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Mediennutzung

«Taucht in Bilder ein und erkennt versteckte Botschaften!»

Jugendliche kommunizieren mehr und mehr über Bilder. Das Wahrnehmen, Verstehen, Interpretieren und Beurteilen von Bildbotschaften wird deshalb immer wichtiger. Im Gespräch mit Eva Saro diskutieren wir, wie wichtig es ist, Bilder zu hinterfragen
Text: Michael In Albon

Frau Saro, Ihre Stiftung möchte ein breites Publikum beim Lesen und Entschlüsseln von Bildern fördern. Wieso?

Viele Bilder scheinen auf den ersten Blick die Realität abzubilden. In Wahrheit sind es Konstrukte mit eigenen Codes. Deshalb sollten wir Bilder nicht nur sehen, sondern decodieren und interpretieren.

Was prägt denn unsere Wahrnehmung und die unserer Kinder?

In diesem Zusammenhang unterscheide ich nicht gern zwischen Eltern und Kindern. In den Medien sind Weiblichkeit und Männlichkeit ausgeprägt – es werden uns zwei Menschheiten präsentiert. Diese Stereotype beeinflussen uns alle.

Und welche weiblichen und männlichen Stereotype werden uns heute präsentiert?

Die Frau lächelt, hat oft helle Augen, ist hellhäutig, auch wenn sie afrikanisch oder asiatisch ist. Die Atmosphäre ist oft rosa oder hellblau. Farbbilder herrschen vor. Die Körperhaltung ist verrenkt, die Frau steht auf Zehenspitzen mit einem extremen Hohlkreuz – sehr unnatürlich. Sie sieht oft zum Betrachter auf und wird seitlich aufgenommen.
Der Mann schaut selbstsicher und unnachgiebig, oft sind die Bilder in Schwarz-Weiss gehalten. Er schaut auf uns herunter, meist frontal. Und er wird oft als Held präsentiert.

Wie sollen wir nun aber solche Bilder lesen?

An die beschriebenen Stereotype haben wir uns so gewöhnt, dass wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir sollten öfter ins Bild eintauchen und uns umschauen und nicht nur die schönen Farben und Formen sehen. Wir müssen lernen, tiefer zu schauen, um den Inhalt zu erkennen.
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Geben Sie uns ein Beispiel: Wie üben wir mit unseren Kindern das Sehen?

Sammeln Sie Bilder und schauen Sie sich diese gemeinsam mit Ihren Kindern an! Konzentrieren Sie sich dabei auf ein Thema – zum Beispiel auf Gesichter, Körper, Personen bei der Arbeit, beim Sport oder in der Mode. Zuerst schauen sich alle die Bilder an, jeder für sich, lassen sie wirken. Sprechen Sie dann über Ihre Eindrücke: Was fällt mir auf? Was überrascht mich? Welche Bilder wecken Emotionen in mir? Gerade bei emotionalen Kommentaren ist es wichtig hinzusehen und zu vergleichen: Was ist wirklich auf dem Bild, und was stammt von meinem verinnerlichten Bild?

Was lernen wir dabei?

Wir erkennen, dass wir uns nicht so gut abgrenzen können, wie wir möchten. Das ist wichtig. Es geht nicht darum zu definieren, was gut oder böse ist. Es geht darum zu erkennen, was uns beeinflusst, wann und wie.

Ist das alles?

Das ist schon sehr viel. Beschäftigen wir uns intensiv mit einem Bild, erkennen wir auch, wie stark es retuschiert wurde. Obwohl Jugendliche theoretisch wissen, dass Bilder verändert werden, und die Möglichkeiten kennen, erkennen sie die Retuschen oft nicht. Eine einfache Übung dazu ist folgende: Versuchen Sie, Posen der abgebildeten Personen nachzustellen, dann merken Sie, was noch geht und was nicht. Eine weitere Möglichkeit, Retuschen zu erkennen, ist das Vergleichen von Augen- oder Halspartien – von Frauen, Männern, Kindern, Babys. Oftist Frauenhaut so glattretuschiert, dass nicht einmal Babyhaut mithalten kann.

In welchem Alter kann man beginnen, mit Kindern Bilder zu lesen?

Früh. Das klappt schon mit Kinderbüchern. Schauen Sie sich mit Ihren Kindern die Bilder an und diskutieren Sie: Welche Tiere repräsentieren Männer? Welche Frauen? Welche Figuren gibt es neben Tieren und wie werden sie dargestellt? Welche Elemente machen aus einer Figur einen Mann oder eine Frau? Codes sind schon sehr früh da, deshalb kann man sie auch schon sehr früh thematisieren. Es geht nicht darum, dagegen zu kämpfen. Aber es ist wichtig, dass man sie erkennt, seinen Horizont erweitert und so die Wahl behält. Wenn Kinder älter werden, können sie Figuren auch neu und anders zeichnen und die Geschichte mit den veränderten Figuren neu erzählen: Verändert sich dadurch die Rolle von einzelnen Figuren? Verändert sich die Geschichte?

Sind sich Jugendliche der Codes nicht bewusst und spielen damit?

Nur zum Teil, denn meist erkennen sie eben nur einen Teil der Codes und verwenden Klischees unüberlegt. Unser Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen bewusst zu machen, dass sie für ihre Wirklichkeit, die durch Bilder erzeugt wird, mitverantwortlich sind. Denn erst wenn sie Codes entziffern, erkennen sie äussere und innere Bilder und sehen die Welt neu. Daraus entstehen Fragen und neue Antworten.

Bild: Pexels

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DIE EXPERTIN

Eva Saro ist Künstlerin, Bildberaterin, Animatorin, Initiantin und Geschäftsführerin der Stiftung images et société. Sie führt seit 20 Jahren praktische Kurse in visueller Decodierung durch. www.images etsociete.org


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Michael In Albon ist Jugend-medienschutz-Beauftragter und Medienkompetenz-Experte von Swisscom. 
facebook.com/michaelinalbon
twitter.com/MichaelInAlbon 

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