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Medienerziehung
Seite 3

Die Natur menschlicher Beziehungen braucht viel Zeit

Die etymologische Herkunft des englischen Verbs relate (auf Deutsch: erzählen, berichten) ist: sich selber dem anderen zu erzählen. Eine persönliche Beziehung, (engl. relationship) ist ein Weg des Zusammenseins, in welchem wir unsere Gedanken, unsere Geschichte, Gefühle, Erfahrungen und Träume teilen; hier und jetzt. 

Es liegt in der Natur von Beziehungen, dass sie wie ein Pendel zwischen Nähe, Verschmelzung und Trennung hin und her schwanken. Wenn unser Bedürfnis nach Nähe befriedigt ist, tritt das Gefühl auf, Distanz zu brauchen und wenn dieses Gefühl wiederum befriedigt wurde, braucht man wieder Nähe, usw. Unsere Leben als Partner und Familienmitglieder wären ohne Zweifel einfacher, wenn unsere Bedürfnisse zeitlich abgestimmt wären. Aber sie sind es nicht. 

Einer der besten Wege, um die eigene innere Uhr zu erleben, ist ein dreiwöchiger Familienurlaub mit keinerlei Planung im Vorfeld. Die Planung für den jeweiligen Tag wird erst am Morgen gemacht, und es sollte Tage geben, an denen gar nichts geplant wird. Das Geheimnis und die heilende Zutat hierbei sind, zusammen und frei zu sein, um der inneren Uhr zu folgen. Ein solches Erlebnis macht es Erwachsenen und Schulkindern leichter, sich an die unnatürlicheren Rhythmen des Alltags anzupassen. Zusätzlich wissen wir inzwischen, dass unser Gefühl von Einsamkeit nicht von Anderen, sondern von unserer eigenen Lebensweise verursacht wird. 
Um der Natur menschlicher Beziehungen gerecht zu werden, braucht es gemeinsame Zeit. Familieninseln sozusagen. Ohne Smartphones.
Emotionale und intellektuelle Intimität braucht häufig zwei bis drei Stunden des Zusammenseins, um zu wachsen und zu erblühen. Dieser Aspekt einer Beziehung braucht die Art von Stille und Leere in welcher das «einander auf den neusten Stand bringen» von einem angenehmen Schweigen gefolgt wird. An diesem Punkt hören wir uns selber Dinge sagen, die wir nie zuvor gesagt haben und/oder nicht mal gewusst haben, dass wir sie denken. Dies geschieht in der Beziehung zu unseren Kindern (einzeln) und kreiert oft neue Einblicke und wunderbare neue Entwicklungen.
 
Die heutige Lebensweise macht es der Natur von Beziehungen extrem schwierig sich zu entfalten und zu gedeihen. Jedoch können wir Inseln des Zusammenseins erschaffen, auf welchen es uns möglich ist, unsere Beziehungen neu zu starten, vorausgesetzt, dass wir unsere Smartphones nicht auf die Insel mitbringen. Wenn wir das tun, wird unsere Familie zu einem Archipel von separaten Inseln mit nicht mehr, als elektronischer Kommunikation.

Damit Beziehungen sich von Verblendung zu bedeutender Nähe entwickeln, müssen wir so viel Zeit wie möglich von Angesicht zu Angesicht miteinander verbringen. Wir müssen nicht sitzen und reden damit dies geschieht aber zusammen spielen und arbeiten; tanzen und uns zusammen bewegen; kuscheln und Liebe machen; weinen und trösten; kochen und zusammen essen; uns mit dem Musikgeschmack des andern vertraut machen, brauchen Kunst, Märchen und die Möglichkeit alleine zu sein. Dies ist der Hauptgrund warum so wenige Fernbeziehungen überleben und warum jede Woche das zu Hause zu wechseln, so schwierig ist für Kinder.

Für gewisse kurze Momente haben wir gehofft, dass E-Mail, Chat und Skype die physische Distanz zu kompensieren vermögen, aber das können sie nicht. Sie sind wertvolle Arbeitsinstrumente aber für Beziehungen zu Menschen, die wir lieben und auf die wir uns verlassen, sind sie ein schlechter Ersatz. Es gibt einen Grund warum wir unsere Köpfe auf der Brust des anderen ausruhen – das Geräusch und Gefühl des Herzens der anderen Person ist die ultimative Erfahrung, dass man nicht alleine ist. Wir können unsere Smartphones benützen, um den Herzschlag eines anderen aufzuzeichnen und ihn abzuhören ist tröstlich – vor allem für Babies – aber in keinster Weise so gut wie der echte Herzschlag. 

