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Medienerziehung

Wie Frau Seiler die digitale Welt entdeckt

Kinder klicken, spielen und tippen intuitiv auf Tablets und Smartphones. Senioren dagegen haben oft ihre liebe Mühe mit der neuen Technik. Der Verein CompiSternli bringt die Generationen zusammen. Und ganz nebenbei trainieren die Kinder 
 so ihre sozialen Kompetenzen. 
Text: Martina Proprenter
Bilder: HO
 Kurz nach dem Znüni warten die kleinen Expertinnen und Experten des Vereins CompiSternli bereits sehnsüchtig auf ihre Schülerinnen und Schüler. In den vergangenen Monaten wurden die Nachwuchslehrkräfte aufwendig geschult; jetzt strecken sie eifrig die selbstgebastelten Namensschilder über ihre Köpfe. Sie suchen: Frau Seiler, Frau Stanger und all die anderen.

Bei ihren Schülern dauert alles etwas länger. Gemütlich, einige auch gestützt auf Gehstöcke, erscheinen die Senioren kurz nach 10 Uhr im Klassenzimmer. Die bereitliegenden Tablets werden mit skeptischen Blicken gemustert.  Doch die Unbeschwertheit der Kinder überträgt sich schnell auf die Seniorinnen und Senioren.

Experten ohne Fachchinesisch

Statt mit Fachbegriffen um sich zu werfen, schiebt Alina das Tablet dezent zu Verena Seiler rüber. «Schau mal hier, da an der Seite», sagt Alina und beobachtet, wie ihre Schülerin das Tablet zweimal im Kreis dreht, bis sie merkt, dass sie einen winzigen Knopf übersehen hat. «Zum Ein- und Ausschalten», erklärt Alina und strahlt, als Frau Seiler neugierig beobachtet, wie das bekannte Apfelzeichen langsam auf dem Display erscheint. Eigentlich hatte sie ja gar keine Lust auf den Kurs, erzählt diese leise, als Alina nicht hinhört. Sie ist nur ihrer Nichte zuliebe gekommen, die sich – wie die sieben anderen Kinder – freiwillig für das Projekt gemeldet hat. Nur die Kinder mit einer sozialen Ader, die sich auch in andere einfühlen können und auch noch gut in der Schule sind, dürfen am Projekt teilnehmen, erklärt die Handarbeits- und Fachlehrerin Vera Metzler, die das Projekt betreut.

Die Kinder in der Primarschule Lufingen, die heute in die Lehrerrolle schlüpfen dürfen, sind zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Laut der repräsentativen Mediennutzungsstudie MIKE ist das genau die Altersphase, in der die Nutzung von Smartphones und Co. sprunghaft ansteigt. Während nur 32 Prozent der Acht- bis Neunjährigen angeben, Handys mindestens einmal die Woche zu nutzen, sind es bei den 12- bis 13-Jährigen schon 69 Prozent. Kein Wunder: Die Geräte sind heutzutage in fast jedem Haushalt mit Kindern vorhanden (98 Prozent) und üben schon auf jüngere Kinder eine starke Faszination aus. 

An acht Schulen sind derzeit CompiSternli unterwegs, im Auftrag des gleichnamigen Vereins. Das Angebot soll sich deutlich von den zahlreichen kommerziellen Tablet-Kursen unterscheiden: «Wir fördern den Generationenaustausch», er­­klärt Vereinsvorstand Ronnie Fink. Vor über zehn Jahren gab es den ersten Kurs. Damals wurde noch mit Laptops gelernt, doch die leichten Tablets mit Touchscreen scheinen für Senioren besonders gut geeignet zu sein. 
Das Tempo, in dem die Senioren lernen, ist dabei sehr unterschiedlich: Während also an einem Tisch noch erklärt wird, wie man den PIN eintippt, wird schräg gegenüber schon «Vier gewinnt» gespielt. Irgendwo singt Wencke Myhre von ihrem «knallroten Gummiboot». Die unerwartete Beschallung lässt Christiana Stanger zusammenzucken. Wo war denn nun der Knopf, mit dem die Lautstärke reguliert wird? Noemi hatte es ihr doch gerade erst erklärt. Hektisch hantiert sie mit dem Tablet, das plötzlich umfällt. Passiert ist nichts, kann Noemi sie beruhigen. Hätte es die Tablets schon vor zehn Jahren gegeben, sie hätte sich sofort eins gekauft, resümiert die Seniorin.

Die Teilnehmerin interessiert sich besonders für die SRF-Nachrichtenapp, um sich auch im Urlaub rasch informieren zu können, was in der Heimat passiert. Die Lust, etwas Neues zu lernen, sei bei ihr schon immer gross gewesen, nur die Gelegenheit, in einen so technischen Bereich einzusteigen, hatte ihr bisher gefehlt. Aber besser spät als nie. 

