Mediennutzung
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Machen zwei Stunden Medien schlau und vier Stunden dumm?

Kein Smartphone ist aber auch keine Lösung: Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigte jüngst auf, dass Kinder, die keine Medien nutzen, von ihren Lehrpersonen schlechter eingeschätzt wurden, was Konzentrationsfähigkeit und soziale Kompetenzen angeht, als ihre Kollegen, die bis zu zwei Stunden täglich vor dem Bildschirm sind. Die Forschungsleiter führen dies darauf zurück, dass die Kinder besser integriert sind, wenn sie bestimmte Games und Serien kennen. Und darauf, dass einige Computerspiele die Konzentrationsfähigkeit fördern könnten. Allerdings verkehre sich der Effekt ins Negative, sobald die Kinder mehr als vier Stunden pro Tag mit Medien verbringen würden.

Also doch eine Zahl, an der man sich orientieren kann? Machen zwei Stunden Bildschirmzeit schlau, vier Stunden aber dumm? Ganz so einfach ist es nicht. In den Familien mit moderater Mediennutzung haben auch andere Freizeitvergnügen wie Musizieren oder Sport einen hohen Stellenwert. Und diese wirken sich ebenfalls positiv auf die kognitiven und sozialen Fähigkeiten aus.
 
Auch wenn es keine handfesten Zeitempfehlungen mehr gibt, sind sich Experten und Studien einig, dass eine Begrenzung der Mediennutzung sinnvoll ist. Doch wie legen Eltern diese individuell fest? Und die entscheidendere Frage: Wie können Mütter und Väter diese im Familienalltag durchsetzen? An dieser Stelle kommt das eigene Nutzungsverhalten ins Spiel. «Kinder sind Weltmeister im Nachmachen und Eltern sind lange Zeit ihre wichtigsten Modelle», sagt Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich.

Viele Erwachsene tun sich schwer mit massvoller Handynutzung  

Wie steht es also um die Vorbildfunktion der Erwachsenen? Haben sie ihren Handykonsum im Griff? Laut dem Statistik-Portal Statista geben 21 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz an, dass sie aufgrund des Smartphones nicht zur vorgesehenen Zeit schlafen gehen. Je 23 Prozent sagen, dass sie sich vom Gerät ablenken lassen und dass sie das Gefühl haben, ständig erreichbar sein zu müssen. Immerhin: 31 Prozent gönnen sich täglich bewusste Offlinezeiten.

Spannend ist auch die Frage, wie oft wir andere Tätigkeiten zugunsten des Smartphones unterbrechen. Die Forscher des deutschen Men­thal-Balance-Projekts der Universität Bonn haben über eine App das Verhalten von inzwischen Hunderttausenden Smartphone-Nutzern untersucht. Im Schnitt aktivierten diese 88 Mal pro Tag ihr Handy. Davon 35 Mal, um auf die Uhr zu schauen oder zu prüfen, ob sie eine Nachricht erhalten haben; 53 Mal, um zu surfen, zu chatten oder eine App zu nutzen. Nimmt man an, dass die Probanden acht Stunden schliefen, so blickten sie etwa alle 11 Minuten auf ihr Smartphone.

Das Problem mit der ständigen Unterbrechung: Unser Gehirn ist nicht fähig, sich mehr als einer Sache gleichzeitig zu widmen. Wenn wir also multitasken, springt unser Kopf zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her. So sind wir weit weniger effektiv und ermüden schneller. Wir geraten nicht in Flow-Zustände, sind nie ganz anwesend und letztendlich sogar weniger glücklich. Hirnforscher Lutz Jäncke sagt: «Wenn wir uns Ziele setzen und uns anstrengen, diese zu erreichen, bescheren wir uns das schönste Gefühl, dass wir selbst erzeugen können: Stolz.
 «Mütter und Väter ersetzen mit ihren Medienregeln und Vorgaben den fehlenden Frontalkortex der Kinder und Jugendlichen.»
Hirnforscher Lutz Jäncke
Genau davon aber halten uns die ständigen Verlockungen ab, die in den digitalen Geräten schlummern. Lutz Jäncke beschreibt den Zustand, den das Gehirn beim Herumsurfen oder Seriengucken einnimmt, wie folgt: «Wir halten ein gutes Mass an Spannung. Gleichzeitig wird unser Lustzentrum aktiviert und unangenehme Gefühle werden heruntergefahren. Wir konsumieren, ohne dass wir bewusst und kontrolliert arbeiten. Das ist angenehm, aber auf Dauer nicht befriedigend, weil wir nichts leisten.» 

Das ist eine Erklärung dafür, warum wir uns oft leer und unglücklich fühlen, wenn wir uns im Medienkonsum haben treiben lassen. Der zweite Grund ist das, was wir sehen: Perfektion und Glück. Gerade für Kinder und Jugendliche sind hier Realität und Schein nur schwer zu unterscheiden, diese Reflektions­fähigkeit müssen sie erst erlernen.

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