Mediennutzung
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Dann sind Bikini-Bilder okay?

Eine solche Aussage ist mir zu pauschal. Die Haltungen sind je nach Familie und Kultur extrem unterschiedlich. Wichtig ist eine offene Diskussion darüber, weshalb sich Kinder oder Jugendliche in einer bestimmten Art darstellen möchten. Darüber, was sie zeigen wollen, aus welchen Gründen und wie. Wenn ich sage «Das sieht billig aus, das darfst du nicht!», hat das keinen Entwicklungswert. Lasst uns doch mit den Mädchen und Jungen darüber reden, weshalb sie bestimmte Bilder mit Beleidigungen oder Komplimenten kommentieren.

Seit Herbst 2018 bieten diverse ­Institutionen in der Schweiz einen Lehrgang für Influencer an. Was ­beinhaltet eine solche Ausbildung?

Es gibt mittlerweile einige Lehr­gänge. Was man darin vermittelt bekommt, ist beispielsweise Medienrecht, Marketing oder Grafik-Design – die handwerklichen Dinge. Bei vielen Menschen besteht eine falsche Vorstellung bezüglich der Qualifikation von Influencern. Sie stellen nicht Schnappschüsse ins Netz und beobachten dann, was passiert. Dahinter stecken Recherche und Strategien betreffend Zeitpunkt der Publikation oder Bildsprache – oft haben sie eine eigene Ästhetik, ein Corporate Design. Dazu kommen sehr ausgreifende Arbeitszeiten. Doch alle Ausbildung, Recherche und der beste Filter machen noch keinen erfolgreichen Influencer. Das gewisse Etwas gehört ebenfalls dazu. Wie bei einem Model, einem Sänger oder einer Moderatorin.
«Reden wir mit den Mädchen und Jungen darüber, warum sie Bilder mit Beleidigungen kommentieren.»
Ulla Authenrieth

Wenn die Anforderungen so hoch sind, weshalb stehen dann so viele ­Menschen diesem Berufsfeld ­kritisch gegenüber?

Das liegt an einem Phänomen, das sich durch alle Medienentwicklungen zieht: Was junge Leute machen, besonders was junge Frauen machen, wird von älteren Generationen kritisch betrachtet: Das kann ja nichts Rechtes sein. Es hat sich nicht über Jahre etabliert und es gibt dafür keine offizielle Ausbildung nach formalen Kriterien. Die Arbeit wird als laienhaft und klischeehaft abgestempelt. Das Professionelle daran und das weite Feld an Themenbereichen werden oft gar nicht wahrgenommen. Für viele sind es lediglich ein paar Mädchen, die zu Hause rumsitzen und einen Lippenstift in die Kamera halten.

Wird dieses Lippenstift-in-die-Kamera-Halten zu Unrecht kritisiert?

Definitiv, wenn man sich überlegt, mit welchem Erfolg das einige tun. Man muss es erst einmal so hin­bekommen, dass Millionen es toll finden und Firmen einen dafür bezahlen. Man kann Influencer in dieser Hinsicht auch mit Künstlern vergleichen, die für ihre Bilder unglaubliche Summen erhalten: Jeder kann einen einzelnen Strich auf eine Leinwand malen und bekommt trotzdem keine Millionen dafür.
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Weshalb geht mir der Vergleich mit Künstlern gegen den Strich? Sind Influencer nicht einfach bloss lebende Werbetafeln?

Das wäre die extrem entgegenge­setzte Haltung. Wenn wir einen Influencer mit einem klassischen Werbedarsteller vergleichen, wird das deutlich. Durch die Influencer haben wir so kompetente und authentische Werbung wie noch nie. Denn sie «hängen und sterben» mit ihrem Namen und ihrer Person dafür, wofür sie werben. Influencer müssen stark auf Branding und Glaubwürdigkeit achten. Denn der Shitstorm kommt schnell, wenn sie ein Shirt bewerben, das unter un­menschlichen Bedingungen hergestellt wurde. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Model, das als Person kaum mit den Produkten in Verbindung gebracht wird.
«Es wäre schade, sich aus reiner Angst vor einem Shitstorm nicht mehr kreativ zu betätigen und zu äussern.»
Ulla Autenrieth

Wie kann ich meinem Kind helfen, es unterstützen, wenn es einen Shitstorm auslöst?

Auch hier gilt: in Kontakt mit dem Kind stehen, kommunizieren, Hilfe anbieten. Nicht jeder kritische Kommentar ist ein «Shitstorm». Doch es ist bestimmt sinnvoll, mit dem Kind zu besprechen, was als hilfreiche und fundierte Kritik betrachtet werden kann und was nicht. Dies lässt sich sicher auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen. Wichtig ist aber ebenso, nicht in Panik zu verfallen. Es wäre schade, sich aus reiner Angst vor kritischen Reaktionen nicht kreativ zu betätigen und zu äussern.

Sind junge Follower so kritisch?

Natürlich ist das unterschiedlich. Jungen Menschen wird grundsätzlich oft vorgeworfen, sie seien naiv und konsumorientiert. Und im Alter fühlt man sich den Jüngeren meist überlegen. Diese «Altersdiskriminierung» würde ich jedoch stark hinterfragen.

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