Weniger Bildschirmzeit nach Corona
Mediennutzung

Digitale Medien: «Trennung Spass und Lernen ist schwierig»

Während des Corona-Lockdowns sind viele Kinder viel mehr vor elektronischen Geräten gesessen. Schule am Bildschirm, Ufzgi via Whatsapp und Freunde treffen auf Skype – plötzlich waren die Bildschirmzeiten ausgehebelt. Wie bekommen Eltern ihre Kinder nun wieder weg vom Screen? Am besten ohne «Hauruck»-Übungen, meint Medienpädagogin Eveline Hipeli.
Interview: Irena Ristic
Bild: Pexels

Frau Hipeli, wie haben Sie es gemacht zu Hochzeiten von Corona mit Eltern im Homeoffice und Kindern im Fernunterricht? Wurde bei Ihnen in der Familie die Medienzeit erhöht? 

Bei uns hielt es sich in Grenzen. Von der Schule aus gab es nicht viel vorgeschriebene Screen-Zeit. Mehr Screen-Zeit ergab sich automatisch durch Skype-Sessions oder Threema-Chats mit den Freunden meiner Kinder und Oma und Opa. Das hat natürlich die Medienzeit etwas erhöht, was wir als Eltern in Ordnung fanden. Besondere Zeiten erfordern besondere Massnahmen. Das haben wir den Kindern auch so erklärt.

Online-Fernunterricht, Ufzgi-Whatsapp-Chats, Freunde treffen auf Skype und dann auch noch Filme streamen. Die vereinbarten Bildschirmzeiten verschwanden während Corona in vielen Familien völlig. Wie schafft man wieder die Trennung zwischen Medien zum Spass und Medien als Lerninstrument? 

Eine künstliche und rigorose Trennung hat für mich noch nie Sinn gemacht. Wir leben in einem digitalen Zeitalter und sind ständig verbunden. Es gibt nur eine Bildschirmzeit und die umfasst alles, was man mit digitalen Hilfsmitteln macht. Die Trennung Spasszeit und Digitalzeit finde ich schwierig. Ein Lernspiel etwa kann auch unheimlich viel Spass machen. Spielen ist zweckfreies Tun. Auch digital. 
Eveline Hipeli, Dr. phil., ist Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin. Sie arbeitet als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie ist Mutter von drei Kindern im Alter von 4 bis 10 Jahren. 
Eveline Hipeli, Dr. phil., ist Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin. Sie arbeitet als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Sie ist Mutter von drei Kindern im Alter von 4 bis 10 Jahren. 

Trotzdem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass eine Screen-Pause nach Corona durchaus gesund ist. 

Ohne Zweifel. Wenn ich mich umhöre in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, dann gibt zwei Gruppen von Kindern. Es gibt die, die sich an das Plus an Mediennutzung gewöhnt haben und immer noch viel Zeit am Bildschirm verbringen möchten. Die Kinder der zweiten Gruppe hingegen können es kaum erwarten, wieder abzumachen und rauszugehen. Diese muss man erst gar nicht vom Screen «weglocken», die wollen zu ihren Freunden.

Wie kriegt man die erste Gruppe wieder vom Screen weg? 

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Eltern sollten nicht per Hauruck-Methode dem Kind sagen, ab morgen darfst du nicht mehr so viel gamen wie während Corona. Eher sollten sie sich einfühlen in die Situation des Kindes und das Kind auch erklären lassen, weshalb es ein bestimmtes Medium gerade jetzt so gerne nutzen möchte. Auf diese Weise kann man langsam die neu erworbenen Gewohnheiten wieder zurückprogrammieren bis zu jenem Mass, welches die Eltern anstreben. Was sicher hilft, ist, sich mit dem Kind hinzusetzen und ihm zu vermitteln, dass auch wieder nonmediale Aktivitäten möglich sind. Ich würde für diese Umgewöhnung sicher einige Wochen einplanen. Eltern und Kinder brauchen Geduld.
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Viele Eltern fürchten eine soziale Entfremdung innerhalb der Familie, wo jedes Mitglied in seine eigene digitale Welt abtaucht. 

Das Bild der abends vor dem TV-Bildschirm versammelten Familie, die eine zu einer bestimmten Zeit ausgestrahlte Abendshow im Fernsehen guckt, gibt es fast nicht mehr. Sitzen Eltern und Kinder alle zusammen mit Tablets auf dem Sofa und jeder schaut etwas anderes, kriegen viele Mütter und Väter ein mulmiges Gefühl. Dasselbe Bild, jeder in ein anderes Buch vertieft, das ist wiederum ok. Aber wo ist der Unterschied? Wichtig ist einfach, dass man in der Familie trotz aller Mediennutzung miteinander im Gespräch bleibt, Interesse aneinander zeigt und sich umeinander kümmert. Und dass man neben Tablets, Games und Computern den Kindern auch attraktive, medienfreie Angebote anbietet, die man als Familie zusammen machen kann.
«Je älter Kinder sind, desto mehr müssen sie in der Lage sein, ihre Zeit selbst einzuteilen.»

Seit langem reden wir von der Digitalisierung der Schule, jetzt konnten wir sie kollektiv durch Corona ein wenig erleben. Ist gerade ein neues digitales Schulverständnis am Entstehen? 

Ich fürchte, da war die Zeit des Lockdowns etwas zu kurz. Viele Lehrpersonen wurden schlicht und einfach überrumpelt. Jetzt wo die Massnahmen langsam wieder Richtung «Alltag» gehen denke ich, dass man schnell wieder in einen «courant normal» zurückfallen wird. Klar, ein kleiner Teil des Schulalltags wird weiterhin digital geprägt sein, allein schon wegen dem Lehrplan. Aber viele Eltern werden einer Digitalisierung der Schule weiterhin skeptisch gegenüberstehen. Persönlich würde ich mir wünschen, dass die digitale Umsetzung von Unterricht wenigstens zum Teil bestehen bliebe, weil sie das individuelle Lernen unterstützen kann und die Digitalisierung der Gesellschaft eine Tatsache ist, welche das Leben der Heranwachsenden beeinflusst. 

Mit dem Kind verhandeln und nicht den Minuten nachrennen, ist ein Tipp, den Sie Eltern mitgeben möchten. 

Ja. Denn der Witz ist, je älter Kinder sind, desto mehr müssen sie in der Lage sein, ihre Zeit selbst einzuteilen. Auch mit den Medien. Eltern sollten nicht den 24-Stunden-Überwacher spielen. Ich schlage vor, durchaus Regeln zu machen, medienfreie Zeit einzuplanen, aber das heisst eben auch, dies als Eltern vorzuleben. Und das ist vielleicht das Schwierigste.

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