Mediennutzung

Die Leere nach den Likes

Soziale Netzwerke sind persönlicher als andere Netzangebote und darum stärker an Emotionen gekoppelt. Das hat auch negative Auswirkungen auf die Gefühlswelt der Jugendlichen, findet unser Kolumnist Thomas Feibel.
Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Es ist schwer, mit Kindern ein ernsthaftes Gespräch über soziale Netzwerke zu führen. Oftmals liegt das am mangelnden Grundverständnis von uns Eltern. Selbst wenn wir auf Facebook, Instagram oder Whatsapp aktiv sind, unterscheidet sich unsere Nutzung eklatant vom Medienverhalten unserer Kinder. Während wir Erwachsenen die Ich-Findung weitgehend abgeschlossen haben, befinden sich Kinder und Jugendliche in der Orientierungsphase. Sie nutzen soziale Medien als Instrument, um sich und ihre Wirkung auf andere auszuprobieren. Aus diesem Grund fühlen sich Heranwachsende häufig unverstanden, sobald wir sie auf etwaige Gefahren sozialer Medien hinweisen wollen. 

Wenn es um Netzthemen geht, halten sie uns ohnehin für völlig ahnungslos und sich selbst für die Experten. Das kränkt uns Eltern natürlich. Andererseits spüren Kinder und Jugendliche die Macht der Eltern und die Gefahr eines Verbots. Diese unterschiedlichen Positionen machen Gespräche sehr diffizil. Dennoch müssen sie stattfinden, da soziale Netzwerke nicht nur Gefahren bergen, sondern auch grosse Auswirkungen auf die Gemütslage der Kinder haben. 

Permanenter Drang nach Bestätigung übers Handy

Durch soziale Netzwerke bauen sich Kinder und Jugendliche eine eigene Präsenz im Netz auf und erschaffen damit eine Sichtbarkeit für ihre Person. Es bedarf schon eines gewissen Mutes, sich der Öffentlichkeit zu stellen – selbst wenn deren Dimension den Kindern meist gar nicht bewusst ist. Anfangs findet diese Selbstdarstellung noch zaghaft statt. Aber mit der einhergehenden unmittelbaren Anerkennung in Form von Likes, Herzchen und lobenden Kommentaren steigt bald die Beherztheit zur Selbstinszenierung: mal hübsch, mal nachdenklich, mal lasziv mit Zigarette oder ausgelassen. Wegen der Teilnahme von Freunden und Bekannten sind soziale Netzwerke viel persönlicher als andere Angebote im Netz und dadurch näher an die eigenen Emotionen gekoppelt. 
Sobald die Zustimmung in sozialen Netzwerken fehlt, wird der stärkste Begleiter der Adoleszenz genährt: der Selbstzweifel.
Die Anerkennung aus dem Freundeskreis tut gut. Sie findet öffentlich statt, also für alle sichtbar, und kann mitunter das Selbstbewusstsein stärken. Bedingt durch Teilhabe und Bewunderung im Netz trauen sich manche Jugendliche auch im echten Leben mehr. Etwa einen Sprung von einem Felsen in den See – doch nur, wenn jemand mitfilmt, um es zu posten. Die Belohnungen über das Netz sorgen im Gehirn für die Ausschüttung von Glückshormonen. Deshalb greift der Nachwuchs permanent zum Smartphone, um dieses Glücksgefühl zu verstetigen.

Andererseits können diese Inszenierungen auf Dauer eine innere Leere hinterlassen. Bleiben wir beim Sprung in den See: Ist der Schwimmer nun stolz auf seinen Mut und seine Leistung oder etwa auf die Likes? Gibt es noch authentische Erlebnisse oder werden sie auf ihre Verwertbarkeit im Netz geprüft? Und ist es nicht höchst riskant, sein Selbstwertgefühl von Instagram-Freunden und Followern abhängig zu machen, die einem zum Teil völlig unbekannt sind? Keine schlechten Erfahrungen in sozialen Netzwerken zu machen, ist fast unmöglich. Nur sind solche Erfahrungen für Heranwachsende schwer zu ertragen. Oft bekommen wir noch nicht einmal mit, wenn sie etwa auf Instagram von Fremden mit eindeutig sexuellen Bemerkungen belästigt werden. Auch die klassische Fehleinschätzung sorgt für schlechte Gefühle: Das als witzig eingestufte Foto löst bei anderen vielleicht nur Hohn und Spott aus. Die entsprechenden Kommentare wachsen sich dann zu handfestem Mobbing aus.

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