medien unterwegs zu sein, habe diesen positiven Effekt nicht – hier erhalten die Frauen offenbar nicht dieselbe Unterstützung wie beim Mamabloggen.

Zur Autorin

Bianca Fritz leitet die Online-Redaktion von Fritz und Fränzi. Sie findet, dass Blogs eine wichtige, weil wunderbar subjektive Ergänzung zu den klassischen Medien sind. 
Bianca Fritz leitet die Online-Redaktion von Fritz und Fränzi. Sie findet, dass Blogs eine wichtige, weil wunderbar subjektive Ergänzung zu den klassischen Medien sind. 


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