Medienerziehung
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Kindern fällt das Zuhören immer schwerer...

Kinder, das bemängeln Pädagogen im Kindergarten und in der Schule schon lange, fällt das Zuhören immer schwerer. Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist im Zeitalter von Smartphone und Tablets stark gesunken. Lehrer ändern darum innerhalb einer Schulstunde mehrfach die Vermittlungsmethode, damit die Konzentration der Kinder nicht abreisst. Auch darum geniessen Hörmedien einen guten Ruf: Sie schulen nicht nur das Zuhören, sondern bringen Kinder mit Literatur in Kontakt – was jedoch von der Auswahl abhängt. Ihr Sprachschatz nimmt zu, und sie erfahren auf spielerische Weise, wie Helden in Geschichten mit Konflikten umgehen oder Probleme lösen. Das alles kann aber auch ohne Technik funktionieren. Durch Vorlesen.

Weshalb Vorlesen immer besser ist

Selbst wenn Eltern beim Vorlesen keine bühnenreifen Interpretationen zustande bringen, so vollführen sie dabei Dinge, zu denen kein Hörspiel fähig ist: Durch Vorlesen zeigen wir Kindern spürbar, dass wir uns Zeit für sie nehmen. Das sind oft schöne Momente, bei denen Wärme und Nähe entstehen. Vor allem beantworten wir als Gesprächspartner Fragen zur Geschichte und bauen mögliche Ängste ab. Alle Kinder lieben das Vorlesen. Doch sobald sie selbst lesen können, hören viele Eltern damit auf. Dabei könnten wir – und das sage ich als Jugendbuchautor – selbst 16- oder 17-Jährigen mit entsprechender Lektüre vorlesen, wenn wir es nur tun würden.

Bedenklicher Einsatz als Babysitter

Gesundheitsexperten empfehlen bei Kindern unter drei Jahren eine Hördauer von höchstens 30 Minuten, bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren 45 Minuten. Bei Kindern zwischen sechs und zehn Jahren sei es ratsam, eine Stunde nicht zu überschreiten. Aber müssen wir das wirklich reglementieren? Das kommt auf die jeweilige Haltung der Eltern an. Wenn das Hörbuch nur ein Baustein im Alltag neben freiem Spiel und Bewegung an der frischen Luft ist, kann damit meiner Meinung nach entspannter umgegangen werden.

Es muss keine strenge Regulation erfolgen. Nur dürfen wir Kinder – wie bei allen Medien – damit nicht alleine lassen. Wir sollten nach ihnen sehen, uns selbst dazusetzen und zuhören. Bedenklich ist der Einsatz von Hörspielen und Hörbüchern zum Einschlafen oder als Babysitter. Kürzlich berichtete mir eine Erzieherin von einem Jungen, der beim Gespräch über Einschlafrituale Folgendes erzählte: «Mama gibt mir einen Gutenacht-Kuss, macht das Licht aus und legt mir eine CD ein.» Das schmerzt.

Do's and Don'ts bei Hörmedien:

  •  Kleine Kinder sollten nicht stundenlang Hörbücher hören.

  • Es muss auch Ruhezeiten geben.

  • Hörmedien sollten altersgerecht sein. 

  • Als Eltern sich ruhig mal dazusetzen und zuhören.

  • Keine Hörmedien als Einschlafhilfe benutzen.

  • Eine gute Auswahl an Hörbüchern gibt es in der Bibliothek, wo sie auch
    ausgeliehen werden können.

  • Wenn die Kinder älter sind, geht auch der umgekehrte Weg: selbst Hörspiele
    aufnehmen.

  • Ruhig auch eigene Hörgewohnheiten überprüfen: Habe ich Lust am Hören oder bin ich nur zu faul zum Lesen?
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Zum Autor:

Thomas Feibel, 56, ist der führende Journalist zum Thema «Kinder und neue Medien» in Deutschland. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. 

Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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