Mediennutzung
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Konflikte mit Eltern, Schlafmangel und verletzte Gefühle

Soziale Netzwerke kosten zudem sehr viel Zeit, die andernorts fehlt, was zu Konflikten führt, etwa wegen der nicht erledigten Hausaufgaben. Viele Mädchen und Jungen schlafen deutlich weniger, weil das Smartphone als ständig bereite Glücksmaschine auch nachts in Griffnähe ist. Doch am meisten verletzt es Kinder und Jugendliche, wenn die Anerkennung ausbleibt oder die Zahl der Likes nicht den eigenen Erwartungen entspricht: Bekommt der beste Freund/die beste Freundin für manches Bild mehr Likes als ich? Sind andere hübscher? Können mich andere nicht mehr leiden? Das macht Druck. Sobald die Zustimmung in sozialen Netzwerken fehlt, wird der stärkste Begleiter der Adoleszenz genährt: der Selbstzweifel.
Inszenierungen in sozialen Medien müssen durchschaut werden
Vom Aufkeimen der Pubertät bis zum Abklingen bleibt der Selbstzweifel fest an ihrer Seite. Wir Erwachsenen wissen, dass er niemals gänzlich verschwindet. Während der Pubertät jedoch kann der Selbstzweifel Trauer, Hilflosigkeit, Verzweiflung oder grosse Aggressionen auslösen. Wird getobt und geschrien, fühlen sich manche Eltern zurückgestossen. Dabei ist es gerade dann besonders wichtig, Kindern und Jugendlichen noch fester zur Seite zu stehen, damit sie lernen, mit dem Selbstzweifel umzugehen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn in dieser Entwicklungsphase hilft die Anerkennung seitens der Eltern nicht mehr. Wir können unseren Kindern noch so oft versichern, dass wir sie hübsch, intelligent und mutig finden – es lädt sie nicht auf.

Die Bestätigung suchen sie im Freundes- und Bekanntenkreis. So wie wir das seinerzeit auch taten. Natürlich haben soziale Netzwerke diesen Vorgang vereinfacht. So kann etwa ein Junge einem Mädchen online unauffällig folgen und dabei in Deckung bleiben. Es ist aber auch komplizierter geworden, weil Inszenierungen in sozialen Netzwerken durchschaut werden müssen. Und hier sind wir Eltern als besonnener Beistand gefragt, ohne uns ins Bockshorn jagen zu lassen. Denn fragen wir das betrübte Kind, was los sei, liefert es oft nur die Standardantwort: «Nichts.» Der Grund: Scham, Angst vor Unverständnis oder der Wunsch, alleine mit dem Problem fertig zu werden. Das ist die Situation, in der wir am Ball bleiben müssen, ohne zu bedrängen, damit das Nest zu Hause stärker ist als das Netz.

Das Wichtigste in Kürze

  • Akzeptieren, dass Kinder und Jugendliche einen anderen Nutzen aus sozialen Netzwerken ziehen als wir.

  • Mehr Verständnis für schlechte Gefühle wie Druck, Neid und Enttäuschung.

  • Es ist ratsam, den Vergleich zwischen echten Freunden und Netzfreunden zu ziehen.

  • Zu wenig Likes zehren am Selbstwertgefühl. Die Verkürzung auf «Likes sind nicht so wichtig» ist dabei nicht hilfreich, weil sie das Kind nicht ernst nimmt.

  • Wenn es für ein waghalsiges Foto 200 Likes gibt, wie weit müsste man gehen, um 300 Likes zu erhalten?

  • Kinder und Jugendliche müssen zur Ruhe kommen. Über Nacht kein Smartphone im Kinderzimmer. 

Zum Autor:

Thomas Feibel, 56, ist der führende Journalist zum Thema «Kinder und neue Medien» in
Deutschland. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare.

Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern. 
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