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Mediennutzung

Ana und Mia – kein Hunger auf Leben

Zahlreiche Blogs und Gruppen in sozialen Netzwerken verherrlichen und verharmlosen Essstörungen wie Anorexie – sie werden als erstrebenswerter Lifestyle präsentiert.
Text: Michael In Albon
In der Schweiz leidet jedes fünfte Mädchen an einer Essstörung. Mit Hilfe von digitalen Medien schliessen sich viele Betroffene in Pro-Anaoder Pro-Mia-Gruppen zusammen. Dabei steht Ana für anorexia nervosa, Magersucht, Mia für bulimia nervosa, Ess-Brech-Sucht.
Die Angebote tragen bewusst freundlich klingende Namen. Sie werden meist von Menschen mit Essstörung betrieben, die weder Heilung noch Therapie wünschen. Im Gegenteil: Sie erheben Magersucht zum Lifestyle, betreiben Anorexie mit Hingabe und begeben sich immer tiefer in die Sucht hinein.
So bestätigen sich die jungen Frauen etwa darin, dass es ihnen auf ihrem Weg zum Traumgewicht schlecht geht, sich die Tortur aber lohnt. Dafür stellen sie typischerweise Gesetze, Glaubensbekenntnisse oder zehn Gebote auf, die nur eines predigen: Dünnsein steht über allem – auch über der Gesundheit.

Gut und böse

Die Regeln in Ana-Gruppen sind strikt. Lebensmittel werden in gute und schlechte unterteilt. Die schlechten dürfen die Teenager gar nicht essen, die guten nur kontrolliert und möglichst nicht in Kombination. Nach jedem Bissen sollen sie einen Schluck Wasser trinken – das steigere das Völlegefühl. Kalorien genau zu zählen und sich mehrmals pro Tag zu wägen, gehört genauso zu den Regeln, wie viel Sport zu treiben.
Weiter wird empfohlen, in einem Ana-Tagebuch alles genau zu dokumentieren. Als Motivation dienen sogenannte «Thinspirations», kurz «Thinspo» genannt. Das sind Bilder von jungen Frauen, die ihr «Traumgewicht» bereits erreicht haben und als Vorbild dienen. Die Bilder zeigen meist Ausschnitte von Beinen, Bauch und Po. Es gelten unterschiedliche Kriterien für die einzelnen Körperteile: die Oberschenkel zum Beispiel dürfen sich bei geschlossenen Beinen nicht berühren, der Abstand soll im Gegenteil möglichst gross sein – «Thigh Gap» nennt sich dieser Trend.

In der WhatsApp-Gruppe gemeinsam hungern

In eine Gruppe aufgenommen zu werden, etwa bei WhatsApp, ist an Bedingungen geknüpft. Zuerst muss man zahlreiche persönliche Daten preisgeben: seinen BMI, Höchstund Tiefstgewicht, Leidensweg und eventuelle Klinikaufenthalte sowie Therapien. Ist man erst einmal aufgenommen, muss man meist regelmässig Bilder posten – von den Füssen auf der Waage, von sich in Unterwäsche.
Wer eine persönliche Weggefährtin sucht, kann in zahlreichen Foren die sogenannte «Twinbörse» besuchen. Hier schalten junge Menschen Anzeigen und suchen nach Gleichgesinnten, die in etwa die gleichen Masse haben und die gleichen Ziele verfolgen.

Essstörungen im Zeitalter der Digitalisierung

Magersucht und Bulimie sind nicht neu. Digitale Medien verpassen den Krankheiten aber eine neue Dynamik: Gleichgesinnte finden sich schneller, fühlen sich verstanden und ermutigt. Ihr negatives Selbstbild und die bereits verzerrte Körperwahrnehmung verstärken sich, und ein gefährlicher Teufelskreis entsteht, der die Mädchen immer weiter in die Krankheit treibt. Denn als Teil einer Gruppe fällt es ihnen schwer, die Krankheit als solche zu erkennen, die Gemeinschaft aufzugeben und Heilung anzustreben.
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Michael In Albon ist Jugend-medienschutz-Beauftragter und Medienkompetenz-Experte von Swisscom. 
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twitter.com/MichaelInAlbon 

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