Mediennutzung
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Wenn der Griff zum Handy zur Gewohnheit wird und eines zum anderen führt

Wenn der Griff zum Handy allerdings schon unterbewusst geschieht und das stundenlange Surfen zur Gewohnheit geworden ist, heisst es, sich in Selbstdisziplin und Impulskontrolle zu üben. Auch das kennt Mutter Anne: «Ich schaue die Uhrzeit und Nachrichten auf dem Smartphone nach. Dann führt eines zum anderen. Phasenweise habe ich abends, wenn meine Kinder im Bett waren und mein Mann noch nicht zu Hause, Filme geschaut im Bett. Das ufert dann echt aus!»

Anne hat zunächst einmal Facebook, Netflix und andere Apps, die sie für ihren Geschmack zu oft benutzte, vom Smartphone gelöscht. «Wenn ich nicht abgelenkt werden möchte, stelle ich mein Handy auf lautlos und lasse es im hintersten Winkel des Hauses.» Damit trickst die Mutter ihre eigenen Gewohnheiten aus. Bei der Suche nach Massnahmen zur Impulskontrolle können solche Tipps helfen. 

«Bei all diesen Ideen gilt: ausprobieren. Nicht alles funktioniert für jeden. Warum nicht auch mal die Kinder nach ihren Ideen fragen?», schlägt Markowetz vor. «Selbstdisziplin und Kreativität sind die wichtigsten Qualitäten, die unsere Kinder erlernen müssen, um künftig in der Welt Erfolg haben zu können», sagt Hirnforscher Lutz Jäncke. Auch im aktuellen Bericht «Aufwachsen im digitalen Zeitalter» der eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) werden Selbstkompetenzen wie Selbstdisziplin und -reflexion neben sozialen und fachlichen Kompetenzen als besonders wichtig für die künftige Arbeitswelt angesehen. 

Mit der Digitalisierung würden die Möglichkeiten des mobilen und flexiblen Arbeitens zunehmen, heisst es. Im Homeoffice oder im Strandcafé arbeitet aber nur derjenige gut, der Selbststeuerung gelernt hat. Das Handy wegzulegen, ist also auch ein gutes Training für mehr Freiheit im späteren Berufsleben.
Jamelia (12, Mitte) sagt, dass sie es selbst merkt, wenn sie zu viel am Handy gewesen ist. Tatsächlich zeigt eine neue Studie, dass Jugendliche ihren Mediengebrauch oft besser reflektieren als Erwachsene.
Jamelia (12, Mitte) sagt, dass sie es selbst merkt, wenn sie zu viel am Handy gewesen ist. Tatsächlich zeigt eine neue Studie, dass Jugendliche ihren Mediengebrauch oft besser reflektieren als Erwachsene.
Die Impulskontrolle fällt leichter, wenn man attraktive Alternativen zu Smartphone oder Tablet bietet. In der JAMES-Studie zeigt sich, dass Jugendliche insgesamt zwar immer mehr Zeit online verbringen, aber andere Freizeitakti­vitäten wie Sport oder Freundetreffen nicht darunter leiden. Dennoch gibt es Tätigkeiten, die als mögliche Schutzfaktoren gegen eine problematische Onlinenutzung bezeichnet werden, weil sie hauptsächlich von Jugendlichen angegeben werden, die kein Risikoverhalten zeigen: Musik machen, malen oder basteln, Zeit mit Haustieren verbringen. Wer also doppelt sichergehen möchte, schränkt in der Familie nicht nur die Smartphone-Zeit ein, sondern greift stattdessen zu Pinsel und Instrument.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Die eben veröffentlichte «Always on»-Studie der EKKJ zeigt, dass sich Jugendliche zwischen 16 und 25 mehr Gedanken zur Wirkung des ständigen Onlineseins machen als eine erwachsene Vergleichsgruppe. Sie sind zwar im Schnitt länger online als die 40- bis 55-Jährigen, sind aber reflektiert: 95 Prozent der Jugendlichen sagen, sie hätten schon Strategien angewendet, um Selbstdisziplin zu üben. So haben sie etwa zeitintensive Apps gelöscht oder sich ein Zeitlimit gesetzt. Eltern, die mit ihren Kindern um Medienregeln ringen, können also hoffen: Mit dem Alter der Kinder wächst auch deren Wunsch nach einem achtsamen Smartphone-Gebrauch.

Weiterlesen zum Thema Medienregeln und achtsame Smartphonenutzung:


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