Wir müssen unsere Lebensweise ändern

Während der letzten vier bis sechs Jahre hat es in gewissen Ländern Experimente gegeben, in denen Kindern verboten wurde, ihre Smartphones in der Schule zu benützen. Familien haben probiert, für eine Woche, einen Monat, etc. komplett ohne das Smartphone zu leben. Die positiven Rückmeldungen aller Altersgruppen waren überwältigend. Die Lernkurven in der Schule zeigten nach oben und beide, Eltern und Kinder, waren begeistert und kamen schnell auf den Geschmack bezüglich all der Dinge, die sie zusammen machen konnten. Diese Erfahrungen und das wachsende Bewusstsein, dass unser Tempo und unsere Prioritäten uns nicht gut tun, geben mir die Hoffnung, dass eine massive Änderung der Lebensweise möglich ist.
 
Natürlich muss jede Familie ihre eigene Kultur und ihre Regeln kreieren, aber bitte beachten Sie, dass es bei diesem Projekt nicht darum geht, die Kinder vor möglichen Hirnschäden zu schützen, es geht darum eine bessere Qualität des Familienlebens zu erreichen, Nähe und Intimität. Es geht darum, uns selber für unsere Nächsten zugänglich und verfügbar zu machen, während wir für den Rest der Welt nicht erreichbar sind.

Warten Sie nicht auf einen neuen Trend der aus unserem Elend heraus entsteht - verschwören Sie sich mit Ihren Kindern und anderen Familien in Ihrer Umgebung und entscheiden Sie sich für ein zweiwöchiges Experiment. Nehmen Sie nach zwei Wochen eine Beurteilung vor, machen Sie gewissen Anpassungen falls dies nötig sein sollte und informieren Sie alle darüber, dass drei Monate die minimale Testphase sind. Teilen Sie Ihre Erfahrungen auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken und helfen Sie, eine anhaltende Bewegung zu schaffen. 

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16 Kommentare
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Von Regine am 24.04.2017 21:56

Sehr geehrter Herr Juul,
vielen Dank für die profunde Unterlegung meines Unbehagens gegenüber der derzeitigen Kommunikationskultur. Ich mag Ihren Stil, so schlicht und undogmatisch darauf hinzuweisen, dass das gemeinsame Verbringen von Zeit die einfachste, aber rarer werdende Form des Elternseins ist. Dass wir so unseren Kindern eine glückliche Kindheit ermöglichen und starke, fürsorgliche und menschliche Menschen hervorzubringen. Ich habe mich an viele Momente erinnert gefühlt, da ich es so erlebt habe, wie Sie es schildern. Dass es zu fließen beginnt, gerade mit Kindern. Das ist es, das Leben, und es ist es wert, zu teilen, vor allem mit Kindern und zwar in Echtzeit, nicht digital :)

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Von Matthias am 07.01.2017 10:27

Lieber Jesper,
Du sprichst mir aus meinem Herzen und ich danke Dir sehr für diesen klaren Beitrag zu einem sehr emotional geladenen Thema. DANKE!

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Von Ingeborg am 09.12.2016 11:34

Super! So sehe ich das auch und habe seit Jahren mit jungen KollegInnen in der Jugendhilfe intensive Diskussionen zu dem Thema.
ich bin system. Familientherapeutin und intensiv in der Traumapädagogik tätig.
Ich finde hier geht es um klare Haltungen.
Vielen Dank
I. andreae de Hair

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Von Annelore am 07.12.2016 19:21

Das ist absolut richtig. Ich beobachte täglich junge Mütter, die mit ihren kindern unterwegs sind, aber ständig telefonieren, anstatt ein Gespräch mit ihren Kindern zu führen und ihnen Dinge zu zeigen und zu erklären. Schade!!

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Von Jasmin am 29.08.2016 22:44

Hervorragend

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Von Anke am 16.07.2016 23:44

Meine Enkelin ist knapp 1 1/2 Jahre alt. Wenn ich dann bei ihr babysitten bin und mein Handy in meiner Hosentasche einen Ton anzeigt, ist sie total darauf fixiert und möchte sofort Videos darauf ansehen. Auf den meisten Filmen ist sie selber drauf. Aber ob sie sich selber erkennt oder nur jemand sieht, der ihre Sprache spricht? Jedenfalls ist es sehr schwierig, sie davon wegzubringen um wieder Bilderbücher anzusehen oder sonst etwas zu spielen.

Von Gesa am 08.11.2016 10:16

Meine Tochter ist jetzt auch 1,5 und sie begann vor einiger Zeit dieses starke Interesse zu entwickeln. Wir haben deshalb aufgehört ihr Bilder und Videos zu zeigen und auch keine Bilder mehr von ihr als Hintergrund. Es wurde schnell besser und erstmal sind die Handys wieder langweilig. Sie kennt auch kein TV und den PC nur für Textverarbeitung u.ä., alles recht uninteressant. In dem Alter ist es noch einfach!
Eine 16jährige Verwandte erzählte mir letztens, dass sie ihr Kindheitserinnerung nicht von den Videos trennen kann, die sie immer wieder gesehen hat. Das möchte ich nicht für meine Kinder und werde mein Bestes geben, das zu verhindern.