Damit ist die Seniorin nicht alleine, wie eine 2015 veröffentlichte Studie von Pro Senectute zeigt. Nutzten 2010 erst 38 Prozent der über 65-Jährigen das Internet, waren es fünf Jahre später bereits 56 Prozent. Die 65- bis 69-Jährigen nutzen das Internet beinahe im gleichen Ausmass wie die Gesamtbevölkerung, also zu fast 80 Prozent. Mit steigendem Alter der Befragten sank die Nutzung allerdings. Nur jeder Zehnte der über 85-Jährigen ist regelmässig im Netz. 
Der sogenannte Jööh-Effekt hilf den Senioren zu verstehen, wie ein Tablet funktioniert.
Mit einer Engelsgeduld erklären die Kinder wieder und wieder, was für sie selbstverständlich ist. Sie haben sichtlich Spass daran, ihr Wissen zu teilen. Kennen sie doch die Fragen der älteren Generation von Grossmami und Grosspapi. Was die Senioren lernen wollen, hat der Verein über Jahre hinweg in verschiedenen Kursen rausgefunden: Die einen wollen Tickets für Tram und Züge lösen oder schnell eine Busverbindung raussuchen, andere, wie Christiana Stanger, wollen Nachrichten lesen und hören, manche E-Mails schreiben, etwa an die Enkel.

Auf Basis des Projekts Compi­Sternli hat die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZAHW) eine Studie veröffentlicht, für die alle Beteiligten befragt wurden. Demnach hilft es den Senioren, am Computer zu lernen, wenn es die Enkel «so herzig» erklären. Der sogenannte «Jööh-Effekt». In der Pubertät werde es schon etwas schwieriger, da Kinder dann nicht mehr so einfach und ungezwungen erklärten. Während 89 Prozent der Kinder über die Schule zum Projekt gekommen sind, hat die Hälfte der Senioren durch einen Zeitungsbericht davon erfahren, die anderen durch Bekannte oder eine Ausschreibung. 
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In den vergangenen Monaten hatten die Kinder zudem spielerisch gelernt, wie man reagieren muss, wenn jemand nicht mehr so gut hört, oder nur noch sehr langsam gehen kann. Und wenn er Neues vielleicht nicht mehr ganz so schnell versteht. Etwa die Komplexität der Sozialen Medien. Während Schweizer Teenies kaum noch auf Facebook vertreten sind, wächst die Zahl der über 50-Jährigen konstant an. Laut der jüngsten Facebook-Statistik vom März 2016 waren mit 19 Prozent sogar 9 Prozent mehr Senioren als Teenager online vertreten. Das deckt sich mit einem weiteren Ergebnis der Pro-Senectute-Studie: Einen gesellschaftlichen Ausschluss ohne Internet fürchten zwar die wenigsten Senioren, sie sehen aber grosses Potenzial in den Sozialen Medien, um alte Kontakte aufrechtzuerhalten oder neue zu knüpfen.

Die Tücken von Touchscreens

«Wichtig ist, dass die Kinder die Tablets nicht anfassen. Eigentlich sollen sie auf ihre Hände sitzen», erklärt Metzler. So ganz halten sich die Kinder aber nicht an die Vorgaben, drehen die Tablets hin und wieder in die richtige Richtung und erklären den Touchscreen. Immer wieder legt Heidi Morf den Finger auf den Bildschirm, aber es passiert nichts. Erst als Sarina selbst den PIN eintippt, klappt es. Damit ihre Schülerin es aber selbst schafft, holt ihre «Lehrerin» schnell einen Spezialstift. Mit der weichen Gummiseite auf dem Glas funktioniert es.
 
Hinter einem Sichtschutz sitzt auf der anderen Tischseite Verena Seiler. Lust auf das Tablet hat sie nach rund einer Stunde Kurs noch immer nicht. Sogar eher noch weniger als zuvor. «Ich würde eigentlich viel lieber telefonieren üben», sagt sie und hat bereits ihr iPhone aus der Tasche geholt. Alina schwenkt schnell vom Tablet auf das Smartphone um, erklärt, was es mit dem grünen Hörer auf sich hat, der gedrückt werden muss, um jemanden anzurufen. Eigentlich war der Kurs so ja nicht geplant. «Wir sind kein IT-Support», sagt die Fachlehrerin. Doch Alina möchte gerne erklären und so hat auch die Lehrerin nichts dagegen. Die Hauptintention, um an dem Kurs teilzunehmen, ist für die Senioren laut ZAHW, die Computerkenntnisse zu verbessern, an zweiter Stelle steht der Wunsch, den gesellschaftlichen Anschluss nicht zu verlieren. Beides kann sowohl mit dem Tablet als auch mit dem Smartphone passieren. 
Dann steht Matteo vor Vera Metzler. «Ich bin fertig», sagt er, obwohl der Kurs noch 45 Minuten dauern sollte. Während Alina durch den Raum flitzt und sich auf ihrem Smart­­phone anrufen lässt, fragt die Lehrerin die einzelnen Programmpunkte bei Matteo ab. Kleinlaut gibt er zu, dass er ein paar Seiten im Kursheft übersprungen hat. Die Knöpfe und Schnittstellen zu erklären, war ihm zu langweilig. «Dann hol es jetzt nach», sagt Vera Metzler sanft, aber bestimmt. Und während Matteo seinem Schüler das Tablet noch einmal entgegenschiebt, fängt am anderen Ende des Klassenzimmers Wencke Myhre wieder an, vom knallroten Gummiboot zu singen.

CompiSternli

Neue Lehrkräfte, also Kinder und ausgebildete Lehrer, sind dem Verein immer willkommen, um weitere Projekte anzubieten. Falls keine Schul-iPads vorhanden sind, werden diese für die Dauer des Projektes zur Verfügung gestellt. Info und Anmeldung über www.compisternli.ch.

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Martina Proprenter ist freie Journalistin für deutsche und Schweizer Medien und hat grössten Respekt vor allen Digital Immigrants, die sich ins Neuland wagen.

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