Von Ingeborg am 19.07.2016 09:44

Liebe Oma Anke: du solltest zum Babysitten dein Handy erst gar nicht mitnehmen! Und gibt es denn vielleicht ein Fotoalbum mit Bildern, die das Kind und seine Bezugspersonen zeigen, dann ist das vielleicht Anlass zum "Familiengeschichten erzählen". Viel Glück und Freude mit deiner Enkelin. Bin selbst Großmutter und zwar eine geliebte.

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Von Michael am 14.07.2016 11:06

Sehr guter einleuchtender Beitrag . . . und genau (!), nicht auf einen neuen Trend warten, sondern einen (mit-) inizieren!

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Von Franziska am 13.07.2016 23:02

Bravo!
wir haben eben 3 wochen camping ferien, komplett ohne stromfressende geräte, genossen. 3 wochen nur wir (4, 38, 42jahre) und die kroatische küste. übrigens machen wir dies bereits seit vielen jahren so. und ohne diese auszeit wären wir nicht 16 jahre ein ♡paar.

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Von Christian am 12.07.2016 16:02

Guter Standpunkt. Als Schulsozialarbeiter sehe ich leider viel ähnlich problematisches bei der Arbeit. Und dem Abschnitt mit den Medikamenten kann ich nur unterstreichen. Trotzdem denke ich man muss aufpassen, dass man den gesellschaftlichen Wandel nicht zu fest ausklammert. Dies ist nämlich eine Tatsache, welche ich ebenfalls oft beobachte. Kinder werden heut zu Tage viel mehr in ihre eigene Erziehung einbezogen...alleine schon die Tatsache, dass es meinen Job gibt, bestätigt dies. Ich sehe viele Probleme auch dort entstehen, wo die Führung fehlt und das Mitbestimmungsrecht des Kindes zu gross ist. Im Grunde ist diese gesellschaftliche Entwicklung ja etwas gutes und sie ermöglicht uns auf die Kinder einzugehen und vertrauensvolle Beziehungen zu gestalten...doch wie sagt man so schön "manchmal ist Kontrolle besser als Vertrauen"...und gerade beim Thema Medienkonsum passt dies sehr gut. Denn eines sehe ich auch immer wieder bei der Arbeit "Kinder und Jugendliche gedeihen am besten unter vertrauensvoller Kontrolle". Ich finde die Idee von Herr Juul spannend und altagsnah!!!

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Von Sascha am 12.07.2016 08:29

Mein Aha-Erlebnis tat weh. Ich ging mit meiner Tochter durch die Straßen und sie erzählte mir etwas aus ihrem Leben. Plötzlich hörte sie auf. Ich fragte nach „Hey, wie war das noch einmal?“; ihre Antwort: „Ach Papa, Du hörst doch sowieso nicht zu.“ Autsch, das saß, denn es stimmte. Ich war nämlich gedanklich mit meinem iPhone beschäftigt; ein Business-Call stand noch aus.

Wie es weiterging, erzähle ich in einem kurzem Video-Interview mit HuffPost Eltern http://www.selflab-blog.de/smartphone-eltern/

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Von Matthias am 10.07.2016 22:23

Viel Worte um Selbstverständlichkeiten, wenn mann gesunden Menschenverstand waltem lässt

Von Horst am 11.07.2016 16:48

Tja, wenn, wenn nur alle so schlau und gesund menschenverständlich handelten wie Sie, dann wäre natürlich alles in Ordnung. Mir scheint der Text von Herrn Juul allerdings mehr als notwendig, wenn ich mich mal aufmerksam in meiner Umwelt umsehe, in der dreijährige auf dem Tablet ihrer Eltern spielen - bis diese selber wieder zocken wollen. Wir steuern auf eine zwischenmenschlich durch Smartphones erschwerte Lage zu, und der "gesunde Menschenverstand" ist auf dem Rückzug. Deswegen ist der Text überaus wertvoll - für die große Mehrheit, Sie natürlich ausgenommen.

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Von Marie Thérèse am 11.07.2016 12:55

Vielen, inklusiv mir, aus dem Herzen gesprochen und so plausibel und objektiv , aber auch durchdacht dargestellt, dass alle sich damit auseinandersetzen müssen.
Es geht letztlich um die Erhaltung der Menschlichkeit in unserer Gesellschaft.
Seien Sie umarmt Herr Jesper Juul!

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Von Katharina am 11.07.2016 10:59

Hört sich gut an. Ich will versuchen es von Anfang an gleich zu machen. Bisher hat das Kidn noch kein Mobiltelefon...

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